Taliban

25. Mai 2016 18:04; Akt: 26.05.2016 10:39 Print

Neues Terror-Trio vereitelt Chancen auf Frieden

Wer die neuen Hardliner an der Talibanspitze sind und warum die Konsequenzen weit über Afghanistan hinausgehen.

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Das ist der Neue: Mullah Haibatullah Achundsada. Ein religiöser Führer und Hardliner.

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Den erhofften Frieden bringt der kürzliche Tod des Talibanchefs Mullah Achtar Mansur durch einen US-Drohnenangriff wohl nicht. Die Islamisten haben jetzt ein mächtiges neues Triumvirat gewählt, um ihn zu ersetzen – es könnte sie sogar stärker machen.

Nach Mansurs Tod sieht es so aus, als könnte ein Schlag, der gedacht war, ein Hindernis für den Frieden aus dem Weg zu räumen, möglicherweise zu mehr Krieg führen. Überraschend schnell haben die radikalen Islamisten am Mittwoch die Wahl ihres neuen Anführers und seiner zwei Stellvertreter verkündet – die Namen: Mullah Haibatullah Achundsada, Siradschuddin Hakkani, Mullah Mohammad Jakub.

Ein Triumvirat des Terrors

Bis auf einen – den von den USA bereits zum Terroristen erklärten Siradschuddin Hakkani – sind die Namen nicht sehr bekannt. Doch die Taliban haben damit eine mächtige Dreierspitze gewählt.

Achundsada ist ein als Hardliner beschriebener respektierter religiöser Führer, Hakkani ein Terrorist und Chef der Militäroperationen der Taliban. Mullah Jakub leitet Militärkommissionen in 15 Provinzen – aber vor allem ist er der Sohn des fast schon mystisch verklärten langjährigen Talibananführers Mullah Omar.

Wollte man es poetisch ausdrücken ist alles da für eine erfolgreiche Wiedervereinigung der jüngst zerstrittenen Bewegungen: das Schwert, das Blut, das Kreuz – oder in diesem Fall der Koran. Was die Taliban mit dieser raschen Wahl und mit der Auswahl dieser Männer zeigen wollen, scheint klar: Wir funktionieren. Die USA wollten uns enthaupten, aber wir sind viele.

Blutiger Beginn

Und die Islamisten setzen ein weiteres Zeichen. Ungefähr zu der Zeit, als ein Sprecher der Taliban auf einen Knopf drückt, um die E-Mail zu versenden, die die Wahl des neuen Anführers verkündet, drückt in der afghanischen Hauptstadt Kabul ein Selbstmordattentäter auf einen Knopf, um sich in die Luft zu sprengen. Elf Menschen sterben mit ihm.

Angesichts dieser Entwicklung ist fraglich, ob die Hoffnung der afghanischen und der US-Regierung auf eine Wiederbelebung des jüngst gescheiterten Friedensprozesses gerechtfertigt ist.

Aus dem afghanischen Präsidentenpalast kommt zwar am Mittwoch der Aufruf an den neuen Talibanführer, den Kampf aufzugeben. Doch Beobachter sehen das skeptisch. «Die Taliban werden in den kommenden Monaten alles versuchen, um zu beweisen, dass – obwohl Mansur tot ist – die Bewegung lebt», sagt der afghanische Analyst Ahmad Saidi.

Der ehemalige Talibankämpfer Kalam Kalamuddin, heute Mitglied des Hohen Friedensrates, sagt, viele der Talibankommandanten seien Mullah Achundsadas ehemalige Schüler. Das könnte auch helfen, die abgesplitterten Fraktionen wieder einzufangen. Der Analyst Baschir Bisan fügt hinzu, «Achundsada ist ein Hardliner, der Krieg dem Frieden vorzieht und Töten dem Leben.»

Angespanntes Verhältnis zwischen den USA und Pakistan

Die Ereignisse der vergangenen Tage haben aber nicht nur Konsequenzen für den Krieg in Afghanistan. Der Tod des Talibanchefs und die Wahl eines möglicherweise radikaleren Mannes an ihre Spitze berühren auch die für die Region wichtigen Beziehungen zwischen den USA und Pakistan.

Dass der getötete Talibanchef Mansur durch eine pakistanische Provinz fuhr, als die US-Drohne ihn fand, dass er einen pakistanischen Pass bei sich trug, das allein schon bringe Pakistan «in riesige Verlegenheit», sagt der pakistanische Analyst Talat Masood.

Aber da ist noch mehr. Die US-Regierung, so schreiben amerikanische Kommentatoren in den vergangenen Tagen, habe möglicherweise nun endgültig die Geduld mit Pakistan verloren. In den Wochen zuvor hatte sie ordentlichen Druck auf die pakistanische Regierung ausgeübt, endlich gegen die auf ihrem Territorium lebenden Taliban und Mitglieder der gefährlichen Hakkani-Gruppe vorzugehen – vor allem nachdem diese Ende April einen Bombenanschlag in Kabul mit 68 Toten und mehr als 340 Verletzten verübt hatte.

Ein für Pakistan sehr wichtiges Finanzierungsgeschäft für acht F-16-Kampfflugzeuge liegt darüber nun auf Eis. Und der US-Kongress blockiert Hunderte Millionen Dollar Finanzhilfe für Pakistan und will erst Schritte gegen die Hakkanis sehen, bevor die Gelder freigegeben werden. Aber Pakistan reagierte nicht. Also ergriffen die USA die Initiative - mit dem Drohnenangriff auf den Talibanchef Mullah Achtar Mansur.

(jros/sda)