Europaweiter Alarm

05. August 2019 21:24; Akt: 06.08.2019 07:02 Print

Nie so viele Kinder am Strand vermisst wie 2019

Eltern sind am Handy, der Nachwuchs geht am Strand verloren. Das passiert immer wieder - doch in diesem Sommer an einigen europäischen Stränden so oft wie nie zuvor.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sie planschten gerade noch am Beckenrand, bauten eine Sandburg am Strand oder erkundeten die Unterwasserwelt mit dem Schnorchel – und dann waren sie plötzlich weg. Jeden Sommer kommt es an Stränden und in Badis vor, dass ein Kind verschwindet. Doch laut Schwimmbadbetreibern und Behörden europaweit war es noch nie so schlimm wie in diesem Jahr.

Umfrage
Wie schauen Sie zu Ihren Kindern am Strand?

Rekordjahr in Marseille

Die Behörden in Frankreich sind besorgt: Seit Beginn der diesjährigen Badesaison wurden allein an den Stränden von Marseille 360 Kinder vermisst. «Wenn das so weitergeht, dann haben wir am Ende der Saison zwischen 600 und 700 vermisste Kinder», sagt Kommandant Frédéric Vidal zu «Le Parisien». Das ist doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren.

Der Polizist macht in erster Linie die Eltern für diese «ernste, unerträgliche und völlig abnormale Situation» verantwortlich. Sie würden nicht verstehen, «dass der Strand ein gefährlicher Ort ist», weil Kinder schon in 5 Zentimeter Wassertiefe ertrinken könnten. Weil die Anzahl der vermissten Kindern seit drei Jahren rasant gestiegen sei, wollen die Behörden nun Sanktionen wegen Verletzung der Aufsichtspflicht einleiten. «Wir müssen die Eltern erziehen, damit sie sich der Gefahr bewusst sind», fordert Kommandant Vidal.

Kinder in deutschen Schwimmbädern wiederbelebt

Beim nördlichen Nachbar ist das nicht anders: Der Hamburger Schwimmbad-Betreiber Bäderland meldet, dass alleine in den letzten Wochen drei Kinder vom Schwimmbadpersonal aus dem Wasser gezogen und wiederbelebt werden mussten. Schuld daran waren Eltern, die ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt haben. «Das hat in den letzten Jahren stark zugenommen», sagt Bäderland-Sprecher Michael Dietel zum «Stern».

Italien sucht Kinder via Lautsprecher

An den Stränden von Rimini funktioniert seit Jahrzehnten das Lautsprechersystem «Publiphono». Zwar sind die Zahlen der Vermisstmeldungen für 2019 (noch) nicht bekannt - aber die Bilanz von 2018 war nicht besonders positiv: In der letztjährigen Badesaison wurden 1044 vermisste Kinder gemeldet. Allein an einem Tag im Juli 2018 sei es zu 28 Vermisstmeldungen gekommen, schreibt «Alta Rimini».

Für Jamil Sadegholvaad, verantwortlich für «Publiphono», hätten die Zahlen von verschollenen Kindern an den Stränden «einen ungewöhnlichen Höhepunkt erreicht». Auch Rettungsschwimmer würden seit Jahren über die mangelnde Aufmerksamkeit bei Müttern und Vätern klagen.

Alarm in Schweizer Badis

Hierzulande widmen die Eltern ihre Aufmerksamkeit auch vermehrt ihrem Handy - statt dem badenden Nachwuchs. Das beklagt Michel Kunz, Präsident vom Schweizerischen Bademeisterverband, in der «Schweiz am Wochenende». Dabei ist es allgemein bekannt, dass Ertrinken die zweithäufigste Todesursache im Kindesalter ist. Ununterbrochene Aufsicht am und im Wasser ist demnach unerlässlich.

Ablenkung durch das Handy

Sowohl Kommandant Vidal in Marseille wie der Sprecher vom deutschen Bäderland glauben, dass Smartphones und Tablets schuld dafür seien, dass Eltern schlechter - oder gar nicht - auf ihre Kinder aufpassen. «Man lässt doch Kinder nicht alleine, während man auf dem Handy Whatsapp-Nachrichten liest oder Fotos auf Instagram anschaut», regt sich der französische Polizist auf. Dietel ist selber Meinung: Früher hätten Eltern in den Badis Bücher oder Zeitschriften gelesen, doch das Smartphone sei durch die ständige Erreichbarkeit wesentlich gefährlicher.

Aufsichtspflicht liegt bei den Eltern

Wer schaut auf die Kinder?, lautet die grosse Frage - und da spalten sich die Fronten. Für die Behörden ganz klar: Die Aufsichtspflicht liegt bei den Eltern. «Wir sind keine Kita», sagt auch Bademeister Dietel zum «Stern». Viele Eltern seien der Auffassung, dass sie ihre Kinder im Schwimmbad quasi abgeben könnten. An den Stränden von Marseille muss sich Kommandant Frédéric Vidal oft die Vorwürfe der Eltern anhören. «Wenn ich ihnen ihr vermisstes Kind zurückbringe, reklamieren viele, die Bademeister hätten besser auf die Kleinen schauen sollen», sagt Vidal.

Auch in Schweizer Badis ist diese Einstellung von Müttern und Vätern üblicher geworden: «Tele-M1» konfrontierte kürzlich Eltern, die ihre Kinder unbeaufsichtigt im Schwimmbecken liessen. Als der Chef-Bademeister in der Badi Suhr mehrere Kinder zurück zu ihren Eltern brachte, antwortete ein Vater: «Bademeister sind da, oder?»

(kle)