Grossbritannien

08. März 2018 08:43; Akt: 08.03.2018 11:30 Print

Polizist nach Nervengift-Attacke aus Koma erwacht

Der Polizist fiel in Salisbury nach dem Anschlag auf den russischen Ex-Spion ins Koma. Nun ist er wieder aufgewacht, die anderen Opfer schweben noch in Lebensgefahr.

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Die beiden Verdächtigen Alexander Petrow (l.) und Ruslan Boshirow am Bahnhof von Salisbury. Die genannten Namen sind den Angaben zufolge aber vermutlich Pseudonyme. Ruslan Boshirow (l.) und Alexander Petrow werden dringend verdächtigt, vor rund einem halben Jahr ein Attentat auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia verübt zu haben. Die Polizei veröffentlichte mehrere Bilder von Überwachungskameras, auf denen die beiden russischen Staatsbürger in der südenglische Stadt Salisbury zu sehen sind. Die beiden Verdächtigen sind laut Polizei am 2. März nach Grossbritannien geflogen. Eine Aufnahme zeigt den Verdächtigen Alexander Petrow am Flughafen Gatwick am Nachmittag des 2. März. Am Folgetag sollen sie die südenglische Stadt Salisbury ausgekundschaftet haben. Ein Bild vom 4. März aus Salisbury, dem Tag des Attentats. Am Abend seien die beiden wieder abgereist. Die Aufnahme zeigt Alexander Petrow (l.) und Ruslan Boschirow (r.) am Flughafen von Heathrow. Die britische Premierministerin Theresa May machte am 5. September den russischen Militärgeheimdienst für den Nervengiftanschlag verantwortlich. Die beiden mit Haftbefehl gesuchten Verdächtigen in dem Fall seien Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes GRU und hätten höchstwahrscheinlich im Auftrag der russischen Regierung gehandelt, sagte May im britischen Parlament. Bei dem Anschlag handele es sich nicht um eine auf eigene Faust geplante Tat von Kriminellen, sagte May: «Er wurde nahezu sicher auf hoher russischer Staatsebene genehmigt.» May hatte Russland schon früh für die Attacke verantwortlich gemacht, was zu einem tiefen diplomatischen Zerwürfnis führte und eine Krise zwischen Russland und dem Westen auslöste. Skripal und seine Tochter Julia waren im März in der südenglischen Stadt Salisbury durch das Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden und knapp dem Tode entronnen. (Bild: Ermittler am 8. März 2018 in der Nähe der Bank, auf der die beiden gefunden wurden.) «Die Angelegenheit wird als schwerwiegender Zwischenfall behandelt, der versuchten Mord durch Verabreichung eines Nervengifts beinhaltet», sagte der Anti-Terrorismus-Chef der Polizei, Mark Rowley, neben Chief Medical Officer Sally Davies in London. (7. März 2018) Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall. Ein Bild der Tochter Julia Skripal. Sie erwachte aus dem Koma. Ermittler in Schutzanzügen bei der Spurensicherung am Tatort in Salisbury. (6. März 2018) Augenmerk legten die Ermittler auch auf das Zizzi Restaurant, das neben dem Tatort liegt. Wurde geschlossen und untersucht: Die Pizzeria Zizzi in der Nähe. Überwachungskameras haben eine Frau und einen Mann festgehalten, die vor dem Vorfall in Richtung der Parkbank unterwegs waren. Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt. Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden. Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab. 2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergej Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin. Liudmila Skripal, die Frau des Ex-Spions, ist im London Road Friedhof in Salisbury begraben. (7. März 2018) Daneben befindet sich auch die Ruhestätte von Alexander Skripal, dem Sohn des angegriffenen Ex-Spions. Hier wurden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild) Der russische Oligarch und Putin-Kritiker Boris Beresowski wurde im März 2013 tot auf dem Boden des Badezimmers seines Hauses in Südengland aufgefunden. (London, 31. August 2012) Der russische Atomphysiker Igor Sutjagin wurde wegen Spionage zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt, das Urteil wird von Menschenrechtlern kritisiert. Sutjagin war neben Skripal einer der vier Häftlinge des Gefangenenaustauschs von 2010. (Moskau, 7. April 2004) Ähnlicher Fall: Der ehemalige KGB- und MI6-Spion Alexander Litwinenko starb im November 2006, drei Wochen nachdem er in einem Hotel in London einen Eistee getrunken hatte, der mit grosse Mengen des radioaktiven Polonium-Isotops versetzt war. (London, 10. Mai 2002) Der bulgarische Schriftsteller und Dissident Georgi Markow starb im September 1978, vier Tage nachdem er mit einem mit Gift präparierten Schirmin in die rechte Wade gestochen wurde. Der als «Regenschirmattentat» bekannt gewordene Anschlag geschah, als Markow auf der Waterloo Bridge in London auf den Bus wartete. (Undatiertes Archivbild)

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Nach dem Nervengift-Anschlag in Grossbritannien ist eines der Opfer aus dem Koma aufgewacht. Wie der «Mirror» berichtet, handelt es sich bei der Person um den Polizisten, der dem russischen Ex-Spion Sergej Skripal und seiner Tochter zu Hilfe kommen wollte.

«Der Polizist reagiert und kann sprechen», informiert die britische Innenministerin Amber Rudd. Obwohl sie optimistisch sei, ist es für Prognosen noch zu früh. «Es war Nervengas, wir nehmen den Fall sehr ernst.» Der Zustand der beiden anderen Opfer sei weiterhin kritisch.

Nach dem Anschlag bangten die Ärzte laut Medienberichten um das Leben der Opfer. Drei Menschen lägen im Koma, berichtete der Sender Sky News in der Nacht zu Donnerstag. Die Londoner «Times» berichtete unter Berufung auf Regierungskreise, der Zustand des früheren russischen Agenten sei besonders ernst: «Die Befürchtung ist, dass er es nicht schaffen wird», zitierte die Zeitung eine ungenannte Regierungsquelle. Für Skripals Tochter und den Polizisten gebe es mehr Hoffnung.

«Ein Nervengift ist die Ursache der Symptome»: Der russische Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter wurden Ziel eines Giftanschlags. (Video: Tamedia/AP)

Seltenes Nervengift kam zum Einsatz

Bei dem Attentat ist ein sehr seltenes Nervengift verwendet worden. Das sagte die britische Innenministerin Amber Rudd am Donnerstag in einem Interview mit dem BBC-Radio. Welches Gift genau zum Einsatz kam, wollte Rudd nicht sagen.

Einem BBC-Bericht zufolge handelt es sich weder um Sarin, das einem Uno-Bericht zufolge zuletzt im Syrienkrieg zum Einsatz kam, noch um VX, mit dem im vergangenen Jahr der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un getötet wurde. Nervengifte greifen das Nervensystem an und legen die Funktion lebenswichtiger Organe lahm. Die britischen Ermittler versuchen nun herauszufinden, wo der betreffende Stoff hergestellt wurde. Experten zufolge gibt es nur wenige Labore auf der ganzen Welt, die dazu in der Lage sind.

Skripal und seine Tochter wurden der Polizei zufolge gezielt mit dem Nervengift angegriffen. Ermittelt wird wegen versuchten Mordes. Der Fall erinnert an den Giftmord am Kremlkritiker Alexander Litwinenko im Jahr 2006 und hat inzwischen einen diplomatischen Schlagabtausch zwischen Moskau und London ausgelöst.

Mysteriöser Fall, kontroverse Theorien

Die mutmassliche Vergiftung des russischen Ex-Spions Sergej Skripal in Grossbritannien wirft viele Fragen auf - allen voran diese: Wer steckt dahinter? Während einige Experten und Kreml-Kritiker mit dem Finger auf Moskau zeigen, verwerfen andere diese Theorie als geradezu lächerlich.

Der Fall ist ebenso spektakulär wie mysteriös: Der 66-jährige Ex-Doppelagent Skripal, der in Russland zu 13 Jahren Haft verurteilt worden war und 2010 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Grossbritannien kam, wurde bewusstlos auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum im englischen Salisbury gefunden - neben seiner ebenfalls bewusstlosen 33-jährigen Tochter Julia.

Die britische Polizei geht inzwischen von einem gezielten Mordanschlag mit einem Nervengift aus. «Die Familie anzugreifen und jemanden, der Teil eines Austauschs war, ist ein Novum», sagt der Russland-Experte Bruce Jones vom britischen Magazin «Jane's Defence Weekly». Ein solcher Angriff könnte für Russland verschiedene Vorteile haben, meint er. Es könnte «eine Warnung an jeden sein, der erwägt, ein Verräter zu sein». Skripal ist ein früherer Offizier des russischen Militärgeheimdienstes. Weil er Agenten an den britischen Geheimdienst MI6 verraten hatte, wurde er in Russland inhaftiert.

Während die Polizei erklärte, in alle Richtungen zu ermitteln, hatte der britische Aussenminister Boris Johnson eine «angemessene und robuste» Antwort seiner Regierung angekündigt, sollte ein Staat hinter der Attacke stecken. In diesem Zusammenhang nannte er Russland. Moskau erklärte, über keinerlei Informationen über den «tragischen» Vorfall zu verfügen. Das russische Aussenministerium prangerte eine «anti-russische Kampagne» an.

Methode des russischen Geheimdienstes

Für Kreml-Gegner ist der Fall klar: «Vergiften ist die Methode der Wahl für den FSB», den russischen Inlandsgeheimdienst, sagt Juri Felschtinski. Felschtinski ist ein Freund von Alexander Litwinenko, dem früheren FSB-Agenten, der 2006 in London mit einer radioaktiven Substanz vergiftet und getötet wurde. Die Spur führte damals nach Moskau.

Der Vorfall in Salisbury sollte im Kontext der Präsidentschaftswahl in Russland am 18. März gesehen werden, in der Staatschef Wladimir Putin praktisch unangefochten zur Wiederwahl antritt, sagt Felschtinski.

«Dies trägt die Handschrift eines Putin-Attentats.» Putin warne «jeden im FSB, niemals abtrünnig zu werden, weil man dann gejagt und getötet wird», heisst es in einer in britischen Medien veröffentlichten Erklärung Felschtinskis.

Bill Browder, ehemaliger Investor in Russland und inzwischen Putin-Kritiker, sagt: «Putin macht das als Demonstrationseffekt.» Browder führte eine Kampagne im Gedenken an seinen ehemaligen Mitarbeiter Sergej Magnitski, der Betrug durch russische Behördenvertreter öffentlich machte, bevor er 2009 in russischer Haft starb.

Putins Art der Einschüchterung

Putin wolle «jeden in absolute Angst vor ihm» versetzen, sagt Browder. «Er muss nicht jeden töten, er muss nur ein paar Leute töten und klarstellen, dass einem schreckliche Dinge passieren, wenn man Putin in die Quere kommt.»

Der britische Aussenminister Boris Johnson hatte eine «angemessene und robuste» Antwort seiner Regierung angekündigt, sollte ein Staat hinter der Attacke auf Skripal stecken - und in diesem Zusammenhang Russland genannt. Moskau könnte auf diese Reaktion gesetzt haben.

«Wenn es Kritik oder Sanktionen gegen Russland gibt, kann das vom Kreml zu seinem Vorteil genutzt und manipuliert werden», sagt Jones. Russland könne sich so als «tragisches Opfer» darstellen.

Jones verweist auch darauf, dass sich Grossbritannien wegen des Zweifels an der Führungsstärke von Premierministerin Theresa May und wegen der schwierigen Brexit-Verhandlungen in einer «verletzlichen Position» befinde. Browder erinnert daran, dass Grossbritannien auf den Litwinenko-Mord nicht hart reagiert habe. «Diese Untätigkeit verleitet Putin, in diesem Land Leute zu töten.»

Nowaja Gaseta: In der russischen Tradition

Auch Pawel Felgenhauer, Analyst der Zeitung «Nowaja Gaseta», sieht Moskau hinter der Tat. Niemand anderer habe ein Interesse, sagt Felgenhauer. Derartige Attacken stünden «in der Tradition des FSB».

Andere, wie der ehemalige sowjetische Spion Michail Ljubimow, tun derartige Vermutungen ab. «Wer ist Skripal? Wen interessiert er?» Skripal sei an Grossbritannien übergeben worden. «Wenn wir ihn hätten töten wollen, hätten wir ihn hier getötet, aber wir haben ihn freigelassen.»

Der russische Militäranalyst Alexander Golz verweist auf Skripals «abenteuerlichen Charakter». Niemand wisse, «in welches Abenteuer er sich in Grossbritannien begeben haben könnte».

(sep/sda)