Prozess in Den Haag

16. Mai 2012 10:41; Akt: 16.05.2012 17:34 Print

Mladic droht Frau im Publikum

Der ehemalige serbische General Ratko Mladic muss sich vor Gericht verantworten. Bei der Anklage-Verlesung sass er regungslos da - bis ihm eine Frau im Zuschauerbereich eine lange Haft wünschte.

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Am 16.5.2012 werden dem ehemaligen General die Anklagepunkte vorgelesen. Am erscheint Mladic das erste Mal vor dem Tribunal in Den Haag. in Serbien gefasst. Die serbische Zeitung «Politika» veröffentlichte das Bild, das ihn bei seiner Verhaftung zeigen soll. In rund 86 km nördlich der serbischen Hauptstadt Belgrad, wurde Ratko Mladic verhaftet. Nicht alle sind von der Verhaftung begeistert: Held Ratko, steht auf dem Zettel. Mladic soll in diesem Haus gewohnt haben. Es gehört Verwandten von ihm. Der serbische Präsident bestätigt vor der Presse die Identität des gesuchten Kriegsverbrechers. in Sarajevo verfolgen eine Sendung über die Festnahme von Mladic. Next Stop Eine Zelle im Straftrakt des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien. Während des Bosnienkriegs (1991-1995) war der 1942 geborene Mladic Mladic (l.), militärischer Führer der bosnischen Serben, und Radovan Karadzic, der politische Führer, 1993 in Banja Luka. Mladic, Offizier der Jugoslawischen Volksarmee JNA, wurde im Mai 1992 Oberbefehlshaber der neu gegründeten Armee der Serbischen Republik (VRS) in Bosnien. Bild von 1992, vermutlich in Sarajevo. Nach Vertreibungen von Muslimen in Ostbosnien erklärt die Uno 1993 mehrere Orte, darunter Srebrenica und Gorazde, zu Schutzzonen. Die Aufnahme zeigt Mladic (Mitte) am 16. April 1994 im Gebiet von Gorazde. Vizepräsidentin der Serbischen Republik, Biljana Plavsic (l.), mit Karadzic und Mladic an einer Parlamentssitzung in Sanski Most am 15. April 1995. Plavsic war von 1996 bis 1998 Präsidentin der Serbischen Republik. Das Bild ging um die Welt: Mladic (l.) trinkt mit dem holländischen Kommandanten Ton Karremans (Mitte) am 12. Juli 1995 in Potocari bei Srebrenica. In Srebrenica ermordeten bosnische Serben über 7000 Muslime. Eine kleine Pause zwischen den Uno-Verhandlungen: Die Aufnahme zeigt Mladic 1995 in Mali Zvornik, Serbien. Mladic im Oktober 1995 bei Prijedor. Er trägt die Mütze des amerikanischen Generals Wesley Clark, der damals in Bosnien verhandelte. Freilassung zweier französischer Piloten (rechts) am 12. Dezember 1995. Die Piloten waren am 30. August bei einem Nato-Lufteinsatz abgeschossen und von den Serben inhaftiert worden. Erholung vom Krieg: Mladic fährt am 10. März 1996 nahe der bosnischen Hauptstadt Sarajevo Ski, nachdem der Krieg Ende 1995 zu Ende gegangen war. Mladic posiert für den Fotografen mit dem französischen Magazin L'Observateur, dessen Titelbild ihn zeigt. Am 16. März 1996 in einem Kommandoposten im serbischen Teil Bosniens. Eines der letzten Bilder von Mladic, bevor er untertauchte: Ende Juni 1996 zusammen mit seiner Frau Bosiljka in Han Pijesak, Bosnien. Der Nachfolger von Ratko Mladic: Am 9. November 1996 entlässt Plavsic den angeklagten Mladic als Armeechef. Nachfolger ist Pero Colic, hier in einer Aufnahme von Mai 1994. Die Suche wird ernsthaft: Im Jahr 2000 setzen die USA 5 Millionen Dollar Belohnung auf Mladic, Radovan Karadzic und Slobodan Milosevic aus. Die Antwort auf die 5-Millionen-Dollar-Belohnung: «Bis zum Tod werden wir Bruder Radovan beschützen», steht auf dem Zettel. Aufnahme von 2002 in der ostbosnischen Stadt Foca. Einer von drei serbischen Kriegsverbrechern vor Gericht: Ein Demonstrant am ersten Tag des Prozesses gegen Milosevic in Den Haag, 12. Februar 2002. Geburtstagskarte der Sfor für Mladic (*1942): «Ratko, wir haben es nicht vergessen». In den Handschellen steht: «Das einzige Geschenk». Darunter: «Bald». Am 12. März 2004 in Pale. Suche in Bosnien: Türkische Eufor-Soldaten kontrollieren im Rahmen einer grösseren Aktion gegen Mladic bei Han Pijesak Autos, 16. Dezember 2004. In diesem unterirdischen Atombunker der früheren jugoslawischen Armee in Han Pijesak, Bosnien, soll sich Mladic versteckt haben. Im Dezember 2004 übernimmt die internationale Schutztruppe Eufor die Kontrolle. Verehrung der als Helden gefeierten Kriegsverbrecher: Mladic und Karadzic auf Schlüsselanhängern in Belgrad, 2005. «Verhaftet?», titelt diese serbische Zeitung am 21. Februar 2006: Eine Meldung von Mladics Verhaftung dementierte die Regierung. Danach gab es Gerüchte, dass die Regierung mit ihm verhandle. Andere Gerüchte sagten, der verhaftete Mladic sei nach Bosnien in die Sfor-Base von Tuzla gebracht worden, um serbische Proteste zu vermindern. Aufnahme des Militärstützpunkts vom 22. Februar 2006. Das Grab von Mladics Tochter Ana in Belgrad Ende Februar 2006. Ana brachte sich 1994 im Alter von 23 Jahren um. Mladic soll ihr Grab bis Mitte 2004 regelmässig besucht haben. Die serbischen Behörden suchen Mladic — zumindest vordergründig: Polizisten riegeln am 5. Mai 2006 das Gebiet um das Haus von Mladics Sohn Darko in Belgrad ab, während sie es durchsuchen. Unterstützer von Mladic (rechts) streiten sich mit einem Demonstranten um ein Mladic-kritisches Transparent in Belgrad, 8. Mail 2006. «Ich suche Mladic»: Studenten machen sich in Belgrad über die Bemühungen der serbischen Regierung, Mladic zu finden, lustig, 8. Mai 2006. Kriegshelden für die Serben: Bilder von Mladic (r.) und Radovan Karadzic während einer Demonstration in Belgrad 2006. Unter den Bildern steht «Gott beschütze die Serben». Protest gegen die Festnahme von Karadzic: Einige hundert bosnische Serben demonstrieren am 26. Juli 2008 in Pale, der Hauptstadt des serbischen Teils Bosniens während des Krieges. Das untere Bild zeigt Mladic. Im Herbst 2008 intensivieren die serbischen Behörden die Suche nach Mladic. Am 10. November durchsucht die Polizei die Fensterfabrik Vujic in Valjevo, dessen Besitzer als Vertrauter Mladics gilt. Suche auch in Bosnien: Italienische und amerikanische Soldaten am 2. Dezember vor dem Haus des verhafteten Radovan Karadzics in Pale, wo sie Hinweise auf Mladic suchen. Im Tor steht Karadzics Frau Ljiljana. Die Medien sind bei den Durchsuchungen immer anwesend. Am 4. Dezember ist das Haus von Mladics Sohn in Belgrad Ziel der serbischen Polizei auf der Suche nach Hinweisen. Spezialeinheiten in der serbischen Provinz: Am 12. Dezember 2008 durchsuchen Polizisten das Haus von Mladics Schulfreund Ljubinko Zlatic (l.) in Arandjelovac, 70 Kilometer südlich von Belgrad. Belohnungen nützen nichts: Ein Plakat bei einer Polizeistation in Belgrad verspricht eine Million Euro für Hinweise auf Mladic und eine Viertelmillion Euro für Goran Hadzic, Januar 2009. Eufor-Soldaten suchen in Bosnien: Portugiesen durchsuchen am 10. Februar 2009 zwei Privathäuser in Vojkovici, nahe Sarajevo. In der Hauptstadt der bosnischen Republika Srpska, Banja Luka, durchsuchen Eufor-Soldaten das Haus von Dusan Todic, einem früheren Mitarbeiter Mladics bei der bosnisch-serbischen Armee. 12. März 2009. Ein Held der Serben: Anlässlich des 10. Jahrestages der Nato-Bombardierungen am 24. März 2009 halten zwei Frauen in der serbischen Hauptstadt Belgrad eine lebensgrosse Abbildung von Ratko Mladic. Er war der Falsche: Ende März 2009 verhaftet die kenianische Polizei den Kroaten Igor Mejaski, den sie aufgrund eines Hinweises für Ratko Mladic hielt. Mladic feiert: Am 11. Juni 2009 sorgen Video-Aufnahmen des bosnischen Fernsehens FTV, die den gesuchten Ratko Mladic in den letzten Jahren zeigen sollen, für Aufsehen. Laut dem bosnischen Sender FTV sollen die letzten Aufnahmen von 2008 stammen. Serbische Behörden in Belgrad dementierten dies: Die jüngsten Aufnahmen stammten von 2001, als Mladic sich noch öffentlich zeigte. Ein Opfer Mladics schaut sich die Amateuraufnahmen am 11. Juni 2009 an: Die bosnische Muslimin Kada Hotic, Überlebende des Massakers von Srebrenica, für das Mladic verantwortlich gemacht wird. Die Begeisterung für Mladic ist in Serbien ungebrochen: Ein Graffiti in Belgrad bezeichnet Mladic als «serbischen Helden», aufgenommen im Februar 2010. Empörung in Den Haag am 13. April 2010: Demonstranten vor dem Gerichtshof für Kriegsverbrechen erheben auf dem Plakat den Vorwurf, dass Serbien Mladic verstecke. Vor dem Gericht begannen die Zeugenaussagen im Prozess gegen den früheren politischen Führer der bosnischen Serben Radovan Karadzic.

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Fast genau ein Jahr nach seiner Festnahme hat am Mittwoch vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag der Prozess gegen den serbischen Ex-General Ratko Mladic begonnen. Dem 70-Jährigen werden Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkrieges (1992- 1995) vorgeworfen.

Der frühere Militärchef der bosnischen Serben wird vor allem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem 1995 rund 8000 bosnische Muslime - Buben und Männer - ermordet wurden. Zudem wird ihm die Verantwortung für die 44-monatige Belagerung von Sarajevo zugeschrieben, bei der 10 000 Zivilisten getötet wurden.

Mladic habe «die ethnische Säuberung in Bosnien» selbst in die Hand genommen, sagte Staatsanwalt Dermot Groome. Das strategische Ziel sei es gewesen, die Serben von den Kroaten und Muslimen zu trennen. Wie grausam Mladic und seine Gesinnungsgenossen dabei vorgegangen waren, beschrieb der Staatsanwalt an «57 genau spezifizierten Verbrechen».

Unmenschliche Verbrechen vorgeworfen

Groome berichtete von einer jungen Muslimin, die nach der Ermordung ihres Bruders von «mehr als 50 Männern» der Mladic-Truppe vergewaltigt wurde. Er beschrieb, wie Verwandte untereinander zu sexueller Gewalt gezwungen wurden. In den neun Gefangenenlagern, in denen unmenschliche Bedingungen herrschten, seien in ein einziges Zimmer bis zu 570 ausgemergelte Menschen zusammengepfercht worden.

Sarajevo sei eine kosmopolitische Stadt gewesen, sagte Groome. «Die bosnischen Serbenführer wollten sie zerstören, sie in zwei Teile trennen, mit den Serben auf einer Seite und den Nicht-Serben auf der anderen.» Mit dem Ziel eines Gross-Serbiens habe Mladic seine Truppen zudem angewiesen, auch andere bosnische Städte gewaltsam zu «säubern».

Drohung an Frau im Publikum gerichtet

Mladic, der bereits vor Prozessbeginn jede Schuld von sich gewiesen hatte, erschien vor Gericht in dunkelgrauem Anzug, hellem Hemd und gemusterter Krawatte. Den Anschuldigungen des Staatsanwalts hörte er meist regungslos zu. Manchmal lachte er verächtlich, und immer wieder machte er sich Notizen.

Einmal suchte er Blickkontakt mit einer der muslimischen Frauen im Zuschauerbereich, deren 18-jähriger Sohn in Srebrenica ebenso getötet wurde wie ihr Ehemann sowie ihre Brüder. Die Frau kreuzte ihre zu Fäusten geballten Hände und zeigte Mladic damit, dass sie ihm eine lange Haft wünschte. Dieser fuhr sich daraufhin mit dem Zeigefinger über den Hals, als deute er eine Enthauptung an.

Proteste vor dem Gerichtssaal

Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten derweil rund 25 Frauen der Organisation Mütter von Srebrenica, die Mütter und Witwen der Opfer vertritt. Auch in Sarajevo versammelten sich Angehörige von Ermordeten, um den Prozess in einer Live-Übertragung zu sehen. In Serbien, wo Mladic von einigen als Volksheld verehrt wird, wurde der Beginn des Prozesses von keiner TV-Anstalt übertragen.

Da die Verlesung der Anklage weniger Zeit als geplant in Anspruch nahm, wurde der erste Prozesstag nach etwas mehr als vier Stunden vorzeitig beendet. Am Donnerstag soll die Anklageverlesung fortgesetzt, am 29. Mai dann der erste Zeuge der Anklage angehört werden.

Die Staatsanwaltschaft will insgesamt 413 Zeugen aufbieten. Um das Verfahren abzukürzen, werden die meisten Augenzeugen nicht persönlich im Gerichtssaal erscheinen; vielmehr werden ihre Aussagen aus früheren Prozessen lediglich verlesen.

Strafe könnte zu spät kommen

Die Verteidigung und Mladic selbst wollen sich erst zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher äussern. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine lebenslange Haft. Angesichts seines fortgeschrittenen Alters fürchten viele Angehörige der Opfer, eine Strafe komme für Mladic wohl zu spät.

«Selbst wenn Mladic bis zur Urteilsverkündigung leben sollte, wird es für die Opfer von Srebrenica und Hunderter anderer Orte in Bosnien nur eine geringe Genugtuung geben», sagte dazu Fikret Grabovica. Er ist Präsident der Vereinigung der Eltern und Kinder, die bei der Belagerung Sarajevos getötet wurden.

(sda)