Neue Proteste

23. Juni 2013 05:13; Akt: 23.06.2013 05:14 Print

Nelken und Wasserwerfer auf Taksim-Platz

Die Proteste in Istanbul sind wieder aufgeflammt. Demonstranten mit roten Blumen in den Händen skandieren «Der Kampf geht weiter!» – die Polizei reagiert mit Wasserwerfern.

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Nach einer knappen Woche ohne Ausschreitungen ist die türkische Polizei auf dem Instanbuler Taksim-Platz in der Nacht auf Sonntag wieder mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgegangen. Auf dem Platz hatten sich Tausende Menschen versammelt. Gegen 2 Uhr am Sonntag kontrollierten hunderte Bereitschaftspolizisten die Zugänge zu dem Platz und liessen nur noch wenige Menschen passieren, wie ein AFP-Reporter beobachtete.

Bis zum Einsatz der Wasserwerfer verlief die Demonstration friedlich, wie Augenzeugen berichteten. Die Menschen skandierten Parolen wie «Taksim ist überall» und «Das ist nur der Anfang». Als die Polizei den Platz räumte, flogen vereinzelt Flaschen. Viele Demonstranten bewarfen Polizisten und Wasserwerfer mit Blumen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter war dazu aufgerufen worden, rote Nelken mitzubringen, die das Symbol der Arbeiterbewegung sind.

Die Lage hatte sich am Samstag erneut zugespitzt, als sich Gegner des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf dem zentralen Platz versammelten. An den Abenden davor hatten die Menschen auf dem Taksim-Platz still protestiert. Zu Zusammenstössen mit der Polizei war es nicht gekommen. Auch in der deutschen Stadt Köln demonstrierten am Samstag 30'000 bis 40'000 Menschen gegen Erdogan. Transparente trugen Aufschriften wie «Erdogan, der Wolf im Schafspelz». Die Kundgebung stand unter dem Motto «Überall ist Taksim».

Verstimmung zwischen Ankara und Berlin

Der deutsche Botschafter Eberhard Pohl verbrachte am Samstag mehr als eine Stunde im türkischen Aussenministerium in Ankara, in das er von der türkischen Regierung einbestellt worden war. Nach Informationen des türkischen Senders NTV wurde Pohl vom türkischen Unterstaatssekretär Feridun Sinirlioglu empfangen. Zum Inhalt des Gesprächs wollten sich beide Seiten nicht äussern.

Nach dem Polizeieinsatz vom vergangenen Wochenende hatte Erdogan gesagt, ab sofort werde es «keine Toleranz mehr» gegenüber gewalttätigen Demonstranten geben. Nach den Statistiken der Türkischen Ärztevereinigung gab es seit dem Beginn der Proteste vier Tote und fast 8000 Verletzte.

Die meisten der mehreren tausend Festgenommenen wurden wieder freigelassen. Allerdings teilten die Behörden mit, dass am Freitag und Samstag in Istanbul und Ankara rund 50 mutmassliche Linksextreme festgenommen wurden.

Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle traf am Samstag im katarischen Doha mit seinem türkischen Kollegen Ahmet Davutoglu zusammen. Das Gespräch sei «in konstruktiver und freundschaftlicher Atmosphäre» verlaufen, erklärte das Auswärtige Amt in Berlin. Die Minister hätten einen «intensiven Meinungsaustausch im Geiste von Partnern und Freunden» gehabt, darunter auch zu «aktuellen Fragen der Beziehungen» zwischen der EU und der Türkei.

Der türkische Europaminister Egemen Bagis hatte am Freitag das Veto der deutschen Regierung gegen die für kommende Woche vorgesehene Eröffnung eines weiteren Kapitels in den EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei bedauert und Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, ihren «Fehler zu verbessern», anderenfalls werde das Folgen haben.

Die Türkei steht bei der EU wegen des brutalen Vorgehens der türkischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in der Kritik. Merkel hatte die Einsätze der türkischen Polizei am Montag als «viel zu hart» kritisiert.

Türkische Wirtschaft als Verlierer

Ministerpräsident Erdogan machte Kräfte aus dem In- und Ausland für die heftigen Proteste in den vergangenen Wochen verantwortlich. Sie hätten die Demonstrationen orchestriert, sagte Erdogan am Samstag in der Schwarzmeer-Stadt Samsun vor rund 15'000 Anhängern seiner konservativen Partei AKP.

«Wer ist der Gewinner dieser dreiwöchigen Proteste? Die Zins-Lobby, die Feinde der Türkei», sagte der Regierungschef mit Blick auf Spekulanten an den Finanzmärkten. «Wer ist der Verlierer der Proteste? Die türkische Wirtschaft, wenn auch nur zu einem kleinen Teil, der Tourismus.» Die Proteste hätten dem Ansehen der Türkei geschadet.

Erdogan warf den Demonstranten zudem vor, sie würden den Islam - die Religion der Mehrheit der Türken - respektlos behandeln. «Lasst sie in ihren Schuhen in unsere Moscheen gehen, lasst sie Alkohol in unseren Moscheen trinken, lasst sie ihre Hände gegen unsere jungen Frauen in Kopftüchern erheben. Ein Gebet unserer Leute reicht aus, um ihre Pläne zu durchkreuzen.»

(jbu/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Memo am 23.06.2013 05:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verbrechen gegen die Menschlichkeit

    Wenn eine Regierung über das Gesetz und der Demokratie steht, ist das eine Diktatur! Wenn ein Präsident so die Einwohner seines Landes behandelt, auch wenn es nur ein paar Tausende sind, ist das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit! Wer jetzt noch mit der Wirtschaft argumentieren will muss sich hinterfragen was bleibt noch bis 2023? Die Türkei steht seit ein paar Jahren zum Ausverkauf an ausländische Firmen. Den jungen, gebildeteten Menschen gehört die Zukunft der Türkei, das sind keine Terroristen, dass sind Anwälte,Ärzte, Uni absolventen die auf den Strassen sind, unsere Zukunft!!!

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  • Cem A. am 23.06.2013 00:33 Report Diesen Beitrag melden

    Erdogan viel schlimmer als Assad

    Der Westen würde lieber die türkischen Rebellen unterstützen als in Syrien einzugreifen aber da die Türkei selbst Nato Mitglied ist wird dies sowieso nicht passieren :(

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  • Luciano am 23.06.2013 01:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erdogan

    Die Kundgebungen Pro-Erdogan waren viel grösser als die der Opposition. Sie sind Fanatiker die nicht akzeptieren, dass 50% der Wähler an die Macht ist. Atatürk war ein Skrupelloser Diktator, wie viele waren damit nicht einverstanden? Wurde auf diese Leute Rücksicht genommen?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Emre Peter am 23.06.2013 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Recep Tayyip Erduntergang !

    Seit über 10 Jahren an der Macht. Es gibt nichts mehr was er nicht verkauft hat. Land, Banken, Firmen, Telefonanbieter, Strassen, Geschütze Gebiete, Geschütze Denkmäler usw... Dieser Typ hat nichts dort zu suchen. Er möchte Friedensverhandlungen mit Terroristen führen, aber mit Syrien einen Krieg beginnen und die Terroristen dort lässt er in die Türkei rein. Er will das ein Bürgerkrieg ausbricht. Die Terroristen sind im Parlament und das Millitär im Gefängniss. Alkohol verbot und er sagt : Die Frauen dievergewaltigt werden denen geschieht es recht wenn sie sich so ankleiden.

  • Osman cetinkaya am 23.06.2013 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    Alles ein Spiel

    Es geht nicht um Gezi Park es geht um Kanal Istanbul (wie Panama Kanal) Grösste Flughafen der Welt mit 120mio Kapazität jährlich dadurch wird Frankfurt Flughafen in den Schatten geworfen. Darum unterstütz die deutschen die Demos weil es auf der Traktandum liste der Demonstranten wir sind nicht mehr dem Deutschland Frankreich und England wollen das wir konsumieren wir vollen produzieren wir halten zum Erdogan

  • Mensch am 23.06.2013 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    Nein

    Die Türkei gehört nicht zur eu!

  • MELIH57 am 23.06.2013 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    WELTMACHT TÜRKEI 2023

    Türkei Weltmacht 2023!! Mitglied des G8 Gipfels ... und die vom Ausland wollen das verhindern.. Franzosen Engländer und die Deutschen. 3 Stichworte.. Istanbul Kanal > England 3.Brücke > Franzosen Neuer Flughafen > Deutschland fragt euch mal warum die 3 Länder nicht wollen das dies Projekte nicht gebaut werden ;)... ihr alles habt keine ahnung und labert von einem EU beitritt usw... türkei und ihr Volk haben schon lange dagegen entschieden abr viele von euch sind ja noch beim sonntagsschlaf.

  • jp am 23.06.2013 11:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verblendete Jugend

    An alle, die Erdogan so in den Himmel loben und die EU als Heuchler darstellen: Dann geht doch zurück in die Türkei. Gebt die Freiheit, die ihr hier geniesst, all den Luxus, doch bitte auf und heult dann nicht rum, wie schlecht es euch dort unten geht. Ohne Strom, fliessendes Wasser, iPhones und Youtube.

    • SImon B. am 23.06.2013 18:42 Report Diesen Beitrag melden

      kein geld für urlaub

      @jp Waren Sie denn schon mal in der Türkei in den Ferien? :D "ohne Strom, fliessend Wasser etc.", die Saharawüste breitet sich ja schneller aus als man meint, in der Türkei gibt es inzwischen auch gar keine Häuser mehr, man lebt dort in Zelten an den Oasen.

    • jp am 23.06.2013 20:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Genug Geld für Urlaub.

      Ich muss mich Ihnen gegenüber kaum rechtfertigen, aber die Türkei besteht entgegen Ihrer Vorstellung nicht nur aus Istanbul, Ankara und Bodrum. Es gibt genug Gegenden, in denen Besagtes nicht jeden Einwohner im hübschen Einfamilienhaus mit weissem Gartenzaun zur Verfügung steht. Aber das wissen Sie ja sicher schon.

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