Was die Kanzlerin wirklich sagte

17. Juli 2015 14:08; Akt: 20.07.2015 14:21 Print

Merkels Mädchen wird gar nicht abgeschoben

Angela Merkel streichelt ein Flüchtlingskind, die Internetgemeinde schäumt vor Wut. Zu Unrecht, wie eine ungeschnittene Szene nun zeigt.

Quell der Wut: Die geschnittene Szene mit Angela Merkel. (Quelle: Euronews)
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«Kalt, kühl, emotionslos», twitterte es über Angela Merkel wie im Blitzkrieg. Was hatte die deutsche Bundeskanzlerin bloss Schlimmes getan? Nun, sie hatte ein Flüchtlingsmädchen gestreichelt. Auf «menschenverachtende» Art und dies erst noch vor laufender Kamera. Liebevoll drücken und gleichzeitig abfällig sein – das ist ein emotionaler Spagat, den man erst einmal fertigbringen muss. Merkel sei es gelungen, befanden auch Zuschauer aus der Schweiz. Mit Schaum vor dem Mund verkündete etwa der Rapper und Hansdampf in allen Gassen Knackeboul:

Jetzt zeigt sich: Die Wut war unberechtigt. Oder zumindest war sie von einer Intensität, die sich nur noch schwerlich rechtfertigen lässt. Denn die ARD zeigte nur einen Teil der Wahrheit. Diese 3,5 Minuten hielten die Sendungsmacher unter Verschluss (hier klicken um Video zu sehen). Es sind entscheidende Szenen, die das Handeln von Merkel in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Die Hauptkritik entlud sich aufgrund folgender Worte: «Das hast du doch prima gemacht.» Merkel sagte es und strich dem libanesischen Mädchen gleichzeitig durch die Haare. Zuvor schilderte die 14-Jährige das schwierige Schicksal ihrer Familie und ihre Angst, wieder aus dem Land gewiesen zu werden.

Der Moderator insistierte darauf beherzt und mahnte die Bundeskanzlerin, dass ihre Worte nun etwas fehl am Platz seien: «Ich glaube, dass es da nicht ums Primamachen geht, sondern dass es natürlich eine sehr belastende Situation ist.» Der Mob nutzte die Steilvorlage und stimmte mit ein. Der Satiriker Jan Böhmermann – stets an vorderster Front, wenn es um das (Um-)Deuten bedeutungsschwerer Gesten geht – twitterte:

Die ungeschnittene Szene zeigt nun: Das Mädchen wird wohl gar nicht abgeschoben. Seine Familie ist seit längerem in Deutschland und wurde vorübergehend aufgenommen. Merkel sprach der 14-Jährigen gar noch Mut zu:

«Wenn jemand vier Jahre hier ist, dann ist es halt sehr schwer zu sagen, so und jetzt hast du schön Deutsch gelernt, bist integriert, und jetzt stellen wir fest, nach vier Jahren, das ist gar kein richtiger Asylantrag. (...) Dann werden wir überlegen, wie gehen wir mit denen um, die schon viele Jahre hier sind und immer in so einem Zwischenzustand sind, da wollen wir jetzt ein beschleunigtes Verfahren machen, davon könntest du vielleicht auch profitieren.»

Mädchen: «Das finde ich in Ordnung»

Die Meinungen wurden jedoch längst gemacht. Die Social-Media-Plattformen und Newsportale sind geflutet mit emotionalen Äusserungen zum etwas hölzernen Auftritt der Bundeskanzlerin. Durch die Aufregung liess sich die Bundesregierung gar zu einer überhasteten Stellungnahme hinreissen. Auf der Website des Bürgerdialogs «Gut Leben in Deutschland» hiess es in der offziellen Stellungnahme zunächst: «Vor lauter Aufregung musste das Mädchen schliesslich weinen und wischte ihre Tränen mit einem Taschentuch weg. Seit Mittwochvormittag liest sich die Passage leicht abgeändert: «Das Mädchen musste weinen und wischte ihre Tränen mit einem Taschentuch weg.»

Bei so viel Interpretation und Deutung interessiert die Meinung der Direktbetroffenen natürlich umso mehr: «Sie hat zugehört und hat ihre Meinung dazu gesagt, und das finde ich auch in Ordnung», sagt das Flüchtlingsmädchen heute im ARD-Morgenmagazin.

(mrs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • K. Rausch am 17.07.2015 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Vertrauen mehr in die Medien

    Und da fragen sich die Medienschaffenden, wieso ihnen niemand mehr vertraut? Die Informationen werden allesamt aus dem Kontext gerissen und möglichst effekthaschend oder beeinflussend dargestellt, ohne dass der Konsument die Möglichkeit hat die Richtigkeit dieser Information überprüfen zu können.

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  • Samuel P. am 17.07.2015 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    In Ordnung.

    Merkel hat in so einer Situation das Richtige getan. Sie kann ja schlecht sagen, ok ich werde schauen, dass du nicht abgeschoben wirst, nur weil das Mädchen privilegiert direkt mit der Kanzlerin sprechen konnte. Die wenigsten könnten das so mit einer souveränität lösen wie Merkel.

  • Soistes am 17.07.2015 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Tatsache

    Nun, was sie gesagt hat ist Tatsache. Auch wenns niemand so hören will. Und warum sie nun im direkten Austausch etwas anderes sagen soll, verstehe ich nicht. Ihre Aussage war seriös.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Konsi am 18.07.2015 03:46 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Auch nach dem Anschauen der vollen Version, bleibt mir nichts übrig als zu sagen, dass das Verhalten von Merkel ziemlich unangemessen ist. Denn diese liefert weitere Informationen, zum unangebrachten Verhalten. Beispiele: (1) Merkel bezeichnet Riem als Ausnahmetalent. Nicht jeder sei so wie sie. Sicherlicht macht Riem einen talentierten Eindruck, aber was ist die Botschaft? Dass man aufgrund der Masse der Nicht-talentierten Ausnahmetalente wie sie nicht aufnehmen kann? (2) Sie bedankte sich bei Riem, weil sie ihr _Schicksaal_ kund getan hätte. Weil Gesetzt sich ja nicht ändern können.

  • Markus Bürgin am 17.07.2015 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und was sagt das über uns?

    Und wieder ein neuer medialer hype, der sich plötzlich ins gegenteil dreht. Das ist unsere zeit, in welcher effekthascherei und mediale präsenz höher als die wahrheit gewertet wird! Und das schlimme daran ist, dass wir medienkonsumenten sich damit immer wieder aufs neue vor diesen karren spannen lassen und das mit genauso voreiligen kommentaren, tweets usw mit anheizen! Also jeder soll mal bei sich selbst anfangen und all diesen hetzereien etwas kritischer gegenüberstehen!

  • Frank W am 17.07.2015 17:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Daran stellt man fest

    Das keine - auch die öffentlich rechtlichen - Informationquellen neutral und objektiv berichten. Wir werden tagtäglich nur noch belogen. Und das von Allen Seiten.

    • Felix Thurnheer am 18.07.2015 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      nur noch?

      Das war doch schon immer so. Geschichten finden erst statt wenn über sie geschrieben wird. Und das Schreiben ist halt ein kreativer Akt ...

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  • Markus T am 17.07.2015 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr in Ordnung

    Hat die Internetgemeinde einen komplett den Verstand verloren??!! Was bitte ist am Verhalten von Frau Merkel so falsch und was ist an ihren herzlichen Worten streicheln so falsch?? Auch wenn mir die Politik von Frau Merkel nicht passt, hat die Dame SEHR menschlich, herzhaft, souverän und verständnisvoll reagiert!! Empfehlung des Herzens, handelt ebenso!!

  • Noldi Schwarz am 17.07.2015 17:08 Report Diesen Beitrag melden

    Schöner Gruss an unsere Medien

    Ich hoffe, diese Geschichte kommt auch bei unseren Medien an. Und vor allem bei unseren Staatsmedien. Auch da wird regelmässig weggeschnitten was den Redaktoren nicht passt. Und das Wegschneiden heisst dann Service Publique. Medien sind der Objektivität verpflichtet. Aber sie machen vielfach nur das, was Quote oder Auflage bringt.

    • Felix Thurnheer am 18.07.2015 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Serivce Public gibts nicht

      und trotzdem zahlen wir ihn - schade.

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