Katastrophe in Japan

27. März 2011 22:40; Akt: 27.03.2011 22:40 Print

Massengräber für Japans Tsunami-Opfer

von Jay Alabaster, dapd - Japan ist für feierliche Bestattungsriten bekannt. Seit dem 11. März müssen Angehörige aber bei Massenbegräbnissen Abschied nehmen. Das ist für viele eine zusätzliche Belastung.

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Die Beerdigung von Chieko Moris Tochter und ihrer Enkeltochter bricht alle Tabus. Die zwei Toten liegen in schlichten Sperrholzsärgen, die von Soldaten in einem Gemüsegarten in eine Grube gesenkt wurden.

Direkt neben ihnen werden elf weitere Särge aus dem gleichen Material hinabgelassen, ihnen sollen in den kommenden Tagen 400 weitere in die Tiefe folgen. Es ist das erste Massenbegräbnis in der nordjapanischen Stadt Yamamoto. Bei der kurzen Zeremonie entschuldigte sich ein buddhistischer Priester für die widrigen Umstände der Beerdigung.

Hinterbliebene hoben die Sargdeckel an, um ihren toten Verwandten noch ein letztes Mal zu streicheln und ihnen ihre in Tüten verstauten Habseligkeiten ins Grab zu legen. Schluchzend müssen die Trauernden dann mit ansehen, wie Soldaten die Särge mit weissen Handschuhen anheben und beisetzen.

In normalen Zeiten undenkbar

In Japan, das für seine besonders feierlichen Bestattungsriten bekannt ist, wäre eine solch systematische Beseitigung der Toten in normalen Zeiten undenkbar.

Gerade in den ländlichen Gebieten des Inselreichs werden Verstorbene in aller Sorgfalt nach buddhistischen Bräuchen gewaschen, in ein weisses Totengewand gehüllt und eingeäschert. Die sterblichen Überreste werden dann in Urnen mit nach Hause genommen und schliesslich in ein Familiengrab gebracht.

Keine andere Wahl

Dann brach am 11. März jedoch die verheerende Erdbeben- und Tsunamikatastrophe über die Menschen herein. Innerhalb kürzester Zeit füllten sich die provisorisch eingerichteten Leichenhäuser mit Tausenden Leichen.

Den örtlichen Behörden blieb nach eigenen Angaben keine andere Wahl, als die Opfer in hastig ausgehobenen Massengräbern beisetzen zu lassen. Gleichzeitig wird jedoch betont, dass diese nur vorläufige Ruhestätten seien. So sollen die Verstorbenen später angemessen bestattet werden.

Nach dem Verlust ihrer Angehörigen sind die schon fast technokratisch abgehandelten Massenbegräbnisse für viele Betroffene jedoch eine weitere Tragödie, weil sie so der Möglichkeit beraubt werden, mit dem Tod ihrer Lieben gebührend abzuschliessen.

Seit dem Tod ihrer Angehörigen ist Mori wie gelähmt. Sie steht unter Schock, antwortet oft nicht, wenn sie angesprochen wird. Auch ihr Ehemann, ihr Schwiegersohn und eine weitere Enkelin kamen bei der Katastrophe ums Leben und sollen in den kommenden Tagen im Massengrab vom Yamaoto beigesetzt werden.

Die Stadt in der Präfektur Miyagi wurde vom Erdbeben und dem Tsunami besonders hart getroffen. Von den 16 700 Einwohnern der Stadt gelten rund 1000 als tot oder vermisst.

«Richtige Feuerbestattung nicht möglich»

Moris Schwester Tomiko Sato ist aus einer nahegelegenen Stadt angereist, um bei der Beerdigung vom Samstag dabei zu sein und Mori zu trösten. «Im Rathaus haben sie uns gesagt, dass eine richtige Feuerbestattung nicht möglich ist und dass wir dazu die Leichname selbst nach Yamagata bringen müssten», erklärte Sato.

Die Präfektur Yamagata ist etwa 80 Kilometer entfernt - wegen fehlenden Benzins jedoch zu weit weg für Mori und Sato. «Aber zumindest ist das nur ein vorläufiges Grab. Die Regierung hat erklärt, dass sie die Leichname innerhalb von zwei Jahren einäschern lassen will, damit wir die Urnen in das Familiengrab bringen können», sagt Sato.

Es war nicht einfach, die Leichname ihrer Verwandten zu finden. Nachdem sie für ihr Auto Benzin geliehen hatte, war sie zwei Wochen lang durch die Gegend gefahren, um in örtlichen Notunterkünfte nach ihrer Familie zu suchen.

Die bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche ihrer Grossnichte Honoka fand sie als letztes. «Sie hatte ihre Schuluniform nicht getragen, aber ihr Lehrer kontaktierte ihren Freund. Dieser sagte uns, dass er ihr ein Halsband und ein Armband geschenkt hat», sagte sie. «Sie hatte beide getragen.»

«Ich habe ihn immer Opa genannt»

Auch in Higashimatsushima, einer Stadt an der Nordküste Japans, wird am Samstag ein Massenbegräbnis abgehalten. Soldaten haben in einer Recyclinganlage eine riesige Grube ausgehoben, auf dem Gelände liegen überall Plastikflaschen und Neonröhren herum. Bei strömenden Regen hat es zuvor eine Trauerzeremonie gegeben.

Viele der Hinterbliebenen der Opfer sind mit Bussen aus ihren Notunterkünften gebracht worden. Während die Soldaten die Särge in die riesigen Schlunde hinablässt, verliest ein Behördenvertreter die Namen der TKatastrophe in Japan Massenbegräbnisse für Hinterbliebene in Japan weitere Tragödie Von Jay Alabaster, AP Featureoten.

«Wir haben bei dem Tsunami den Vater meiner Frau verloren. Er war nicht mein Grossvater, aber wir waren uns sehr nah. Ich habe ihn immer Opa genannt», sagt Koji Ushigome über seinen Schwiegervater Yuichi Takahashi. «Er war ein sehr netter Mann. Obwohl er selbst nicht so gerne trank, hat er mir immer eine schöne Flasche Sake gekauft.»

Als Takahashi hinabgelassen wird, ist auf dessen Sarg in schwarzen Lettern die Nummer 670 zu sehen. Diese soll später dabei helfen, die Stelle ausfindig zu machen, an der der 81-Jährige begraben wurde. Seine sterbliche Überreste sollen eines Tages exhumiert und eine standesgemässe Ruhestätte bekommen.