Flucht in EU

04. Februar 2015 11:40; Akt: 04.02.2015 15:52 Print

Massenexodus aus dem Kosovo

Seit Jahren leidet der Kosovo unter einer schwächelnden Wirtschaft. Junge Kosovaren verlassen das Land in Massen, um in der EU ihr Glück zu suchen.

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Für Mittwoch ist in der kosovarischen Hauptstadt Pristina
erneut eine grosse Demonstration gegen die Regierung geplant. Doch viele Kosovaren greifen zu einem anderen Mittel, um den Problemen ihres Landes zu entkommen: Sie verlassen ihre Heimat und wandern illegal in die EU aus.

Rund 20'000 Kosovaren haben dem Balkanstaat im letzten Jahr den Rücken gekehrt – mehr als ein Prozent der 1,82 Millionen Einwohner. Dabei habe der Massenexodus erst gegen Mitte 2014 wirklich angefangen, wie balkaninsight.com schreibt.

Die Auswanderer erhoffen sich im Ausland eine bessere Zukunft. «Wenn ich in den Sommerferien im Kosovo bin, sehe ich fast nur Autos mit Schweizer oder deutschen Kennzeichen», sagt Arbnore Gashi, eine Kosovarin, die in der Schweiz lebt. «Daraus schliessen die Kosovaren, die noch im Land bleiben, dass das Geld hier auf den Bäumen wächst. Viele von ihnen wollen jetzt auch ausreisen.» Darunter seien selbst Leute, die im Kosovo einen festen Job hätten.

«Die Leute haben keine Jobs und keine Hoffnung»

Der Kosovo gilt als das «Armenhaus Europas». Seit Jahren wächst die Wirtschaft des Landes nur sehr langsam. 2013 betrug das Bruttoinlandprodukt pro Kopf umgerechnet rund 3525 Franken – der Vergleichswert der Schweiz erreichte zur gleichen Zeit das 21-fache. Zur schwachen wirtschaftlichen Lage kommt die weit verbreitete Korruption: Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International belegt das Land den 111. von 175 Plätzen.

Es fehlt an Perspektiven, sagt Oppositionspolitiker Rexhep Selimi zu 20 Minuten: «Der Kosovo-Krieg ist 20 Jahre her, aber die Leute haben noch immer viele Gründe, das Land zu verlassen.» Die Kosovaren sehen für ihr Leben im Balkanstaat keine Zukunft, sagt er weiter. «Früher hatten die Leute keine Jobs, aber waren noch optimistisch. Heute haben sie noch immer keine Jobs, aber auch keine Hoffnung mehr.»

Staatspräsidentin Atifete Jahjaga hat dieser Kritik nichts entgegenzusetzen: «Seit Jahren haben wir keine wirtschaftliche Entwicklung und eine hohe Arbeitslosigkeit. Die Einzigen, die von der Situation hier profitieren, sind kriminelle Banden.»

Eine Schweiz-Kosovarin widerspricht

Die kosovarische Regierung ruft ihr Volk dazu auf, das Land nicht zu verlassen. Die illegale Migration aus dem Land schade den Beziehungen zur EU. Der EU-Kosovo-Beauftragte Samuel Zbogar sagt zu balkaninsight.com: «Asylanträge aus dem Kosovo werden in keinem EU-Staat angenommen. Die Migranten werden ärmer zurückkommen, als sie abgereist sind.»

Hier widerspricht eine Schweizerin mit kosovarischen Wurzeln: «Ich kenne einige Leute, die vor kurzem aus dem Kosovo ausgereist sind. Dass sie ihre Heimat verlassen müssen, ist schade. Aber ich habe das Gefühl, dass es ihnen besser geht, wenn sie im Ausland schwarzarbeiten.»

Keine bekannten Auswirkungen auf die Schweiz

Doch die Reise in die EU birgt für die Kosovaren Risiken. Die Auswanderer müssen beim Grenzübertritt eine grüne Grenze überqueren, viele vertrauen sich Schlepperbanden an, andere versuchen es auf eigene Faust. Im Januar wurde in Ungarn die Leiche eines Kosovaren gefunden. Der 54-Jährige war nur wenige Meter hinter der Grenze erfroren.

Auf die Schweiz hat die Auswanderungswelle bisher keine bekannten Auswirkungen. Die Asylstatistik des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt keine signifikante Zunahme von Asylgesuchen aus dem Kosovo – mit gutem Grund. Sprecher Martin Reichlin sagt zu 20 Minuten: «Asylgesuche aus dem Kosovo haben im Moment eine sehr kleine Chance.»


Bilder von einem Busbahnhof zeigen, wie sich die Kosovaren um einen Platz im Bus drängen.


(nsa)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ahmed am 04.02.2015 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fast

    In der EU? Seit wann ist die Schweiz Mitglied der EU

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  • Schwedin am 04.02.2015 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwedin

    Keine angst lieber Schweizer , sie wolle alle nach Schweden . Schweiz ist nicht mehr so beliebt.

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  • Ruedi Allensbach am 04.02.2015 12:11 Report Diesen Beitrag melden

    Seltsam...

    Zuerst wollten sie einen eigenen Staat, welchen sie auch gekriegt haben, und nun ist dies ihnen immer noch nicht gut genug? Des Weiteren frage ich mich, wie viele von den kosovarischen Flüchtlingen in der Schweiz wirklich zurückgekehrt sind...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani am 05.02.2015 07:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Illegal

    Klar gibt es keine Zunahme der Asylgesuche. Sie wandern ja illegal in die Länder ein :-)

  • MENSCH am 04.02.2015 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    VERSTÄNDLICH

    Ich komme ursprünglich aus Bosnien. Die Lage dort ist fast gleich, wenn nicht schlechter. Wir müssen Verständniss zeigen.Viele Leute bemühen sich, schliessen Schulen ab,Studieren jahrelang und 80% finden keinen Job da es keine gibt. Der einzige Ausweg ist die Flucht ins Ausland.

  • Klartext am 04.02.2015 22:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr schein als sein

    Wie gesagt. Die schweiz und andere länder bereichern sich gerne an billigen ausländischen arbeitskräften, solange sie benötigt werden. Aber geht es mal darum menschen in not zu helfen, ohne eigene interessen, dann will man von all dem nichts wissen. Mein Vater hat 19 jahre zu einem mindestlohn in einer baumschule gearbeitet und hat eine 7-köpfige familie 13 jahre lang in einer alten 3.5 zimmer-wohnung ernährt ohne auch nur 1 rappen vom staat zu kriegen. Also tut nicht so al würde die schweiz irgendjemandem etwas schenken. Die welt gehört allen

  • edwin am 04.02.2015 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hier bei uns

    das Geld wächst wortwörtlich auf den Bäumen hier bei uns in der Schweiz.

  • pipi am 04.02.2015 22:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    auswanderung

    die schweizer haben vergessen das sie vor 100 jahren auch ein auswanderungsland waren?

    • Eddy Keller am 05.02.2015 11:51 Report Diesen Beitrag melden

      Massenauswanderung!

      Aber in der Zwischenzeit etwas aus dem Land gemacht, dass jetzt nach und nach von aussen und Zuwanderer zerstört wird. Aber andere Länder werden in 2000 Jahren immer noch gleich sein ausser das die Bevölkerung sich verzehnfacht hat.

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