Chaos in Bolivien

12. November 2019 18:43; Akt: 12.11.2019 18:43 Print

Morales schlief während der Flucht auf dem Boden

Plünderungen, marodierende Banden: Nach dem Rücktritt des Präsidenten Evo Morales droht Bolivien ins Chaos zu versinken. Wie es zu dieser Situation kam.

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Der zurückgetretene Präsident Boliviens machte sich am 11. November 2019 auf den Weg ins Exil nach Mexiko. Seine erste Nacht nach seinem Rücktritt verbrachte er auf dem Boden. Evo Morales war am Tag zuvor nur drei Wochen nach seiner umstrittenen Wiederwahl zurückgetreten. Ein Teil der bolivianischen Bevölkerung feierte daraufhin, so etwa in der Stadt La Paz. Morales hatte am 10. November 2019 seinen Abgang nach 14 Jahren an der Macht angekündigt. Zuvor hatte die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) Neuwahlen empfohlen, weil sie bei der Präsidentenwahl am 20. Oktober nach eigenen Angaben ernste Unregelmässigkeiten festgestellt hatte. Morales und seine Verbündeten in der Region sprechen von einem Putsch. Sein Land werde Evo Morales Asyl gewähren, teilte Mexikos Aussenminister Marcelo Ebrard indes am 11. November 2019 mit. Evo Morales, der erste indigene Präsident Boliviens, hatte dem Armenhaus Südamerikas eine lange Zeit der politischen Stabilität und der wirtschaftlichen Entwicklung beschert. Morales sorgte dafür, dass die satten Gewinne aus der Gas- und Lithium-Förderung grösstenteils im Land blieben und auch der indigenen Bevölkerungsmehrheit zugute kamen. Morales' Rücktritt muss noch von der verfassungsgebenden Versammlung gebilligt werden. Das Gremium kündigte eine Sondersitzung für 12. November an. Der neue starke Mann in Bolivien heisst Luis Fernando Camacho Vaca, ein 40-jähriger Anwalt, Vater dreier Kinder, den die Leute «El Macho» nennen. Im Alter von 23 Jahren trat der tief religiöse Camacho der Gruppierung Unión Cruceñista Civil bei, eine rechte Organisation, die von der Internationalen Föderation der Menschenrechte (FIDH) als paramilitärisch und rassistisch bezeichnet wird. Camacho ist auch Mitglied des Ordens Ritter des Orients, einer extrem konservativen Loge. Camacho stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Santa Cruz, die hinter dem Unternehmen Grupo Empresarial de Inversiones Nacional Vida S.A. steht. Der Konzern ist vor allem in den Bereichen Versicherungen und Gas tätig.

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Bolivien steht seit Sonntag ohne Regierung da. Auf Druck des Militärs war Präsident Evo Morales nur drei Wochen nach seiner umstrittenen Wiederwahl zurückgetreten. Am Montag und Dienstag zogen aufgebrachte Anhänger von Morales durch die Strassen des Regierungssitzes La Paz und der Schwesterstadt El Alto. Medienberichten zufolge plünderten sie Geschäfte und legten Feuer. In einigen Viertel errichteten die Bewohner Barrikaden, um sich gegen die Plünderer zu schützen.

Wie kam es zu dieser Situation?

Evo Morales, der erste indigene Präsident Boliviens, hatte sich nach der Abstimmung am 20. Oktober zum Sieger erklärt. Seine Gegner warfen ihm jedoch Wahlbetrug vor. Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) stellte in einem vorläufigen Bericht Manipulationen bei der Präsidentenwahl fest und empfahl eine Annullierung. Daraufhin kündigte Morales zunächst eine Neuwahl an, am Ende gab er aber dem wachsenden Druck von Militär und Polizei nach. Morales und seine Verbündeten in der Region sprechen von einem Putsch.

Was sind die Hintergründe des Konflikts?

Morales hatte dem Armenhaus Südamerikas eine lange Zeit der politischen Stabilität und der wirtschaftlichen Entwicklung beschert. Er sorgte dafür, dass die satten Gewinne aus der Gas- und Lithium-Förderung grösstenteils im Land blieben und auch der indigenen Bevölkerungsmehrheit zugute kamen.

Wer steht hinter dem Putsch?

Der neue starke Mann in Bolivien heisst Luis Fernando Camacho Vaca, ein 40-jähriger Anwalt, Vater dreier Kinder, den die Leute «El Macho» nennen. Camacho stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Santa Cruz, die das Grossunternehmen Grupo Empresarial de Inversiones Nacional Vida S.A. besitzt. Der Konzern ist vor allem in den Bereichen Versicherungen und Gas tätig. Laut «Nodal» gibt es Hinweise darauf, dass die erbitterte Opposition der Camachos gegen die Politik von Evo Morales im Zusammenhang mit riesigen Verlusten im Gas-Geschäft steht.

Wie tickt Camacho Vaca?

Im Alter von 23 Jahren trat der tief religiöse Camacho der Gruppierung Unión Cruceñista Civil bei, eine rechte Organisation, die von der Internationalen Föderation der Menschenrechte (FIDH) als paramilitärisch und rassistisch bezeichnet wird. Camacho ist auch Mitglied des Ordens Ritter des Orients, einer ultrakonservativen Loge. Ideologisch steht Camacho dem rechtsgerichteten Präsidenten Brasiliens Jair Bolsonaro sehr nahe.

Wo ist Evo Morales jetzt?

Morales machte sich am Montagabend auf den Weg ins Exil nach Mexiko, wo er am Dienstagabend ankam.

«Es schmerzt mich, das Land aus politischen Gründen zu verlassen, aber ich werde mich immer kümmern. Bald komme ich mit mehr Kraft und Energie zurück», hatte Morales am Montag auf Twitter geschrieben. Wie die Zeitung «Pagina 12» berichtet, sprachen sich der designierte argentinische Präsident Alberto Fernandez mit den Präsidenten Perus Martín Vizcarra und den Präsidenten Paraguays Mario Abdo und den mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador ab, um Morales bei der Flucht nach Mexiko zu unterstützen. Dort wurde dem Bolivianer aus humanitären Gründen Asyl gewährt.

(kle)