Oslo

10. Dezember 2010 13:30; Akt: 10.12.2010 17:19 Print

Nobelpreis an Liu Xiaobo verliehen

In Oslo ist der Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo verliehen worden. Fraglich ist, ob die Führung Chinas angesichts des leeren Stuhls ihr Gesicht wahren kann.

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Thorbjorn Jagland, der Präsident des norwegischen Nobelpreis-Komitees, applaudiert. Neben ihm der leere Stuhl auf dem Preisträger Liu Xiaobo sitzen sollte. (Bild: Reuters)

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Ein leerer Stuhl und wütende Reaktionen aus Peking: Erstmals seit 1936 konnte der Friedensnobelpreis nicht übergeben werden. Preisträger Liu Xiaobo sass tausende Kilometer entfernt im Gefängnis, und auch Angehörige und Freunde durften nicht aus China ausreisen.

Bei der feierlichen Zeremonie am Freitag im Rathaus von Norwegens Hauptstadt Oslo nannte der Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, Thorbjørn Jagland, den 54-jährigen Bürgerrechtler «ein Symbol in China selbst und international für den Kampf um Menschenrechte in seinem Land». Liu sei in seiner Bedeutung für China mit der von Nelson Mandela für Südafrika zu vergleichen.

Jagland legte die Auszeichnung für den in China inhaftierten Liu symbolisch auf einem leeren Stuhl nieder. Unter einem riesigen Foto des Preisträgers verlangte Jagland dessen sofortige Freilassung: «Liu hat seine Menschenrechte wahrgenommen und nichts Unrechtes getan.»

Statt der sonst üblichen Rede des Nobelpreisträgers verlas Schauspielerin Liv Ullman eine Ansprache Lius, die er während seines Prozesses im Dezember 2009 gehalten hatte: «Erfüllt mit Zuversicht, erwarte ich den Beginn der Zukunft eines freien Chinas. Es gibt keine Macht, die die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit stoppen kann und am Ende wird China eine Nation werden, in der Rechtstaatlichkeit herrscht und in der Menschenrechte als Oberstes gelten.»

China verschärft Restriktionen

China protestierte mit scharfen Worten gegen die Verleihung, sprach von einem «politischen Theater» und verurteilte die Auszeichnung als «Einmischung in innere Angelegenheiten». Peking sieht in dem Mitverfasser der «Charta 08», die tiefgreifende politische Reformen in China fordert, einen «Kriminellen».

Peking verschärfte die Restriktionen am Freitag. Zentrale Orte in der Hauptstadt wurden stärker bewacht, mehr Polizisten und Offiziere gingen auf Streife. Ausländische Internetseiten, beispielsweise von BBC und CNN, wurden in China gesperrt oder waren schwer zu erreichen.

Polizeibeamte umstellten Lius Haus in Peking und kontrollierten die Ausweise von allen, die die Wohnanlage betreten wollten. Sicherheitskräfte drängten zahlreiche Aktivisten zum Verlassen der Stadt. Seit der Verkündung des Namens des Friedensnobelpreisträgers vor zwei Monaten wurden Dutzende Aktivisten unter Hausarrest gestellt, verhaftet oder eingeschüchtert.

Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden auch in Norwegen wohnende Chinesen unter Druck gesetzt. Chinesische Diplomaten hätten sie unter Androhung von «ernsten Konsequenzen» aufgefordert, an Protesten gegen die Nobelpreisfeier teilzunehmen.

China hatte im Vorfel der Preisverleihung auch Druck auf ausländische Diplomaten ausgeübt, nicht an der Zeremonie in Oslo teilzunehmen. Etwa 19 Länder, darunter Russland, Ägypten und Afghanistan, folgten dem Boykottaufruf.

Komitee hält Preis zurück

Zum zweiten Mal in der 109-jährigen Geschichte des Friedensnobelpreises konnte das norwegische Komitee weder das Diplom noch die Nobelmedaille an den Preisträger oder Angehörige überreichen. 1936 hatten Nationalsozialisten eine Teilnahme des deutschen Publizisten Carl von Ossietzky (1889-1938) und dessen Familie verhindert.

Das Osloer Nobelkomitee will neben der Nobelmedaille und dem Diplom auch die Dotierung von 10 Millionen schwedischen Kronen (knapp 1,5 Millionen Schweizer Franken) so lange zurückhalten, bis Liu oder eine Person seines Vertrauens selbst darüber verfügen können.

(sda)