Bild-Ikone

10. Mai 2012 05:40; Akt: 10.05.2012 12:46 Print

Putins Tiananmen-Moment

Hier ein Wall russischer Polizisten in Anti-Krawall-Montur, dort ein kleiner Junge auf seinem Velo. Erinnerungen werden wach an eines der eindrücklichsten Protestbilder aller Zeiten.

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Im Zeitalter von Facebook und Twitter können Bilder fast in Echtzeit Ikonen-Status erlangen. (Bild: Twitter/ioffeinmoscow)

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Julia Ioffe wusste, dass sich vor ihren Augen eine potenziell «ikonische» Szene abspielte: Die Moskau-Korrespondentin der US-Magazine «New Yorker» und «Foreign Policy» berichtete am Dienstag von den Anti-Putin-Protesten, als sie einen kleinen Jungen entdeckte, der furchtlos einem Wall von Bereitschaftspolizisten entgegen radelte. Geistesgegenwärtig zückte sie ihr iPhone und drückte ab. Auf einer Seite die Staatsmacht mit schusssicheren Westen, auf der anderen ein Dreikäsehoch auf seinem Velo mit Stützrädern.

Ioffe stellte den Schnappschuss auf Twitter, wo er rasch weiter verbreitet wurde. In der Legende schrieb sie «Russlands Tiannamen-Bild», eine Anspielung auf den «Tank Man». Dieser hatte sich 1989 während des Massakers am Platz des himmlischen Friedens in Peking vor einen Konvoi von Panzern gestellt und ihr Vorrücken blockiert.

Im Unterschied zu damals bestand für den russischen Jungen vermutlich keine Gefahr. Ioffes holländischer Berufskollege Olaf Koens, der den Jungen als Erster entdeckt, aber keinen Akku mehr hatte, sagte gegenüber dem US-Fernsehsender ABC: «Dieser kleine Junge tauchte plötzlich auf. Seine Eltern waren irgendwo in der Menge. Es bestand keine unmittelbare Gefahr und er radelte einfach Richtung Polizei, wahrscheinlich aus Neugier.»

Laut ABC hatten auch die Demonstranten ihre helle Freude an dem Jungen: «Eines Tages wird er den Kreml stürmen. Passt auf, hier kommt er!», riefen sie den Polizisten höhnisch entgegen.

Der «Tank Man» auf dem Tiannamen-Platz 1989:

(Video: Youtube/drodriguez)