Reportage

20. November 2008 15:27; Akt: 20.11.2008 16:06 Print

Modernes Freibeuterleben in Saus und Braus

Die Freibeuterei in den Gewässern vor Somalia boomt - und ist regelmässig in den Schlagzeilen. Besonders profitiert das Dorf Harardhere von den Schiffskaperungen. Jedesmal, wenn die Piraten mit neuer Beute ankern, herrscht in Haradhere Festtagsstimmung.

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Die Nachricht vom bevorstehenden Landgang der Entführer verbreitet sich wie ein Lauffeuer, denn ihr Geld hält die lokale Wirtschaft in Gang.

Für Lösegeldverhandlungen um die ausländischen Schiffe und ihre Crews werden örtliche Milizen angeheuert und bezahlt, ausserdem ordern die Piraten massenweise Zigaretten und die berauschenden Khat-Kaublätter.

Die aufstrebende Hochburg des somalischen Freibeutertums steht schon seit längerem im Ruf der Gesetzlosigkeit. «In Mogadischu muss man Geld verdienen, in Harardhere sprechen die Gewehre», lautet ein altes somalisches Sprichwort.

Der Aufstieg Harardheres zur Piraten-Hauptstadt begann 2006, als für die Freilassung eines koreanischen Frachters und mehrerer weiterer Schiffe erstmals hohe Lösegelder flossen. Nun ankert vor der Küste der Supertanker «Sirius Star» mit rund zwei Millionen Barrel (159 Liter) Rohöl an Bord. Die modernen Freibeuter fordern 25 Millionen Dollar Lösegeld. Gelingt der Coup, profitiert auch Harardhere.

Lukrativer Wirtschaftszweig

Für die Bewohner Harardheres und anderer Regionen in der halbautonomen Region Puntland ist die Piraterie zu einem lukrativen Wirtschaftszweig geworden. Auf bis auf 30 Millionen Dollar werden die Einnahmen aus den Raubzügen auf dem Meer geschätzt.

Während die Mehrheit der Somalier nach mehr als zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg Hunger leidet, bauen die Piraten Häuser und kaufen neue Autos. In Restaurants feiern sie ihre Beutezüge, telefonieren mit den neuesten Handy-Modellen und verteilen Geld an Bittsteller. «Sie sehen aus wie Unternehmer», sagt Ali Hadschi Jussuf, der in Garowe ein Hotel betreibt.

«Unser Leben hat sich durch die Lösegelder verbessert», sagt Abdi Garad, der sich als Chef einer der ersten Piratengruppen ausgibt und nach eigener Aussage schon lange nicht mehr nur zum Fischen aufs Meer fährt. Dank seiner «Einnahmen» leistet er sich ein schickes Apartment, zwei Autos mit Vierradantrieb, mehrere Telefone - und zwei Nebenfrauen.

Keine Gewissensbisse

Garad ist kein Einzelfall: Die Bewohner Garowes berichten von einem spektakulären Anstieg pompöser Hochzeiten, seit die Entführung von Schiffen zum Alltag gehört. Gewissensbisse hat Garad nicht: «Für uns ist das ein Geschäft.» Er sieht sich aber auch als Kämpfer gegen die «Ausländer, die unsere Gewässer vergiften und unsere Ressourcen stehlen. Eines Tages muss man uns dafür belohnen.»

Die chaotische Lage in Somalia, das von Experten als «Failed State» betrachtet wird, spielt den Piraten in die Hände: Trotz der äthiopischen Unterstützung konnte die Regierung die islamistischen Milizionäre nicht verdrängen.

Im Land herrscht Elend: Angesichts der andauernden Kämpfe sind nach UNICEF-Angaben mehr als 350 000 Zivilisten aus Mogadischu auf der Flucht, hunderte Menschen starben. Während die Regierung versagt, werden die Erfolge der Piraten von Puntland von der Bevölkerung mit einer gewissen Bewunderung registriert.

(sda)