Revolution in Libyen

25. Februar 2011 22:08; Akt: 21.03.2011 16:32 Print

Nach Protesten rollt Hilfe aus der Nachbarschaft

von Karin Laub, dapd - Nach ihrer erfolgreichen Revolution eilen Ägypter und Tunesier jetzt den libyschen Nachbarn zu Hilfe: Sie organisieren Blutspendeaktionen und schicken Lebensmittel.

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Ägyptische Freiwillige laden Nahrungsmittel für libysche Bedürftige in Trucks. (Bild: Keystone/AP)

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Jetzt, da sie gerade ihre eigenen Schlachten für die Freiheit geschlagen hätten, erklären die Freiwilligen aus Ägypten und Tunesien, könnten sie dem Leid nebenan nicht tatenlos zusehen. Sie organisieren deshalb Blutspendeaktionen und schicken Feldlazarette und Hilfskonvois mit Medikamenten und Lebensmitteln. «Damit haben wir das Gefühl, etwas tun zu können», sagt der Architekturstudent Momen el Husseini.

Bei dem Aufstand gegen Muammar al Gaddafi wurden bislang vermutlich Hunderte getötet, die genaue Zahl der Opfer ist noch unbekannt. Mit der allmählichen Öffnung der Grenze zu Ägypten werden immer mehr Einzelheiten des brutalen Vorgehens gegen die Demonstranten bekannt.

Krankenhäuser im Osten Libyens, das inzwischen in der Hand der Aufständischen ist, haben dringend um Material gebeten. Spontan versuchen Freiwillige und Wohltätigkeitsorganisationen zu helfen; aus Ägypten und anderen Ländern machen sich Ärzte auf den Weg.

Feldlazarette und tonnenweise Material

Dem in Kairo ansässigen Arabischen Ärzteverband ist es nach eigenen Angaben schon gelungen, zwölf Tonnen Medikamente und medizinisches Material, 30 Tonnen Lebensmittel und 1000 Blutkonserven nach Libyen zu bringen. 55 ägyptische Ärzte seien bereits in Bengasi, Tobruk, Bejida und anderen ostlibyschen Städten eingetroffen, berichtet Koordinator Ibrahim Safran. An den Grenzen haben die ägyptischen und die tunesischen Streitkräfte Feldlazarette aufgebaut.

Und weitere Hilfe ist auf dem Weg. Auch Exillibyer und muslimische Wohlfahrtsorganisationen aus aller Welt sind aktiv geworden. Eine Gruppe hat nach eigenen Angaben in nur zwei Tagen zigtausende Dollar gesammelt. Aus der Türkei war eine Fähre mit Lebensmitteln und Medikamenten unterwegs, weitere Schiffe sollten folgen. Die Vereinigten Arabischen Emirate versprachen ebenfalls Beistand.

«Wir sind schnell»

Junge Veteranen der ägyptischen Protestbewegung richteten zur Koordination der Hilfsaktionen eine Facebook-Seite ein. Binnen weniger Tage hatten sie tausende Mitglieder, und die Spenden begannen zu fliessen, wie sie berichten. Wegen ihres eigenen Erfolges fühlten sie besondere Verbundenheit mit den Libyern und hätten rasch handeln wollen. «Wir haben Energie, wir sind schnell, und die Bürokraten auf dem Ämtern versuchen bloss, hinterherzukommen», sagt El Husseini.

Vor einer Moschee im Kairoer Stadtteil Mohandeseen ist eine provisorische Sammelstelle für Spenden eingerichtet. Mehl, Reis, Zucker und Medikamente stapelten sich auf dem Gehweg, Passanten lassen sich zur Blutspende bitten. Jeden Abend werden die Hilfsgüter auf Lkw verladen, in 17-stündiger Fahrt an die Grenze transportiert und dort auf libysche Lastwagen umgeladen.

Ahmed Scharif, ein in London aufgewachsener ägyptischer Arzt, will mit dem nächsten Konvoi in den Grenzort Sallum. Er bringe Antiseptika, Infusionslösung, Verbände und andere Materialien zur Notfallversorgung, um die die libyschen Kollegen gebeten hätten, sagt der 34-Jährige.

Kein Durchkommen im Westen

Die Grenze zu Tunesien im Westen dagegen ist weitgehend dicht, wie Helfer berichten. Bis zum Mittwoch flüchteten dort nach Angaben von Ärzten rund 2500 Tunesier, 300 Ägypter und ein paar Libyer vor dem Chaos, doch waren keine Verwundeten darunter. «Die Verletzten werden daran gehindert, das Land zu verlassen, und schon weit vor der Grenze aufgehalten», sagt Mourad al Ayashi, ein Arzt aus Tunis. «Das ist wirklich frustrierend für all die Helfer. Sie stehen bereit, mit Tonnen Material und Blutkonserven und allem, aber sie können nichts davon einsetzen, obwohl wir wissen, dass es in Libyen einen enormen Bedarf gibt.»

Die Mediziner hoffen darauf, dass ein «humanitärer Korridor» eingerichtet wird, um Verwundete nach Tunesien zu bringen. «Nah allem, was wir im Fernsehen gesehen haben, kan man dem Schicksal unserer Nachbarn gegenüber unmöglich gleichgültig bleiben», sagte Al Ayashi. «Wir haben erst vor kurzem eine ähnliche Situation durchgemacht, und wir haben gelitten. Aber in Libyen herrscht ungeheures Leid.»