Diskussion in der EU

25. Juli 2018 21:38; Akt: 25.07.2018 21:50 Print

Litauen will Sommerzeit das ganze Jahr hindurch

Soll die Zeitumstellung abgeschafft werden? Wenn ja, lieber Sommer- oder Winterzeit? Derzeit läuft in der EU eine breit angelegte Online-Umfrage.

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Eingeführt wurde die Sommerzeit 1973 in Europa anlässlich der Ölkrise und mit dem Gedanken, Energie zu sparen. Mit der Zeitverschiebung sollte eine Stunde Tageslicht für Unternehmen und Haushalte gewonnen werden. Die Schweiz führte die Sommerzeit 1981 ein, um sich den Nachbarländern anzupassen. Vorher war sie in einer Volksabstimmung abgelehnt worden. Fachleute zweifeln mittlerweile am Nutzen: Zwar schaltet man im Sommer abends seltener das Licht an, ... ... dafür wird im Frühling und im Herbst in den Morgenstunden mehr geheizt. Laut einer Studie des deutschen Büros für Technikfolgenabschätzung von 2015 liegt die Einsparung bei weniger als 0,03 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs. Der Rückgang der für Beleuchtung nötigen Energie liegt bei 0,21 Prozent. Zudem führt es zu gesundheitlichen Problemen, wenn an der Uhr gedreht wird. Man sagt, im Durchschnitt benötigen Menschen ein bis zwei Tage, bis die innere Uhr wieder richtig tickt. Müdigkeit, ... ... verminderte Leistungsfähigkeit und ... ... vermehrte Herzinfarkte sind die Folge. Ein Schlafforscher nannte das einst «Jetlag unter erschwerten Bedingungen». Doch nicht jeder ist nach ein bis zwei Tagen wieder im Rhythmus. Vor allem ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit Schlafstörungen tun sich damit eher schwer – die Eingewöhnungsphase kann bei ihnen bis zu sieben Woche dauern. Auch das Schlaganfallrisiko und ... ... die Infektanfälligkeit sind in den Tagen nach der Umstellung erhöht. Zudem ... ... wurde nach der Umstellung im Frühling eine erhöhte Fehlgeburtenrate bei künstlich befruchteten Frauen festgestellt. Der Körper wird während der Sommerzeit von der Natur zum selben Stand der Sonne fit gemacht, auch wenn er eine Stunde eher geweckt wird. Das liegt daran, dass die Wirkung des Stresshormons Cortisol nicht der veränderten Uhrzeit, sondern dem Sonnenaufgang folgt. Nach der Zeitumstellung im Frühling schläft man in den ersten Tagen durchschnittlich 40 bis 50 Minuten weniger. Zudem schläft man nach der Umstellung sowohl im Herbst wie im Frühling deutlich unruhiger. Nach der Umstellung im Herbst werden sprunghaft mehr Winterdepressionen diagnostiziert. Das liegt wohl daran, dass dadurch der Winter schlagartig fassbar wird, was eine Art psychologischen Schock auslösen kann. Die Menstruation kann bei Frauen, die nicht hormonell verhüten, bis zu zehn Tage später einsetzen. Die Verschiebung des Zyklus kann bis zu drei Monate andauern. Da sich Wildtiere am Sonnenlicht orientieren und keine Zeitumstellung kennen, kommt es bis zu vier Wochen nach der Zeitumstellung zu überdurchschnittlich vielen Wildtierunfällen. Mehrere Studien haben zudem ergeben, dass am Montag nach der Zeitumstellung generell mehr Unfälle passieren. Schuld daran: Der Sekundenschlaf, die morgendliche Dunkelheit und die verwirrte innere Uhr. Doch nicht nur der Mensch, auch das Vieh hat Mühe mit der Zeitumstellung. Eine Kuh kann nicht einfach eine Stunde später gemolken werden, wenn bereits 20 bis 25 Liter Milch im Euter warten. Sonst drohen Euterentzündungen. Die Bauern behelfen sich damit, dass sie die Melkzeit bereits ein paar Tage vor der Sommerzeit schrittweise nach vorne verlegen. Das funktioniert.

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Nein zum Drehen am Uhrzeiger: Litauen spricht sich in der Debatte um die Abschaffung der Zeitumstellung für eine dauerhafte Sommerzeit aus.

Die Regierung in Vilnius verabschiedete am Mittwoch einen entsprechenden Beschluss, der vom Verkehrsministerium des baltischen EU-Landes ausgearbeitet wurde. Diese Position soll nach Angaben der Staatskanzlei nun der EU-Kommission übermittelt werden. «Wir wollen die Sommerzeit, weil es natürlicher ist», sagte Minister Rokas Masiulis nach Angaben der Agentur BNS.

Bürger-Befragung

Die EU-Kommission prüft derzeit Forderungen nach einer Änderung der geltenden Sommerzeitregelung. In einer Online-Umfrage können die gut 500 Millionen EU-Bürgerinnen und Bürger bis zum 16. August angeben, ob sie künftig gerne ohne Zeitumstellung leben würden und ob sie Winter- oder Sommerzeit bevorzugen.

Sollte die Brüsseler Behörde zum Schluss kommen, dass die Nachteile der Zeitumstellung überwiegen, könnte sie den EU-Staaten und dem Europaparlament entsprechende Gesetzesvorschläge machen.

(bee/sda)