Familien verlassen IS-Hochburg

21. Februar 2019 21:02; Akt: 24.02.2019 15:41 Print

«Der IS fährt hier eine clevere Strategie»

von Ann Guenter, Baghus - Dutzende Zivilisten und Familienangehörige von IS-Kämpfern konnten am Mittwoch den umzingelten Ortsteil von Baghuz verlassen.

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Die kurdisch-arabische Allianz Syrische Demokratische Kräfte (SDF) bemüht sich, Zivilisten aus der letzten IS-Bastion im Osten Syriens zu holen. Am 20. Februar 2019 hatten sie in Dutzenden Lastwagen Hunderte Männer, Frauen und Kinder aus dem Dorf Baghuz an der irakischen Grenze gebracht. Vertreter der irakischen Sicherheitskräfte sagten, 130 irakische Jihadisten seien von den SDF-Kämpfern an den Irak übergeben worden. Vor allem Kinder und verschleierte Frauen verliessen das Dorf Baghuz im Euphrattal. Bereits am 19. Februar hatten rund 30 Personen das noch von den IS-Kämpfern gehaltene Gebiet verlassen können. Die entscheidende Offensive auf Baghuz hatte sich zuletzt wegen der vielen Zivilisten vor Ort verzögert. Die SDF, die das Dorf an der irakischen Grenze seit Wochen belagern, erklärten, dass sie zunächst die Zivilisten herausholen wollten, bevor sie einen Angriff starten. Den Jihadisten in Baghuz bleibe nur die Kapitulation oder der Kampf bis zum Tod, sagten SDF-Sprecher. Seit Anfang Dezember waren 40'000 Menschen aus den letzten Bastionen der IS-Miliz am Euphrat geflohen, und auch Tausende Kämpfer hatten sich den SDF-Einheiten ergeben. Zuletzt kamen jedoch weniger Flüchtlinge, weshalb der Vorwurf erhoben wurde, die Jihadisten würden die verbliebenen Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchen. Erst am 19. Februar ergaben sich wieder rund 40 Zivilisten und Kämpfer den SDF-Einheiten. Auch IS-Kämpfer wurden in Lastwagen aus Baghuz transportiert. Soldaten der Syrischen Demokratischen Kräfte bewachten die Transporte. Baghuz gilt als der letzte vom IS kontrollierte Ort in Syrien.

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Hunderte Familienangehörige von IS-Kämpfern haben die letzte Bastion der Terrormiliz verlassen – wobei Bastion es nicht wirklich trifft: Die aktiven IS-Jihadis harren auf wenigen Hundert Quadratmetern aus, in schätzungsweise zweihundert Zelten und einer Handvoll Gebäude.

Ans Aufgeben denken sie nicht. Immer wieder sind Salven von Maschinengewehren zu hören, Autobomben detonieren, nachts gehen Dutzende Luftschläge auf sie nieder. Niemand weiss, wie viele Kämpfer sich noch in dieser Zeltstadt bei der Kleinstadt Baghuz verschanzen. Auch ist unklar, wie viele Zivilisten sie als menschliche Schutzschilde missbrauchen – oder ob sie noch westliche Geiseln wie etwa den britischen Fotografen John Cantlie festhalten.

«Ein Kilo Brot kostet 15 Dollar»

Ihre Familien aber beginnen die IS-Kämpfer jetzt wegzuschicken: Am Mittwoch fuhren 40 Lastwagen der kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF) vor die IS-Siedlung. Es dauert gut einen Tag, bis die vielen Frauen und Kinder in die Laster gebracht werden können. Viele von ihnen sind unterernährt und körperlich in schlechtem Zustand. «Ein Kilo Zucker kostet 60 Dollar, ein Kilo Brot – aus Sesam und Dreck zusammengebacken, kostet 15 Dollar», berichtet ein Mann, dem vor zwei Tagen die Flucht gelungen ist.

Die, die jetzt abtransportiert werden, haben Angst vor denen, die sie aus dieser Hölle holen wollen: Der IS hat ihnen erzählt, die SDF-Kämpfer würden ihnen ihr letztes Geld wegnehmen und sie töten. «Es kommt mir vor, dass der IS hier eine clevere Strategie fährt, indem er jetzt seine Kinder wegbringen lässt. Gerade die Älteren sind vollkommen indoktriniert, vergiftet mit dem IS-Hass», sagt ein SDF-Soldat, der seinen Namen nicht nennen will. «Es wird sich zeigen, ob sie diese Gehirnwäsche ablegen können oder ob sie die neue IS-Generation sind, die jetzt die Propaganda übernimmt.»

Die Kindern winken nicht zurück

Als die Laster vorbeifahren, sind Dutzende doppelt verschleierte Frauen zu sehen. Sie tragen schwarze Handschuhe – nicht wegen der Kälte, sondern weil sie als IS-Frauen keine Haut zeigen dürfen. Kinder und Teenager spienzeln von den Ladenflächen herab. Die Männer werden getrennt abtransportiert. Sie sind älter und unbewaffnet, vereinzelt haben sie Krücken dabei. Alle tragen den Bart auf die Länge gestutzt, die der IS vorschreibt. Niemand lächelt. Die Kindern winken nicht zurück, wenn man ihnen zuwinkt.

Die IS-Familien werden jetzt zu einem Stützpunkt mitten in der Wüste gebracht. Hier nimmt man ihre Fingerabdrücke, auch DNA-Tests kommen zur Anwendung. Ausweispapiere haben die wenigsten auf sich. Verlorene Ausweispapiere und Handys machen klar: Es sind viele Ausländer unter den IS-Familien. 20 Minuten hat die weggeworfene ID eines Mannes aus Bosnien-Herzegowina gefunden. Auf der SIM-Karte eines verlorenen Handys sind Fotos einer Frau mit blasser Haut, blonden Haaren und blauen Augen. Sie könnte Deutsche, Französin, Britin oder auch Schweizerin sein.