Liberales Gebetshaus in Berlin

21. Juni 2017 16:36; Akt: 21.06.2017 17:34 Print

Morddrohungen gegen Moschee-Gründerin

Frauenrechtlerin Seyran Ates gründete in Berlin eine liberale Moschee, die auch Homosexuellen und anders Gläubigen offen steht. Türkische Medien geisseln das Gebetshaus als Gülen-Projekt.

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Frauen dürfen predigen und neben Männern beten, Homosexuelle sind willkommen, Frauen mit Kopftuch auch, nicht aber jene mit Burka und Nikab, und die Tür steht Sunniten, Schiiten und Menschen anderer Glaubensrichtungen gleichermassen offen – so die Grundsätze der letzte Woche eröffneten liberalen Moschee im Berliner Stadtteil Moabit.

Seither erhält Gründerin Seyran Ates, eine Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin, die ganze Bandbreite an Reaktionen: von Anfeindungen, Drohungen über Lob bis Zuspruch. Ihre schärfsten Kritiker finden sich einerseits in den Reihen radikaler Muslime, andererseits unter Islamfeinden im In- und Ausland.

Damit hat die 54-Jährige gerechnet. Doch nun habe die Bedrohung eine neue Dimension angenommen, sagt Ates dem «Spiegel». Auslöser dafür sind Medienberichte aus der Türkei, die gegen ihre Ibn-Rushd-Goethe-Moschee hetzen. Das Gotteshaus sei ein vom Gülen-Netzwerk gesteuertes Projekt, heisst es. Der islamische Prediger Fetullah Gülen ist türkischer Staatsfeind Nummer eins. Er war lange Erdogan mit verbündet, bevor er sich mit ihm im Jahr 2013 überwarf.

Die Nachricht um die angeblichen Gülen-Verbindungen der Berliner Moschee verbreitete sich wie ein Lauffeuer und hat nur eine Quellenangabe: den AKP-nahen Privatsender AHaber, ehemaligen Mitarbeitern zufolge direktes Sprachrohr von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Familie in Angst wegen Falschmeldung

Der Sender zeigte in einem Beitrag eine Aufnahme von Ates mit einem Freiburger Islamwissenschaftler, den er fälschlicherweise als Vorsitzenden der Stiftung Dialog und Bildung identifizierte, dem deutschen Gülen-Sprachrohr. Genug Anlass für AHaber, das Berliner Moschee-Projekt als «Skandal» und «Verrat» zu bezeichnen.

«Ich habe an alle möglichen Bedrohungsszenarien gedacht, aber nicht daran, dass die türkische Seite die Moschee in die Nähe des Gülen-Netzwerkes bringt, um uns zu diffamieren», sagte Ates dem «Spiegel». Sie habe nach den Berichten neue Morddrohungen erhalten.

Auch ihre Familie sei betroffen. «Ich bekomme Anrufe aus der Türkei. Verwandte von mir haben jetzt Angst, dass sie nach den Berichten in Sippenhaft genommen werden, dass sie behandelt werden wie Gülen-Anhänger.»

Kampf gegen liberale Auslegung

Der von AHaber erwähnte Gülen-Funktionär Ercan Karakoyun distanzierte sich, seine Stiftung und sämtliche Gülen-nahe Einrichtungen klar von der liberalen Idee der neuen Moschee. Auch er habe Morddrohungen erhalten.

Die türkische Seite habe ein Problem mit der in der Moschee praktizierten liberalen Auslegung des Islam, glaubt Moscheegründerin Ates. Bringe man sie mit Gülen in Verbindung, könne man die Gründer auch gleich «zu Terroristen erklären, die zum Abschuss freigegeben sind».

Sie treffe nun Abklärungen mit den Sicherheitsbehörden, um sich und ihr Team besser zu schützen. Nach wie vor will sie einen Gegenpol zu den grossen muslimischen Verbänden mit ihrer konservativen Ausrichtung bilden. Ates vermutet, dass in Berlin gern noch mehr ihre Moschee besuchen würden. «Aber die haben eine Scheissangst und trauen sich nicht», sagte sie dem «Standard».

Höchste islamische Instanz reagiert

Nach den Medienberichten melden sich nun auch islamische Behörden zu Wort. Im Gebet dürfe die Geschlechtertrennung nicht aufgehoben werden, urteilte das ägyptische Fatwa-Amt dem ägyptischen Nachrichtenportals «Al-Shabab» zufolge. Die Nähe von Männern und Frauen in der Berliner Moschee überschreite die heiligen Scharia-Regeln ganz klar. Das Fatwa-Amt ist ein Zentrum für islamische Rechtsfragen und eine der wichtigsten islamischen Institutionen in Ägypten

Auch die türkische Religionsbehörde Diyanet kritisiert das liberale Gotteshaus scharf. Bei derartigen Praktiken, die nicht mit den «grundlegenden Quellen» des Islam vereinbar seien, handele es sich um «nichts anderes als einen Versuch zur Verfälschung der Religion», erklärte der Diyanet-Direktor Mehmet Görmez. Er erwarte, dass «alle unsere Glaubensbrüder» jegliche «Provokation» gegenüber Initiativen wie der neuen Moschee vermeiden würden.

(kko/afp)