Nahost-Konflikt

10. Juli 2014 11:37; Akt: 10.07.2014 22:57 Print

Neuer Gaza-Krieg wegen getöteter Teenager?

von Caroline Freigang - Israel reagiert mit Verhaftungen auf die Ermordung von Eyal Yifrah und seiner Freunde, die Hamas antwortet mit Raketen. Laut Nahostexperte Roland Popp droht wieder Krieg in Gaza.

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Schon 68 Tote im Gazastreifen, Raketen fliegen auf Jerusalem und Tel Aviv. Auslöser der neuen Gewalt ist die Entführung und Ermordung dreier israelischer Teenager im Westjordanland.

Israel beschuldigt die radikalislamische Hamas der Tat. Kurz darauf töten israelische Extremisten einen palästinensischen Jugendlichen. Die Spirale der Gewalt dreht los. Israel nimmt rund 420 Palästinenser fest, die Hamas antwortet mit Raketen. Israel führt «Präzisionsschläge» im Gazastreifen aus und Netanjahu mobilisiert 40'000 Truppen für eine mögliche Bodenoffensive.

Wie weit eskaliert die Lage? Wir fragten den Sicherheitsexperten Roland Popp.

Herr Popp, droht eine dritte Intifada?

Zumindest droht ein weiterer Gaza-Krieg nach 2008/09 und 2012. Aber angesichts der Spannungen im Westjordanland ist so etwas wie eine dritte Intifada nicht auszuschliessen. Auf beiden Seiten gibt es Befürworter eines weiteren Waffengangs.

Die Hamas steht mit dem Rücken zur Wand, noch nie war die Blockade des Gazastreifens durch Israel so effektiv wie zurzeit. Dies ist eine Folge der wieder erneuerten Militärdiktatur in Ägypten, die in dieser Frage eng mit Israel zusammenarbeitet. Premier Benjamin Netanjahu selbst steht unter Druck der extremen Rechten in Israel und hofft zudem, dass ein neuer Krieg die Einheitsregierung der Fatah und Hamas in Palästina zu Fall bringen könnte. Zudem lenkt die Eskalation vom Rachemord an dem jungen Palästinenser durch jüdische Extremisten ab.

Der Mord an dem 16-jährigen Palästinenser war ein Racheakt für die Ermordung dreier israelischer Religionsschüler. Diese Taten stehen am Anfang der Eskalation. Gab es bei den letzten Kriegen ähnliche Auslöser?

Die Kriege 2008 und 2012 haben ähnliche Vorgeschichten, aber nichts von dieser Tragweite. Der Fall der drei Jugendlichen und der Rachemord an einem jungen Palästinenser, das ist einzigartig in dieser Form. 2008 wurde der Krieg durch ein Auslaufen des vorherigen sechsmonatigen Waffenstillstands ausgelöst. Israel hatte vor Ablaufen mehrere militärische Operationen unternommen. Die Hamas verweigerten daher eine Verlängerung. Auch 2012 waren Attentate und Raketen der Auslöser gewesen.

Die USA und Europa geben sich immer auffallend zurückhaltend im Nahost-Konflikt. Wieso?

Die Amerikaner stehen grundsätzlich auf der Seite Israels und geben in der Regel eher diplomatische Rückendeckung für Israels militärisches Vorgehen. Die amateurhaften und unglaubwürdigen Friedensvermittlungen der USA in den vergangenen Monaten sind mit ein Auslöser der jüngsten Eskalation. Die Einflussmittel Europas sind begrenzt und einige wenige Länder blockieren die Entscheidungsfindung der europäischen Nahostpolitik.

Wie könnte der Westen denn überhaupt reagieren?

Europa hat im eigentlichen Sinne keine Nahostpolitik und ist handlungsunfähig. Nur die USA könnten effektiv Einfluss ausüben. Aber die Obama-Administration hat sich in den vergangenen Jahren nie getraut, auf Israel Druck auszuüben und wird es wohl auch dieses Mal nicht versuchen. Am wahrscheinlichsten ist eher die Vermittlung eines neuen Waffenstillstands durch die Ägypter.

Die dschihadistische Gruppierung Isis expandiert in der Region. Sind die Extremisten bereits im Gazastreifen präsent?

Es gibt zumindest Gruppen, die stark mit der Ideologie von Isis sympathisieren und die auch die Hamas nicht vollständig kontrollieren kann. Angriffe auf die Hamas bedeuten auch immer eine Stärkung dieser radikal-dschihadistischen Gruppierungen.