Bosnien-Herzegowina

22. November 2019 20:21; Akt: 22.11.2019 20:27 Print

Kinder werden 14 Stunden an ihre Betten gefesselt

Der Fall schockiert die Bosnier: In einem Heim für Kinder mit psychischer Erkrankung wurden Patienten an Möbel gefesselt, damit sie sich nicht bewegen.

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Ein Missbrauchskandal in Bosnien-Herzegowina wird zum Politikum: In einem Kinderheim in Pazarić in der Nähe von Sarajevo wurden geistig behinderte Minderjährige misshandelt. Fotos und Videos, die im Zeitraum von einem Jahr aufgenommen wurden, dienen als Beweismaterial: Darauf zu sehen sind einige der 350 Heimbewohner, die an Möbel und Heizkörper gefesselt wurden. Manchen waren die Arme so fest am Rücken mit Bettlaken zusammengebunden, dass sie sich kaum mehr bewegen konnten.

Die Bilder und Videos waren am Mittwoch von der Abgeordneten Sabina Ćudić an die Medien verschickt worden. Bei einer Pressekonferenz sagte Ćudić: «Diese Situation kann als moderne Sklaverei bezeichnet werden. Viele der Kinder haben gesundheitliche Probleme. Sie werden gefesselt, manche sogar 24 Stunden lang. Einige von ihnen bekommen sogar Medikamente verabreicht, die für Kinder unter 12 Jahren nicht zugelassen sind.»

Ćudić gab zudem an, dass während der Nacht eine einzige Betreuungsperson Gruppen von rund 50 Kindern überwacht. Diese würden bis zu 14 Stunden gefesselt in ihren Betten liegen.

Eltern demonstrieren in Sarajevo

Den Fall hatte die Politikerin der Partei Nasa Stranka erstmals im September aufgedeckt. Daraufhin wurde ein parlamentarischer Ausschuss kreiert – passiert ist aber nichts. «Die Regierung der Föderation von Bosnien und Herzegowina vertuscht den Fall und schützt die Mitglieder des Aufsichtsrates und der Verwaltung des Heimes», erklärte Ćudić. Das sei der Grund, wieso sie sich nun an die Medien wandte.

Der Heimverwalter Redzep Salic gab gegenüber «Al Jazeera» an, erst seit Mai im Amt zu sein. Die Fotos seien vor seiner Amtszeit aufgenommen worden. Er selbst habe im September das «Verbrechen» angeprangert, sagte Salic.

Demonstranten fordern Ende

Am Donnerstag protestierten in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo mehrere hundert Menschen. Sie forderten, dass die Misshandlungen sofort beendet werden. Unter den Demonstranten waren auch Eltern behinderter Heimkinder. Dem Sender «N1» sagten sie, dass sie mit ihren Reklamationen kein einziges Mal von den Behörden empfangen worden seien.

Abgeordnete Ćudić forderte weiter, dass ein neu zusammengesetztes Ärzteteam die Kinder untersucht und dass in Zukunft Einrichtungen mit Minderjährigen unangemeldet kontrolliert werden.

(kle)