Virtuelle Kandidatin

24. November 2010 18:01; Akt: 24.11.2010 18:15 Print

Palin auf allen Kanälen

von Peter Blunschi - Ein neues Buch, eine TV-Serie, die Tochter in einer Fernsehshow – Sarah Palin ist derzeit omnipräsent. Ist das der Einstieg in den Wahlkampf?

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Sarah Palin am Dienstag an einer Signierstunde für ihr neues Buch in Phoenix.

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Wirklich weg war sie nie, seit sie im Juli 2009 überraschend als Gouverneurin von Alaska zurückgetreten war. Vielmehr arbeitete Sarah Palin, die als Kandidatin für die US-Vizepräsidentschaft 2008 zu nationaler Bekanntheit aufstieg, zielstrebig an ihrer Karriere als Sprachrohr der amerikanischen Konservativen. Vor einem Jahr veröffentlichte sie ihre Memoiren «Going Rogue: An American Life», von denen über zwei Millionen Exemplare verkauft wurden, im Januar engagierte der TV-Sender «Fox News» sie als Kommentatorin.

Was derzeit abläuft, übertrifft jedoch alles Bisherige. Der Name Palin dominiert die US-Medien. Letzte Woche wurde die erste Folge der Reality-Show «Sarah Palin’s Alaska» ausgestrahlt, in der die 46-Jährige ihren Heimatstaat vorstellt und sich als bodenständige «Hockey Mom» inszeniert. Sie bescherte dem Spartensender «The Learning Channel» (TLC) mehr als fünf Millionen Zuschauer und damit die beste Quote seiner Geschichte.

Dank Mamas Fans im Final

Ausserdem sorgte ihre 20-jährige Tochter Bristol in der Fernsehshow «Dancing with the Stars» für Furore. Obwohl die mediokre Tänzerin von der Fachjury regelmässig miese Noten erhielt, kam sie dank dem Publikumsvoting bis in den Final. In einer Umfrage der «Washington Post» zeigten sich 54 Prozent überzeugt, dass Bristol dies nur den Fans ihrer Mutter zu verdanken hatte. Tatsächlich hatten konservative Blogger und Anhänger der Tea-Party-Bewegung die Unterhaltungssendung in ein politisches Referendum verwandelt.

Am Dienstag folgte der nächste Streich: Sarah Palin veröffentlichte ihr neues Buch mit dem Titel «America by Heart: Reflections on Family, Faith, and Flag», eine Verherrlichung konservativer Werte und gleichzeitig eine Attacke auf den «unpatriotischen» Präsidenten Barack Obama. «Wir haben vielleicht das erste Mal seit der Gründung unserer Republik einen Präsidenten, der seine Überzeugung ausdrückt, dass Amerika nicht die grösste irdische Kraft des Guten ist, die die Welt jemals gekannt hat», schreibt Palin.

Man liebt oder hasst sie

So viel Publizität nährt sie Spekulationen, dass Palin in zwei Jahren gegen Obama antreten und für die Präsidentschaft kandidieren wird. In Interview hat sie zuletzt ungeniert damit geliebäugelt. Beobachter haben registriert, dass die Signierreise für ihr neues Buch unter anderem in die Bundesstaaten Iowa, South Carolina und Ohio führen wird, die bei der nächsten Präsidentschaftswahl eine Schlüsselrolle spielen werden. Ihr stärkster Trumpf aber ist ihre enorme Popularität bei der republikanischen Parteibasis.

Weniger gut sieht es bei der gesamten Wählerschaft aus. Neuste Umfragen zeigen, dass Sarah Palin überwiegend auf Ablehnung stösst, nicht nur bei den Demokraten, sondern auch bei den parteilosen Wählern, ohne die niemand das Weisse Haus erobern kann. Das Establishment der Republikaner hält entsprechend wenig von einer möglichen Kandidatur Palins, sie wiederum geht bei jeder Gelegenheit auf Distanz zu den Parteibonzen.

Palin ist kein Reagan

Der Autor Robert Draper, der im «New York Times Magazine» ein grosses Palin-Porträt veröffentlicht hat, zeigte sich gegenüber der BBC überzeugt, dass sie sich noch nicht entschieden hat. Er zweifle jedoch, dass sie den Verlockungen einer Kandidatur widerstehen könne: «Sie ist eine sehr kämpferische Person.» Genau dies könne aber zum Nachteil werden, denn ihr fehle die sonnige Art eines Ronald Reagan, mit dem sie sich ständig vergleiche, meinte Draper: «Sie hat nicht seinen sorglosen, unbeschwerten Optimismus.»

Sarah Palin hat zudem bislang keine Anstalten gemacht hat, eine Wahlkampfmaschinerie aufzubauen. Sie stützt sich laut BBC auf einen kleinen Kreis sehr loyaler Berater, allen voran ihren Ehemann Todd. Auch spricht sie nur selten mit «klassischen» Medien, sondern kommuniziert vorzugsweise via Facebook und Twitter. Eine Bewerbung als Aussenseiterin, die gegen den verhassten Washingtoner Politfilz antritt, könnte jedoch zum Rohrkrepierer werden. Die US-Geschichte lehrt, dass solche «Mavericks» anfangs häufig grossen Anklang finden, zuletzt aber an den Strukturen der US-Politik scheitern.

Vorstellung attraktiver als Realität

Mark McKinnon, ein ehemaliger Berater von Präsidentschaftskandidat John McCain, erklärte gegenüber der «Los Angeles Times», dass «die Vorstellung einer Kandidatur von Sarah Palin attraktiver ist als die Realität». Sie habe derzeit so viel Ruhm, Geld und Einfluss, wie man sich nur wünschen könne, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen: «Warum soll sie das alles für das Elend einer Kandidatur aufgeben?»

Die Ex-Gouverneurin scheint sich darüber auch Gedanken zu machen. In einer konservativen Radiosendung räsonierte sie gemäss CNN darüber, dass ihre Kandidatur der Republikanischen Partei «vielleicht mehr schaden als nützen» könnte. Als schlechtes Omen kann sie das Abschneiden von Tochter Bristol bei «Dancing with the Stars» betrachten: In der Finalsendung am Dienstag, in der das Publikum nichts mehr zu sagen hatte, belegte sie nur den dritten und letzten Platz. Gewonnen hat der einstige «Dirty Dancing»-Star Jennifer Grey. Und die Einschaltquote von «Sarah Palin's Alaska» stürzte in Folge zwei um 40 Prozent ab.