Planet Solar

19. Juni 2013 09:13; Akt: 19.06.2013 13:13 Print

New York schwitzt im Schweizer Solarboot

von Martin Suter, New York - Das grösste sonnengetriebene Boot der Welt ist in Manhattan angekommen. Die in Kiel gebaute MS Tûranor PlanetSolar dient nun vor allem der Wissenschaft.

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Flach wie eine Flunder liegt die MS Tûranor PlanetSolar in der North Cove Marina im Süden Manhattans. Zwischen den Wolkenkratzern einfallende Sonnenstrahlen bringen die Solarzellen auf dem Deck des Schiffs zum Glitzern. Wenn es seine Flügel ausbreitet, misst das Solardeck bis 519 Quadratmeter. Das weltgrösste Solarboot habe bei seiner Einfahrt in den New Yorker Hafen am Montag «wie eine «Heuschrecke auf dem Meer» ausgesehen, sagt die Schweizer Vizekonsulin Nadine Olivieri beim Pressetermin am Dienstag. «Wir sind begeistert.»

Die Medienvertreter sind vor allem am Schwitzen. Wenn es oben glitzert, ist es unter dem Solarzellendeck stickig heiss. Dabei sind die Batterien in den Schwimmkörpern des Katamarans zu 97 Prozent geladen. «Wir könnten Air Conditioning einbauen», sagt der französische Kapitän Gérard d’Aboville und gibt lachend zu, dass er selbst ganz gerne Kühlung hätte. Doch eine Klimaanlage würde schlecht zum Hauptzweck des Boots passen: «Es ist ein Botschafter für die Solarenergie.»

Zwei Wochen Regen im Monsun

Seit bald drei Jahren macht die nach der Sonnenkraft in J.R.R. Tolkiens Welt benannte Jacht Werbung für die unerschöpflichste aller erneuerbaren Energiequellen. Ein erster Meilenstein wurde 2012 gesetzt, als MS Tûranor PlanetSolar in 584 Tagen als erstes Solarboot überhaupt die Erde aus eigener Kraft umrundete. Das beladen 100 Tonnen schwere Gefährt trotzte im Monsun bei den Philippinen zwei Wochen Regen und überstand vor dem australischen Brisbane Wellen, die auf die Sonnenzellen niederkrachten.

Bei der diesjährigen Tour ging es bisher weniger heftig zu. Das 35 Meter lange Boot stach Anfang April im südfranzösischen La Ciotat ins Meer, überquerte den Atlantik und kam via Karibik am 3. Juni in Miami an. Der Weg der Küste entlang nach Norden verzögerte sich wegen des Wirbelsturms Andrea. Bei der US-Hauptstadt Washington musste das Solarboot in der Chesapeake Bay in Deckung gehen. Die Bucht schützte es vor hohen Wellen, nicht aber vor dem Wind, der 105 Kilometer pro Stunde erreichte.

«Wie ein Schweizer Militärmesser»

Im Atlantik untersucht das PlanetSolar-Team den Golfstrom. Unter der Leitung des Umweltprofessors Martin Beniston von der Universität Genf werden «en route» Luft- und Wasserproben genommen, um den Bestand an Plankton und die Art der Schwebeteilchen in der Luft zu registrieren. Solche Aerosole könnten für die Wolkenbildung und für den Klimawandel sehr wichtig sein, erklärte Beniston in New York. «Das ist ein ziemlich neues Feld, und wir hoffen, im Herbst erste Resultate vorlegen zu können.»

Die MS Tûranor eigne sich für solche wissenschaftlichen Projekte sehr gut, weil sie keinerlei Abgase produziere und viel leichter zu manövrieren sei als Segelschiffe, sagt Pascal Goulpié, der in der Lausanner Zentrale die Firma PlanetSolar leitet. Auf der Weiterreise soll das Boot in Boston Raum für einen Empfang bieten und später, nach der Rückkehr in europäische Gewässer, mit einem Schleppnetz im Meer treibenden Müll einsammeln. Goulpié: «Wie ein Schweizer Militärmesser kann dieses Boot ganz verschiedenen Zwecken dienen.»

New York macht unter Bürgermeister Michael Bloomberg auch einige Anstrengungen in Richtung auf erneuerbare Energien. Dazu gehört die Umrüstung der Taxiflotte auf sparsame Fahrzeuge, die Einführung gasgetriebener Busse und ein neues Velomietprogramm. Das Interesse an dem futuristisch aussehenden Schweizer Solarboot war denn auch beachtlich. Die MS Tûranor PlanetSolar wird bis Donnerstag in Manhattan vertäut bleiben.