Nach 20 Jahren

31. Oktober 2008 15:35; Akt: 31.10.2008 15:57 Print

Lockerbie-Bomber könnte bald freikommen

Der libysche Agent, der vor 20 Jahren eine Boeing 747 über dem schottischen Ort Lockerbie in die Luft gesprengt haben soll, ersucht um Entlassung aus dem Gefängnis. Er hat Krebs im Endstadium.

Fehler gesehen?

Die Anwälte von Abdel Basset Ali al-Megrahi haben gemäss britischen Medienberichten ein Gesuch um Entlassung aus dem Gefängnis Greenock eingereicht. Die 56-jährige Libyer ist dort seit sieben Jahren inhaftiert und verbüsst eine lebenslange Haftstrafe. Al-Megrahi soll unter strengen Bewährungsauflagen bei seiner Familie in der Nähe von Glasgow leben. Das Oberste Gericht Schottlands in Edinburgh wird den Fall am nächsten Donnerstag anhören.

Al-Megrahi hatte im Oktober von seinen Ärzten den Bescheid erhalten, dass er unter Prostatakrebs in fortgeschrittenem Stadium leidet. Bereits hätten sich in seinem Körper Metastasen gebildet, der Libyer habe nur noch wenige Monate zu leben. Die Diagnose wurde gemäss der Zeitung «The Guardian» von zwei Krebsspezialisten bestätigt.

Umstrittene Libyen-These

Trotz des Befundes ist die Kontroverse programmiert. Denn Abdel Basset Ali al-Megrahi gilt als verantwortlich für den Bombenanschlag auf den Pan-Am-Flug 103 am 21. Dezember 1988. Eine Boeing 747 explodierte über dem schottischen Ort Lockerbie, 270 Menschen kamen ums Leben. Es war der bis heute schlimmste Terroranschlag auf britischem Boden.

Ins Visier der Ermittler geriet der libysche Geheimdienst, der Anschlag galt als Vergeltung für US-Luftangriffe auf Tripolis und Benghazi im Jahr 1986. Nach langem Tauziehen wurde der Geheimdienstoffizier Abdel Basset Ali al-Megrahi 2001 von einem schottischen Gericht verurteilt. Libyen zahlte 2,5 Milliarden Dollar an die Angehörigen der Opfer, ohne allerdings eine Beteiligung am Anschlag zuzugeben.

Auch al-Megrahi beteuerte stets seine Unschuld. Eine Untersuchungskommission kam letztes Jahr zum Schluss, dass Zweifel an einem wichtigen Zeugen der Anklage bestünden und Beweismaterial zurückgehalten worden sei, weshalb der Libyer unschuldig sein könnte. Die Wiederaufnahme des Verfahrens ist jedoch blockiert, weil das Aussenministerium in London die Herausgabe eines Geheimdienstberichts verweigert.

Angehörige sind gespalten

Die angestrebte Freilassung entzweit die Angehörigen der Lockerbie-Opfer. Die einen sind strikt dagegen, nicht zuletzt mit Blick auf den bevorstehenden Jahrestag. Der Arzt Jim Swire, dessen Tochter im Flugzeug sass, befürwortete sie jedoch gegenüber der BBC: «Wenn er in der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt, weiterhin von seiner Familie und den fünf Kindern getrennt bleiben muss, grenzt das in meinen Augen an Folter.»

(pbl)