Deutsche Studie

21. August 2016 08:04; Akt: 21.08.2016 08:04 Print

Medien berichten einseitig über Flüchtlinge

von Viviane Bischoff - Forscher haben die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise ausgewertet. Ihr Schluss: Die meisten deutschen Medien haben sich einseitig positioniert.

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Reichweitenstarke deutsche Medien hätten sich das Motto der Bundeskanzlerin - «Wir schaffen das» - zu eigen gemacht. Zu diesem Schluss kommt Michael Haller, Autor einer Studie zur deutschen Berichterstattung zur Flüchtlingspolitik. So zum Beispiel «Die Zeit», die im August 2015 titelte: «Willkommen!» Der Medienwissenschaftler Haller wertete mit weiteren Forschern an der Hamburg Media School über 34'000 Pressebeiträge aus. Insgesamt seien 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik positiv konnotiert gewesen, zwölf Prozent neutral, sechs Prozent hätten die Flüchtlingspolitik kritisch betrachtet. In den Monaten Juli bis September 2015 ist die Berichterstattung zur Flüchtlingsthematik explodiert. «Merkel: Wir schaffen das», titelte beispielsweise «Der Tagesspiegel». Die grossen deutschen Medien hätten die Meinung der Bundeskanzlerin Angela Merkel übernommen und sich damit eindeutig positioniert, sagen die Forscher. Die Berliner «B.Z.» legte einer Ausgabe im September 2015 eine Sonderbeilage auf Arabisch bei. Die Stimmung in der Bevölkerung wandelte sich im Verlauf des Sommers 2015. Dieser Entwicklung hinken die Medien laut Studie aber hinterher. Die «B.Z.» titelte im August: «Ich würde Flüchtlinge bei mir aufnehmen.» Unter dem Motto «Wir helfen» startete die «Bild» im September 2015 eine Kampagne, um Flüchtlingen in Deutschland zu helfen. Das «Hamburger Abendblatt» bedankte sich im Juli 2015 bei der Bevölkerung für den Einsatz für eine Hilfsaktion für Flüchtlinge. Auch das Satiremagazin «Titanic» nahm im Oktober 2015 das Thema Flüchtlingspolitik auf. Im September 2015 stellte der «Focus» die kritische Frage: «Schafft sie das?» «Refugees Welcome» skandierten Tausende auf der Strassen Berlins. Solche Bilder fanden in den Medien viel Beachtung.

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Rund eine Million Flüchtlinge kamen 2015 nach Deutschland. 19'000 Berichte haben deutsche Medien zum Thema Flüchtlingspolitik veröffentlicht. Der Medienforscher Michael Haller wertete sie für die Hamburg Media School aus. Die Zwischenergebnisse lassen aufhorchen.

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Weil die Studie noch nicht abgeschlossen ist, wollte sich der Autor auf Anfrage von 20 Minuten nicht zu den Ergebnissen äussern. Vor einer Woche stellte Haller an der Netzwerk-Recherche-Konferenz in Hamburg aber seine Zwischenergebnisse vor.

Medien positionierten sich eindeutig

Wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schreibt, nahm gemäss Hallers Auswertung die Berichterstattung über die Flüchtlingspolitik in den Monaten Juli bis September 2015 stark zu. Einzelne Zeitungen publizierten zum Thema bis zu sieben Artikel pro Tag.

In 82 Prozent aller untersuchten Beiträge sei positiv über die Flüchtlingspolitik berichtet worden, in zwölf neutral und in sechs Prozent wurde sie kritisch betrachtet. Die grossen deutschen Medien schlossen sich dem Motto von Bundeskanzlerin Angela Merkel – «Wir schaffen das» – an und positionierten sich damit eindeutig.

«Zu wenig ausgewogen»

Die deutsche Presse wurde in den letzten Jahren immer wieder kritisiert. 2014 wurde der Begriff «Lügenpresse» zum «Unwort des Jahres» erkoren. Trotz der Studienergebnisse sei der Begriff hier nicht angebracht, sagt Linards Udris vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) zu 20 Minuten. Das Wort sei lediglich ein politischer Kampfbegriff. Die Studie könne aber zeigen, dass deutsche Medien zu rasch von einem Extrem ins andere kippten.

«Die Studie legt nahe: Die Medien waren offenbar nicht nur in der ‹Willkommenskultur›-Phase, sondern auch in der ‹Problem›-Phase zu wenig ausgewogen», sagt Udris. Er kritisiert: «Die Medien waren schon viel früher zu wenig genaue Beobachter, denn sie haben sich kaum für die Schicksale von Flüchtlingen interessiert, als diese noch nicht in Europa waren.»

Medien verloren Glaubwürdigkeit

Rund zwei Drittel der tonangebenden Medien vernachlässigten im Sommer 2015, dass die Aufnahme der grossen Zahl von Flüchtlingen die Gesellschaft vor Probleme stellen würde, so die «FAZ». Nur ein Drittel der Berichte griff ab November die Schwierigkeiten auf.

Parallel dazu habe sich die Einstellung der Bevölkerung gewandelt. Sie sah die Flüchtlingspolitik immer kritischer. Die Berichterstattung sei der sich ändernden Wahrnehmung der Bevölkerung hinterhergelaufen. Deshalb büssten die Medien bis zum Jahresende 2015 an Glaubwürdigkeit ein.

Politiker mit einfachen Rezepten profitieren

Während zu Beginn des Jahres 2015 gemäss dem «Reuters Digital News Report» noch 60 Prozent der Deutschen die Medien als vertrauenswürdig einstuften, waren es ein Jahr später nur noch 52 Prozent. Im internationalen Vergleich ist das immer noch eher hoch. «Es gibt ein Grundvertrauen in die deutschen Medien», so der Medienforscher Udris, obwohl 28 Prozent der Leute den Medien nicht vertrauen würden.

Grundsätzlich könne man aber erkennen, dass die Medien internationale Ereignisse zu wenig erklärten und die Bevölkerung so von Aktualitäten wie der Flüchtlingskrise überrascht würden. «Dies kommt denjenigen Politikern entgegen, die hier einfache Lösungsrezepte vorschlagen», sagt Udris. Im Oktober will Studienautor Haller alle Ergebnisse veröffentlichen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schnabias am 20.08.2016 00:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Déjà-vu

    Leider beschränkt sich dieses Phänomen nicht nur auf die deutsche Medienlandschaft. Es ist auch hier zu beobachten. Als Beispiele seien vor allem genannt die Tagesschau, 10vor10, Rundschau. Die wenigen Politiker und Journalisten, die das Kind beim Namen nennen, werden umgehend als rechtspopulistisch und schlimmer verunglimpft. Auch das haben wir mit den Deutschen gemeinsam.

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  • René B. am 19.08.2016 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist in der Schweiz nicht anders

    Auch hier wird mehrheitlich viel zuwenig kritisch hinterfragt und berichtet. Zudem probiert man immer wieder auf die Tränendrüsen der Bevölkerung zu drücken. Was damit erreicht werden soll ist mir ein Rätsel.

  • innerschwiizer am 19.08.2016 21:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nun ja

    kritisch darf man sich ja nicht äussern sonst ist man sofort rechts... aber das für dumm verkaufte volk wird es quittieren, bei der presse wie auch bei den politikern!

Die neusten Leser-Kommentare

  • äsä am 21.08.2016 17:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lösung...

    Räumt endlich mal auf in den Ländern wo Menschen Flüchten müssen! Damit wäre/ist dieses Thema dann auch Erledigt und alle können wieder in ihren Ländern Leben. Aber nein, lieber im Vordergrund JAMMERN und hinten herum Kriegsmaterial verkaufen. Nur TRAURIG auf unserer Welt!

  • Sam Süffi am 21.08.2016 11:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überall

    nicht nur in deutschland...

  • Raggii am 21.08.2016 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hier nicht anders

    Es ist hier doch nicht anders. Wenn sich ein Dorf dazu entscheidet, keine Flüchtlinge aufzunehmen, muss es dafür bezahlen (Oberwil-Lieli), indirekt gibt der Staat doch somit zu, dass sie mehr Belastung als Nutzen sind. Wir sollten uns fragen, wer in der Politik dafür verantwortlich ist, dass wir für unser Wohlbefinden zusätzlich zur Kasse gebeten werden. Die Politiker glauben, sie können uns aufzwingen, was wir als gut und was wir als schlecht zu empfinden haben. Kaum kritisiert jemand die Flüchtlinge wird es als Rechtspopulist abgestempelt.

  • Schnabias am 20.08.2016 00:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Déjà-vu

    Leider beschränkt sich dieses Phänomen nicht nur auf die deutsche Medienlandschaft. Es ist auch hier zu beobachten. Als Beispiele seien vor allem genannt die Tagesschau, 10vor10, Rundschau. Die wenigen Politiker und Journalisten, die das Kind beim Namen nennen, werden umgehend als rechtspopulistisch und schlimmer verunglimpft. Auch das haben wir mit den Deutschen gemeinsam.

    • Sam Süffi am 21.08.2016 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Schnabias

      Ist eher das Gegenteil der Fall. Bei uns wird alles gemischt... wichtug ist gegen der-das-die Fremde agieren zu können. Es werden dabei sachlich bis verachtende Argument hervorgebracht. Einige von uns scheinen zu vergessen, dass es sich um Menschen handelt, deren Würde verletzt wird. Egal ob Flüchtlinge oder "Gastarbeiter"...

    • apollocombat am 21.08.2016 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Schnabias

      die rechten übertreibens ganz einfach !!! wenns nach ihnen gehen würde wäre die schweiz leer

    • apollocombat am 21.08.2016 13:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @apollocombat

      haha typische kommentare bei 20 min... 90% rechts -.-

    • Sam Süffi am 21.08.2016 14:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @apollocombat

      zum glück sind nicht alle schweizer so wie die daumen-runter genossen...

    einklappen einklappen
  • steffchef am 19.08.2016 22:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch ein bisschen verständlich

    Was können die Medien anderes tun als den politischen Entscheid zu kommunizieren? Würden die beliebtesten Medien den Weg der Regierung offen in Frage stellen, wäre die Verunsicherung in der Bevölkerung noch grösser. Zusätzlich würde es die Regierungsgegner bestätigen und somit den Staat in arge Schwierigkeiten bringen die Krise zu bewältigen