Weitere 12 Jahre

05. Dezember 2011 07:29; Akt: 05.12.2011 13:17 Print

Putins Sieg verstärkt die Auswanderung

von Maria Danilova, ap - Sie sind jung, erfolgreich - und möchten nur eines: Weg aus diesem Land. Junge Russinnen und Russen packt beim Gedanken an weitere zwölf Jahre unter Putin die Auswanderungslust.

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Natalia Lepleiskaja gehört zu den Menschen, die Russland gut gebrauchen könnte. Sie ist eine junge, erfolgreiche IT-Managerin, die sich nebenher in ihrer Freizeit ehrenamtlich engagiert. Um sich herum nimmt sie aber immer mehr Korruption und Stillstand wahr, weshalb sie und ihr Mann sich entschlossen haben, ihre Sachen zu packen und nach Kanada auszuwandern, um dort ein neues Leben zu beginnen.

«Ich sehe nicht, wie ich hier noch etwas verändern könnte, und ich will meine Jugend nicht verschwenden», sagt die 29-Jährige, die vor einigen Jahren aus der Provinz nach Moskau zog, um es bis in eine führende Position in einem Technologieunternehmen zu schaffen.

Ein Grund dafür, dass eine wachsende Zahl von Russen über das Auswandern nachdenkt, ist das politische System, das wenig Veränderung in den kommenden Jahren in Aussicht stellt. Die Partei von Ministerpräsident Wladimir Putin holte sich bei den Parlamentswahlen an diesem Wochenende die absolute Mehrheit – wenn auch mit grossen Verlusten –, er selbst wird vermutlich im März nächsten Jahres wieder Präsident und wird dies dann voraussichtlich auch zwölf Jahre bleiben.

Fünfte Auswanderungswelle seit dem 20. Jahrhundert

Auch schon bevor der amtierende Präsident Dimitri Medwedew und Putin im September bekannt gaben, dass sie die Ämter wieder tauschen wollten, wuchs die Unzufriedenheit vieler Menschen mit ihrem Leben in Russland. In einer im Mai veröffentlichten Umfrage des Lewada-Zentrums erklärten 22 Prozent der Befragten, dass sie ins Ausland gehen wollten, im April 2009 waren es nur 13 Prozent.

Wie viele Menschen in den vergangenen Jahren ausgewandert sind, darüber gibt es kaum Zahlen. Der Bevölkerungswissenschaftler Michail Denissenko schätzt, dass zwischen 2002 und 2009 mindestens eine halbe Million Russen ihr Land verlassen haben. Ihre Zahl steige weiter. Inzwischen erlebe Russland die fünfte Auswanderungswelle seit Beginn des 20. Jahrhundert. Schon nach der Oktober-Revolution 1917 und dann im Zeiten Weltkrieg verliessen zahllose Menschen Russland. Zwischen 1971 und 1988 verliessen dann 290 000 Juden die Sowjetunion, ihnen folgten nach dem Ende der Sowjetunion bis zu 1,6 Millionen Menschen.

Keine Hoffnung auf Reformen mehr

Die Frustration wachse, ein Gefühl des Unbehagens, eine Aversion gegen das Leben in Russland mache sich breit, erklärt Lew Gudkow, Leiter des Lewada-Zentrums. «Die Aussicht auf weitere zwölf Jahre Stagnation oder eine Verschlimmerung der Situation macht vielen Menschen Angst und sie beginnen darüber nachzudenken, in ein anderes Land zu gehen, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu geben», sagt Gudkow. Viele Websites und Blogs bieten inzwischen Tipps zur Auswanderung.

«Die Nachricht, dass Putin bleibt, hat viele Menschen bedrückt und es wird mehr über Auswanderung gesprochen», sagt der Blogger und Internetexperte Anton Nossik. Die demokratischen Reformen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 hätten vielen Menschen Hoffnung gemacht, dass Russland zu einem freien und fortschrittlichen Land werden könne. Aber nach elf Jahren mit Putin an der Macht, erst als Präsident und dann als Ministerpräsident, hätten viele Menschen diese Hoffnung verloren.

Eine Auswanderung heute ist sicher nicht so traumatisch wie in früheren Zeiten, eine schwere Entscheidung ist es dennoch geblieben. Als Teenagerin nannte Lepleiskaja vor 15 Jahren ihren Cousin einen Verräter, weil der in die USA ging, statt sich in Russland für Veränderungen einzusetzen. Inzwischen ist sie selbst immer mehr frustriert. Die soziale Ungleichheit ist gewachsen, die Korruption läuft Amok, Proteste der Opposition werden mit Gewalt aufgelöst, das Fernsehen erinnert oft an die Propagandasendungen der Sowjetunion.

Kein Vertrauen in den Staat

Die russische Wirtschaft schuf zwar für Menschen wie Lepleiskaja viele Möglichkeiten, voranzukommen. Vertrauen, dass die Regierung ihr hilft, ihre Ersparnisse dauerhaft zu schützen, hat sie nicht. Ihr Vater, der 40 Jahre Lehrer war, ging kürzlich in Rente und bekommt nun umgerechnet rund 200 Euro im Monat.

Sie und ihr Mann Alexander warten nun auf die Visa, die in den nächsten Tagen kommen sollen. Im Frühjahr soll es dann nach Montreal gehen. Inzwischen bleibt Zeit, Lebewohl zusagen. Sie waren nie in Kanada und sind sich bewusst, dass es schwierig wird, dort einen so interessanten und gut bezahlten Job zu finden, wie sie ihn jetzt in Russland haben. Aber sie hoffen auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • gelöscht am 05.12.2011 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    gelöscht

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  • Peter Frauwiler am 05.12.2011 10:25 Report Diesen Beitrag melden

    Der Zar ist zurück!!

    Naja, damit wäre dann wohl "Zar Putin" wieder an der Macht.... :-)

  • Markus M. am 05.12.2011 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    Lichtjahre

    Russland, Ostblock, Afrika ... wo sind da Wahlen demokratisch. Wir hatten auch Jahrhunderte um die Demokratie einzuführen und sie ein wenig zu verstehen. Die jungen Nationen in Afrika und im Ostblock sind da noch Lichtjahre davon entfernt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ewiggestrige am 05.12.2011 23:58 Report Diesen Beitrag melden

    Russland = Diktatur

    Jetzt ist für mich klar, Russland ist eine Parteidiktatur!

  • I. Lber am 05.12.2011 15:49 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwann

    Wird es in Russland einen Machtwechsel ala Agypten/ Lybien geben und die NATO wird nicht einschreiten obwohl die Auschreitungen viel blutiger sein werden. Sie können sich gerne zurücklehnen und das jetzt nicht glauben, CNN wird uns schon informieren, wenn es soweit ist.

  • Pius Schweizer am 05.12.2011 12:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer wandern ebenfalls aus!!

    Schweizer möchten ebenfalls hier weg. Die meisten in den Süden oder Asien (Thailand) usw. Ist da die Politik schuld???? Ich denkenicht, woanders bekommt man mehr fürs Geld und schönes Wetter noch dazu!!! Viva Putin :-)

    • Stefan am 05.12.2011 12:46 Report Diesen Beitrag melden

      schwaches Argument

      1.) Du sagst es, die Schweizer Auswanderer geben Gründe wie "schöneres Wetter" an. Die Russen hingegen nennen Korruption als Grund. 2.) Auf die Zahl kommts an. Wie hoch ist der Prozentsatz der schweizer Auswanderungswilligen, wie hoch ist er in Russland? Eben!

    • David Shaw am 05.12.2011 13:50 Report Diesen Beitrag melden

      Schweizer wandern aus

      Deutsche Immigranten erhalten die Stellen für Dumping-Löhne, Einheimische werden trotz Erfahrung, Qualifikation und entsprechender Ausbildung aus dem Arbeitsmarkt gedrängt. Und mit über 45j ist man offensichtlich stets überqualifiziert d.h. zu alt und angeblich zu teuer. Ja, die Politik und die von der Politik nicht in ihre Schranken gewiesenen Arbeitgeber sind schuld - auch ich bin mitten in der Auswanderungsvorbereitung.

    • Reto am 05.12.2011 19:04 Report Diesen Beitrag melden

      überall

      Genau wie in Deutschland. Nur sind es dort andere Ausländer oder Zugereiste die die Jobs billiger machen. Das Problem ist global.

    • gerber am 06.12.2011 08:48 Report Diesen Beitrag melden

      600'000 Auslandsschweizer

      Rechne mal nach. Es gibt 600'000 Schweizer im Ausland. Aber bestimmt nicht 14'000'000 Russen, daher kann man sagen, dass aus der Schweiz mehr auswandern.

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  • Stefan Müller am 05.12.2011 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Addieren

    Man schaue sich mal folgendes "Resultat" an: Total: 146,47%!!

  • Markus M. am 05.12.2011 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    Lichtjahre

    Russland, Ostblock, Afrika ... wo sind da Wahlen demokratisch. Wir hatten auch Jahrhunderte um die Demokratie einzuführen und sie ein wenig zu verstehen. Die jungen Nationen in Afrika und im Ostblock sind da noch Lichtjahre davon entfernt.

    • russland kenner am 05.12.2011 13:18 Report Diesen Beitrag melden

      Du hast recht!

      Richtig Markus!

    • Ricardo Granda am 05.12.2011 14:15 Report Diesen Beitrag melden

      Korruption

      Seit wann ist Russland eine junge Nation?

    • O. O am 05.12.2011 15:51 Report Diesen Beitrag melden

      Ist es nicht

      Aber eine Demokratie bestimmt auch nicht. Jung im Sinne von erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde Russland, zumindestens auf dem Papier ein bisschen demokratisiert. Die Ergebnisse sehen alle und das einzige was einem bleibt ist trotzdem nur die Auswanderung. So schnell ändern sich Systeme nicht, da hat Herr M schon recht.

    • Ricardo Granda am 05.12.2011 19:32 Report Diesen Beitrag melden

      Sowjets + Russen

      Also O.O, ich sehe das anders. Wenn man den 2ten WK als Ausgangspunkt nimmt, wurden u. A. Deutschland, Italien und Spanien demokratische Länder und brauchten dafür keine Jahrhunderte. Das mit dem bisschen Demokratie in Russland auf dem Papier, nach dem 2ten WK bezweifle ich auch, bei den Herren Stalin, Chruschtschow und Breschnew.

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