Bauernproteste

15. Dezember 2011 08:51; Akt: 15.12.2011 14:36 Print

Polizei riegelt chinesische Kleinstadt ab

Seit September haben Demonstranten den 20 000 Einwohner zählende Fischerort Wukan übernommen. Jetzt wollen die chinesischen Behörden mit aller Härte gegen die Proteste vorgehen.

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Nach schweren Unruhen haben Sicherheitskräfte ein südchinesisches Fischerdorf abgeriegelt. Rund 10 000 Bewohner protestierten am Donnerstag gegen Landverkäufe durch korrupte Funktionäre und den Tod eines ihrer Verhandlungsführer in Polizeihaft.

Die Bewohner von Wukan in der Provinz Guangdong forderten eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse. «Wir wollen künftig auch unsere Funktionäre demokratisch wählen», sagte ein Teilnehmer an der Demonstration.

Mit Bäumen hätten sie Strassensperren errichtet. Einige Bewohner hätten sich mit Schlagstöcken und Messern bewaffnet, um sich gegen einen möglichen Sturm der Sicherheitskräfte zu wappnen, sagte der Bewohner.

Die Rebellion des Fischerdorfes in der wirtschaftlich blühenden Provinz wirft ein Schlaglicht auf die zunehmenden sozialen Unruhen in China. Ursache sind häufig Konflikte über zwangsweise Landenteignungen, unzureichende Entschädigungen, Umweltverschmutzung, Korruption, unbezahlte Löhne oder Polizeibrutalität. Im vergangenen Jahr zählten Soziologen rund 180 000 solcher Zwischenfälle.

Unklare Ursachen für Tod

Ein monatelanger Streit über Landverkäufe war in Wukan eskaliert, nachdem einer der Unterhändler der 20 000 Bewohner am Sonntag in Haft ums Leben gekommen war.

Wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Donnerstag berichtete, bestritten die Behörden, dass der 42-Jährige gefoltert worden sei. Der plötzliche Tod von Xue Jinbo sei auf «Herzversagen» zurückzuführen, hiess es unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft der Provinz Guangdong.

Verwandte hätten die Leiche des 42-Jährigen aber gesehen und von «mehreren Verletzungen» berichtet, sagte der Dorfbewohner. «Er wurde definitiv zu Tode geprügelt.» Die Verwandten hätten die Leiche nicht fotografieren dürfen.

Die Fingernägel seien ihm herausgerissen worden, ein Daumen sei gebrochen gewesen, sagte der Dorfbewohner unter Berufung auf die Familie. Die Tochter des Toten sagte, ihr Vater habe niemals Herzprobleme gehabt. «Ich kann Ihnen aber versichern, dass er an vielen Stellen geschlagen wurde», sagte Xue Jianwan.

Die Staatsanwaltschaft berichtete von Abschürfungen an Knien und Handgelenken, die aber nicht für den Schluss ausreichten, dass er geschlagen worden sei.

Untersuchung gefordert

In dem Konflikt geht es um den Verkauf von Land durch die Lokalregierung an das grosse Immobilienunternehmen Country Garden Co.. Schon im September war es zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen, bei denen Polizeiwagen zerstört und Polizisten verletzt wurden.

Zwar mussten anschliessend mehrere Funktionäre ihre Posten räumen, doch brachten folgende Verhandlungen keine Lösung. Fünf Unterhändler des Dorfes, darunter Xue Jinbo, wurden Ende vergangener Woche wegen ihrer Teilnahme an den Protesten im September festgenommen.

Bei der Demonstration am Donnerstag wurde Trauermusik für Xue Jinbo gespielt. Die Teilnehmer des Protestzuges forderten eine Untersuchung seines Todes und aller Landverkäufe in den vergangenen Jahren durch die Zentralregierung in Peking, weil sie den lokalen Behörden nicht trauten.

«Unser Land muss uns zurückgegeben werden», sagte der Bewohner. Bei der Demonstration liessen sich nach seinen Angaben weder Behördenvertreter noch Polizei oder paramilitärische Kräfte (Wujing) blicken, die vielmehr einen Ring um das Dorf gezogen und die Versorgung unterbrochen hätten.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tomy am 15.12.2011 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Es kommt noch knüppeldick...!

    Dies ist erst der ganz kleine Anfang eines kommenden Riesenprotests, der China wohl erst noch bevorstehen wird. Man stellt sich vor, wenn mal ein weiterer nur kleiner Teil dieser über 1 Mrd. Einwohner beginnt, aufzustehen...

    einklappen einklappen
  • Andy M am 15.12.2011 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    China's Wirtschaft, Bürger unzufrieden!

    Sicher dies ist nur die Spitze des Eisberges, den es rumohrt schon seit 1986 als ich damals in Hong Kong war lernte ich Chinesen kennen vom Festland die geflüchtet waren wegen der Unterdrückung der Menschenrechte. Neustens wandern immer mehr Junge aus sowie sehr reiche Unternehmer um mit ihrem Kapital im Westen sich ein neues Leben aufzubauen oder auch in anderen asiatischen Ländern. Was die Menschrechte, Zensuren, Luftverschmutzung, Enteignungen, Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Gewässerverschmutzung, Immobilienblase die kommt bestimmt in absehbarer Zeit. Handel EU&USA im minus!

  • Jackman am 15.12.2011 10:59 Report Diesen Beitrag melden

    Revolution auch in China?

    Beginnt in China sich etwa auch eine Revolution zu bewegen, nach Freiheit, Demokratie, gegen Korruption, Diktatur, etc.? Wenn ja, dürfte es angesichts der riesigen Bevölkerung wohl eine ganz andere Dimension annehmen, als wie in den afrikanischen Staaten, obwohl auch der Machtapparat sehr viel grösser und auch sicher sehr viel skrupelloser ist. Das ist wirklich besorgniserregend.

Die neusten Leser-Kommentare

  • meccano am 15.12.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    zweites syrien?

    droht hier ein zweites syrien? wenn sich die proteste ausweiten und das ist sehr gut vorstellbar, werden sich die chinesischen behörden kaum weigern, die dissidenten mundtot zu machen und mit aller härte gegen die demonstranten vorzugehen.

  • Andy M am 15.12.2011 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    China's Wirtschaft, Bürger unzufrieden!

    Sicher dies ist nur die Spitze des Eisberges, den es rumohrt schon seit 1986 als ich damals in Hong Kong war lernte ich Chinesen kennen vom Festland die geflüchtet waren wegen der Unterdrückung der Menschenrechte. Neustens wandern immer mehr Junge aus sowie sehr reiche Unternehmer um mit ihrem Kapital im Westen sich ein neues Leben aufzubauen oder auch in anderen asiatischen Ländern. Was die Menschrechte, Zensuren, Luftverschmutzung, Enteignungen, Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Gewässerverschmutzung, Immobilienblase die kommt bestimmt in absehbarer Zeit. Handel EU&USA im minus!

  • Ching Chong am 15.12.2011 11:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bauernproteste sind an der tagesordnung

    Die proteste sind nicht neu, die info war bloss nicht zu uns durchgedrungen!

  • Marc Blatti am 15.12.2011 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Der kommunistische Winter

    Vielleicht folgt jetzt nach dem arabischen Frühling, der kommunstische Winter...

  • Jackman am 15.12.2011 10:59 Report Diesen Beitrag melden

    Revolution auch in China?

    Beginnt in China sich etwa auch eine Revolution zu bewegen, nach Freiheit, Demokratie, gegen Korruption, Diktatur, etc.? Wenn ja, dürfte es angesichts der riesigen Bevölkerung wohl eine ganz andere Dimension annehmen, als wie in den afrikanischen Staaten, obwohl auch der Machtapparat sehr viel grösser und auch sicher sehr viel skrupelloser ist. Das ist wirklich besorgniserregend.