Studie deckt auf

31. März 2014 11:35; Akt: 31.03.2014 11:33 Print

Massengrab Europa – 23'000 tote Migranten

Auf ihrem Weg in ein vermeintlich besseres Leben sterben viel mehr Menschen vor Europas Toren, als bislang geschätzt wurde. Das zeigt ein Projekt europäischer Journalisten.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ein Schiff mit Hunderten Migranten an Bord ist rund 65 Seemeilen nordwestlich der Mittelmeerinsel Kreta in Seenot geraten. Die Rettungsaktion der griechischen und amerikanischen Marine dauerte am Montagmittag noch an. An Bord seien bis zu 400 Menschen, hiess es.

Eine Meldung, wie sie fast täglich in den Redaktionen eintrifft. Sei es aus der spanischen Enklave Ceuta in Marokko oder von der italienischen Insel Lampedusa. Oft bleibt es bei der Meldung, trockene Zahlen stehen für tragische menschliche Schicksale.

Wie viele Menschen auf ihrem Weg nach Europa verunglückt und ums Leben gekommen sind, hatten bislang weder die EU noch die Internationale Organisation für Migration (IOM) gesamthaft untersucht. Eine Gruppe europäischer Journalisten, darunter auch solche der NZZ, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Zahl der auf dem Weg nach Europa verstorbenen oder als vermisst gemeldeten Migranten zu dokumentieren.

Die Zahlen sind erschreckend und liegen viel höher als bislang angenommen. Seit 2000 sind demnach über 23'000 Menschen auf ihrem Weg nach Europa gestorben oder als vermisst gemeldet worden. Zuvor war man davon ausgegangen, dass es seit Anfang der 90er-Jahre zwischen 17'000 und 19'000 Opfern gegeben waren. Die effektiven Zahlen dürften sogar noch höher liegen, nimmt man die nicht dokumentierten Fälle dazu.

Menschenleben retten bei gleichzeitiger Abschottung

Für ihre Untersuchung mit dem Titel «The Migrants’ Files» stützten sich die Journalisten auf Daten der Non-Profit-Organisation United For Intercultural Action sowie auf solche des Journalisten Gabriele del Grande. Der Italiener protokollierte in seinem Projekt «Fortess Europe» die Anzahl Toten und Vermissten, die sich in Europa ein besseres Leben aufbauen wollten. Del Grande prägte mit seinem Projekt den Begriff der «Festung Europa», der mittlerweile als Synonym für die Asylpolitik der EU steht: Eine Politik, die zwar Menschenleben retten will, aber gleichzeitig sehr restriktiv angelegt und auf Abschottung der Aussengrenzen bedacht ist.

Das Journalistenprojekt «The Migrants’ Files» zeigt eine grosse Schwierigkeit der Migration auf: Sobald die EU ihre Grenzkontrollen verschärfte, wie etwa zwischen der Türkei und Griechenland, verschoben sich die Migrationsbewegungen: Achtmal mehr Migranten versuchen jetzt auf dem Seeweg, in das gelobte europäische Land zu gelangen. 2011 waren es weniger als 1500 Personen gewesen, 2013 über 11'000.

Flexible Menschenhändler

Menschenhändler sind mit ihren Geschäften äusserst flexibel, wie der Bericht zeigt. Seit Neustem sind die griechischen Inseln Kreta und Kos beliebter Anlaufpunkt, um auf das europäische Festland zu gelangen.

Auch der Seeweg zwischen Libyen und Lampedusa steht hoch im Kurs, wobei Libyen zu einem der wichtigsten Angelpunkte für Migranten geworden ist. Das lässt sich auf das Machtvakuum und die fehlenden Strukturen zur Strafverfolgung zurückführen, die seit dem Sturz von Diktator Muamar al-Gaddafi eklatant in Erscheinung getreten sind.

Das erklärte Ziel von «The Migrants’ Files» ist es, die hohen Opferzahlen, die hinter der Migrationspolitik der EU stehen, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

(gux)