Uiguren-Ausschreitungen

06. Juli 2009 14:25; Akt: 06.07.2009 20:21 Print

Proteste in China weiten sich aus

Nach den schweren Unruhen in der muslimischen Uiguren-Region Xinjiang im Nordwesten Chinas ist die Zahl der Todesopfer auf 156 angestiegen.

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Die tagelangen Proteste brachten auf beiden Seiten viel Leid. Sowohl bei den Uiguren ... ... wie bei den Han-Chinesen. Laut offiziellen chinesischen Angaben kamen bei den blutigen Ausschreitungen mehr Chinesen als Uiguren um. Nirgends fielen die ausländischen Proteste gegen das Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte heftiger aus als in der Türkei, die sich mit dem Turk-Volk der Uiguren besonders verbunden fühlt. Für die Nacht auf den 11. Juli wurde Urumqi wieder mit einer Ausgangssperre belegt. Am 10. Juli sperrten die Sicherheitsbehörden alle Moscheen in Urumqi für das Freitagsgebet der muslimischen Uiguren. In vielen Moscheen herrschte daraufhin gähnende Leere. Viele Uiguren versammelten sich dennoch vor den Gebetshäusern zum Freitagsgebet. Zum Teil zeigten sich daraufhin die Sicherheitskräfte nachsichtig und erlaubten doch noch den Zutritt in die Moscheen. In der Nacht auf den 8. Juli nahm ein Mob von Han-Chinesen Rache an den Uiguren und zog randalierend durch die Strassen Urumqis. Beschädigte Autos zeugen davon. Die mit Knüppeln bewaffneten Han-Chinesen gingen offenbar auch auf Uiguren los. Über uigurische Opfer gibt es von offizieller chinesischer Seite aber keine Angaben. Nach Angaben der exilierten Führerin Rebiya Kadeer sind bei den Ausschreitungen innert vier Tagen 400 Uiguren ums Leben gekommen. Aus Angst vor weiteren Übergriffen von Han-Chinesen haben sich Uiguren in Urumqi verbarrikadiert. Mit einem gigantischen Aufgebot der Sicherheitskräfte versuchen die chinesischen Behörden, der Lage Herr zu werden. Schwerbewaffnete Polizisten patrouillieren in den uigurischen Quartieren Urumqis. Die chinesischen Sicherheitskräfte wollen jegliche Unruhen im Keim ersticken. In Urumqui herrscht eine Ausgangssperre. Im Verlauf des 7. Juli formierte sich der Widerstand der chinesischen Zivilisten. Mit Knüppeln zogen sie durch Urumqi und stiessen Marktstände der muslimischen Uiguren um. Die Sicherheitskräfte setzten auch gegen die protestierenden Han-Chinesen Tränengas ein, in einem Versuch Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Die Lage in der Stadt ist äusserst gespannt. Für die Nacht auf den 8. Juli haben die Behörden eine Ausgangssperre über die Hauptstadt der Provinz Xinjiang verhängt. Zuvor hatten es am 7. Juli die uigurischen Frauen mit der geballten chinesischen Staatsmacht aufgenommen. Hunderte von ihnen forderten die Freilassung ihrer festgenommenen Männer und Kinder. Ein Grossaufgebot von hunderten Polizisten versuchte der Lage Herr zu werden. Eindringliche Appelle wurden an die chinesischen Sicherheitskräfte gerichtet. Die Anwesenheit ausländischer Journalisten und Fotografen zwang die Polizei zur Zurückhaltung. Dennoch kam es zu kleineren Scharmützeln vor laufender Kamera. Zu den ersten grossen Ausschreitungen kam es am 5. Juli in der Provinzhauptstadt Urumqi. Die Bilder des chinesischen Staatsfernsehens zeigen die Gewalttätigkeit der Demonstranten in aller Ausführlickeit. Während die staatliche Zensur im Normalfall keine Aufnahmen von innerchinesischen Konflikten erlaubt ... ... wird für die Proteste der als Terroristen geltenden uigurischen Muslime eine Ausnahme gemacht. Bei der staatlichen Berichterstattung wird bewusst die Gewalt der Uiguren mit Bildern von verletzten Han-Chinesen kontrastiert. Ob es sich bei den mindestens 150 Toten um Demonstranten handelt, war vorerst unklar. Auch Polizeiautos wurden am 5. Juli attackiert. Dieses Bild der Ausschreitungen wurde von der Uyghur American Association in Washington veröffentlicht. Mit einem massiven Aufgebot der Sicherheitskräften haben die Behörden am 6. Juli zumindest oberflächlich wieder Ruhe hergestellt. Dieses Bild wurde über Twitter verbreitet. Wie viel Polizei auf den Strassen ist, macht dieses Twitter-Bild deutlich. Twitter-Bilder zeigen das Ausmass der Ausschreitungen. Auch Bilder von Verhaftungen finden via Twitter ihren Weg in die Welt. Am Morgen nach den Ausschreitungen sorgen hunderte Sicherheitskräfte für Ruhe in Urumqi. Auch gepanzerte Fahrzeuge prägen das Strassenbild in der Provinzhauptstadt. Das Ausmass der Zerstörung zeigt sich am Tag danach in Urumqi. Auch die Spuren menschlichen Leids sind auf den Trottoirs der Stadt deutlich sichtbar.

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Hunderte Demonstranten wurden festgenommen. 90 Anführer der Proteste würden noch gesucht, sagte der regionale Polizeichef Liu Yaohua laut Xinhua am Montag. Die Polizei errichtete in den Bezirken rund um die Provinzhauptstadt Urumqi Strassensperren.

Die Ausschreitungen vom Sonntag waren der tödlichste Zwischenfall in der zentralasiatischen Provinz Xinjiang seit Jahrzehnten. Die Behörden gaben zunächst keine Erklärung für die hohe Opferzahl. Auch war unklar, wie viele der Opfer Han-Chinesen und wie viele Uiguren waren.

Ausgangspunkt der Unruhen war eine zunächst offenbar friedliche Demonstration von 1.000 bis 3.000 Uiguren, wie Augenzeugen berichteten. Sie forderten die Untersuchung einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen Mitgliedern ihrer Volksgruppe mit Han-Chinesen in einer Spielzeugfabrik in Südchina. Offenbar schlug der Protest in Gewalt um, als die Polizei die Demonstration auflösen wollte.


Proteste weiten sich auf Kashgar aus

Nach Angaben der chinesischen Behörden wurden 260 Autos zertrümmert oder in Brand gesetzt und 203 Häuser teils schwer beschädigt. In der Nacht zum Montag kehrte Ruhe ein, nachdem Polizei und Streitkräfte massiv Präsenz zeigten. Mobilfunknetze waren nach den Unruhen lahmgelegt, mehrere uigurische Internetseiten waren blockiert, Beiträge zu dem Thema wurden gezielt aus sozialen Netzwerken gelöscht.

Ein amerikanischer Fulbright-Stipendiat in Urumqi beschrieb die Lage am Montag als äusserst gespannt. «Überall sind Soldaten, Polizisten stehen an jeder Ecke», sagte Adam Grode.

Die Proteste weiteten sich unterdessen nach Berichten von Augenzeugen auf eine zweite Stadt aus. Ein Bewohner der alten Karawanenstadt Kashgar nahe der pakistanischen Grenze sagte am Montag, er habe mit rund 300 weiteren Personen vor der Id-Kah-Moschee demonstriert. Die Menge sei von der Polizei eingekreist worden.


Regierung vermutet Drahtzieher im Ausland

Die Regierung machte Gruppen von Exil-Uiguren für die Ausschreitungen verantwortlich. Der Gouverneur von Xinjiang, Nur Bekri, wies die Schuld einer prominenten Exil-Uigurin in den USA zu. Rebiya Kadeer habe die Ausschreitungen über Anrufe und verschiedene Websites «orchestriert».

Exilgruppen der Uiguren äusserten scharfe Kritik an den chinesischen Sicherheitsbehörden. «Wir fordern die internationale Gemeinschaft auf, die Tötung unschuldiger Uiguren zu verurteilen», sagte Alim Seytoff, Vizepräsident der in Washington ansässigen Gruppe amerikanischer Uiguren. Die Anschuldigungen der Regierung gegen die Exil-Uiguren wies Seytoff als Propaganda zurück. Kadeer, die bereits für den Friedensnobelpreis im Gespräch war, ist die Vorsitzende der Organisation.

Die Uiguren sind eine muslimische Minderheit und fühlen sich von der Zentralregierung in Peking unterdrückt, genauso wie die benachbarten Tibeter. Die Uiguren sind in Urumqi infolge der Ansiedlungspolitik Pekings in der Minderheit, Han-Chinesen stellen die Mehrheit der rund 2,3 Millionen Einwohner. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und extremistischen Angehörigen des Turkvolks.

Das chinesische Staatsfernsehen CCTV zeigte Bilder der Ausschreitungen

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(Quelle: APTN Video)

(ap)