Neuer Trend

17. Juni 2011 22:46; Akt: 17.06.2011 23:15 Print

Odyssee für einen US-Pass

Um dem Kind einen US-amerikanischen Pass zu beschaffen, reisen immer mehr schwangere Frauen aus China für die Geburt in die USA. Das schafft nicht nur bei der Einreise Probleme.

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Immer mehr Chinesinnen versuchen ihren Kindern einen amerikanischen Pass zu verschaffen. (Bild: Keystone)

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Ein neuer Trend erobert China: Immer mehr schwangere Frauen reisen in die USA, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen. Dies, weil ein auf US-Boden geborenes Kind automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. Für viele verlockend, denn das Kind hat später Zugang zu den dortigen Bildungsstätten, kann Universitäts-Darlehen beantragen, wählen und in den USA arbeiten. Wenn das Kind erst einmal 21 Jahre alt ist, haben auch die Eltern die Möglichkeit, sich für eine Green Card zu bewerben.

Doch die amerikanische Staatsbürgerschaft bringt in China auch gewisse Probleme mit sich. Nicht nur das «amerikanische» Kind in China stösst auf Widerstände. Auch die Reise in die USA zur Geburt hat so ihre Tücken, schreibt die «Time» in einem Artikel, der ursprünglich in der chinesischen Zeitung «Economic Observer» veröffentlicht worden war.

Das Gute am Kind mit ausländischem Pass

Da die meisten Fluglinien keine Frauen mehr an Bord lassen, die über der 32. Schwangerschaftswoche sind, reisen viele im sechsten Monat ein. Am Zoll sollte gleichzeitig nicht auffallen, dass man für die Geburt einreise. Die Chinesin Liu Li beispielsweise hatte sich deshalb für den Zollübergang gut vorbereitet. Sie trug weite Kleidung und hielt sich ihre Handtasche so natürlich als möglich vor den Bauch – genau so, wie es ihr der Mittelsmann beigebracht habe, schreibt die «Time».

Bislang sei es Stars und reichen Menschen vorbehalten gewesen, ihr Kind im Ausland zur Welt zu bringen. Inzwischen investieren aber immer mehr Frauen in den amerikanischen Pass ihrer Kinder. Der Ertrag daraus sei höher als aus einem Banküberfall, heisse es laut Beratungs-Agenturen. Die Frauen studieren hierfür die Interview-Technik am Zoll genau ein, merken sich Details zu ihrer Hotelbuchung oder über berühmte Sehenswürdigkeiten. Alles, um überzeugend als eine wohlhabende Chinesin durchzugehen, die in den USA shoppen gehen will.

Es gebe mehrere Agenturen für werdende Mütter, heisst es in der «Time». Liu Li habe sich für eine mit gutem Ruf entschieden und sich Flugtickets sowie die Vor- und Nachbetreuung einiges kosten lassen. Direkt nach ihrer Ankunft in den USA checkte sie in ein chinesisches Geburtszentrum in Kalifornien ein. In Kalifornien stehen zahlreiche chinesische Geburtszentren. Die meisten operieren ohne Geschäftslizenz und üben sich in Diskretion. Erst im April wurde ein illegales Mutterschafts-Zentrum in Los Angeles entdeckt und geschlossen.

Keine Registrierung in China

Ist das Kind erst einmal auf die Welt gekommen, ist es meist einfach, das im Ausland geborene Kind nach China zurückzubringen. Schwierig wird es erst später, weiss die «Time» von der Chinesin Song Jingwen. Ihr Sohn könne mit dem US-Pass nicht in China registriert werden, sagte die Frau. Das habe schwerwiegende Folgen. Der Junge werde nicht automatisch an chinesischen Schulen angenommen. Song Jingwen müsse ihn als Ausländer registrieren lassen und deshalb zusätzliche Gebühren zahlen. Der Zugang zu Schulbildung und dem Gesundheitswesen sei dadurch stark eingeschränkt.

Eine gängig Praxis sei daher, dass sich Eltern falsche Geburtsurkunden für ihre Kinder beschaffen oder die chinesische Botschaft täuschen, um einen chinesischen Pass zu erhalten, erklärt Song. Sie selbst sei noch unschlüssig, wie sie weiter vorgehen wolle. Wenn sie ihrem Sohn eine falsche chinesische Registrierung beschaffe, würde es zwar einfacher, ihn in die lokale Schule zu schicken. Gleichzeitig fürchtet sie, dass alle Bemühungen vergebens gewesen sein könnten.

Doppelte Staatsbürgerschaft verboten

In China ist die doppelte Staatsbürgerschaft nicht erlaubt. Und auch in den USA gibt ein Kind die amerikanische Nationalität auf, wenn es eine chinesische Registrierung habe. In Hong Kong wiederum erhält ein Kind nur dann eine Identitätskarte, wenn es bis zum 18. Lebensjahr jährlich nach Hong Kong zurückkehrt.

Dass deshalb für Kinder mit amerikanischem Pass in China durchaus Schwierigkeiten entstehen können, zeigt das Beispiel von Zhao Yong. Vor einigen Jahren habe dieser für sein in Amerika geborenes Kind relativ einfach eine Bewilligung in Shanghai erhalten. Jetzt sei es aber schwierig geworden, in die USA einzureisen. «Wir müssen jedes Mal zuerst mit einer Erlaubnis holen, nach Hong Kong reisen und von da in die USA fliegen, um dort mit dem Amerikanischen Pass ins Land einzureisen», zitiert ihn das Magazin. Der Trip sei kompliziert, aber wenn man direkt von Shanghai in die USA fliege, würde man die Wahrheit nicht mehr verstecken können.

Für Song Jingwen ist daher klar, dass es ein wundervoller Traum sei, sein Kind in den Staaten zur Welt zu bringen, aber auch ein teurer: «Wer diesen Weg gehen will, muss wissen, dass er nicht nur für die Geburt und die Betreuung danach bezahlt, sondern auch für sehr viel mehr im Leben.»

(ske)