Duma-Wahlen

05. Dezember 2011 14:14; Akt: 05.12.2011 16:40 Print

Putins Winner-Image ist beschädigt

Nach der Schlappe der Partei Einiges Russland bei den Duma-Wahlen wirkt Wladimir Putin nicht mehr unantastbar. Doch als Sündenbock dürfte ein anderer geopfert werden.

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Der «Guardian» interpretiert das Ergebnis als «Erwachen aus einem langen Schlummer». Für Spiegel Online sind die Verluste der Regierungspartei Einiges Russland «nach russischen Massstäben ein Debakel». Ihre «Aura der Unbesiegbarkeit» sei «schwer angekratzt», schreibt die «Washington Post». Und für die BBC hat Wladimir Putin einen Popularitätssturz erlebt wie nie seit dem Untergang des U-Bootes «Kursk» im Jahr 2000.

Die Kommentare in den internationalen Medien zeigen: Obwohl Einiges Russland laut offiziellen Angaben die absolute Mehrheit in der Duma verteidigen konnte, sind die Verluste von rund 14 Prozent der Wählerstimmen ein schwerer Schlag und gar ein «Gesichtsverlust» für Ministerpräsident Wladimir Putin, so die BBC. Denn dass die Wahlen massiv zu Gunsten der Kreml-Partei manipuliert wurden, ist ein offenes Geheimnis.

«Schmutzigste Wahlen, die es je gab»

Von den «schmutzigsten Wahlen, die es je gab», sprach Lilja Schiwanowa, die Leiterin der unabhängigen Wahlbeobachter-Organisation Golos, am Sonntag. Tags zuvor war sie am Moskauer Flughafen zwölf Stunden lang festgehalten worden, weil sie ihren Laptop nicht aushändigen wollte. Selbst die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wies am Montag auf «etliche Unregelmässigkeiten» beim Prozedere hin.

Unabhängige Analysten gehen laut «Guardian» davon aus, dass die «natürliche Unterstützung» für Einiges Russland bei rund 30 Prozent liegt, also deutlich unter dem offiziellen Wahlergebnis von fast 50 Prozent. Über die Gründe für den Vertrauensverlust sind sich die meisten Kommentatoren einig: Immer mehr Russen sind frustriert über Stagnation, Korruption und fehlende Perspektiven in einem Land, das ausser Rohstoffen kaum eine konkurrenzfähige Wirtschaft besitzt. Viele junge Russinnen und Russen denken deshalb an Auswanderung.

Erinnerungen an Breschnew

Der Unmut verschont auch den einst fast unantastbaren Wladimir Putin nicht. Als der «Zar» im September seine erneute Kandidatur für die Präsidentschaft bekannt gab, dämmerte es vielen, dass dies «weitere sechs oder gar zwölf Jahre Putinismus bedeutet», so die BBC. Viele Russen fühlen sich an ungute Zeiten erinnert: Putin scheine in ihren Augen «so etwas wie der ewige Leonid Breschnew zu werden», schreibt Spiegel Online. Wie jener Sowjetführer, dessen Herrschaft als Synonym für Versteinerung und Niedergang gilt.

Die Buhrufe gegen Putin an einem Kampfsportevent in Moskau waren ein Symptom für die wachsende Unzufriedenheit. Allerdings wird ihn dies kaum berühren. Als Sündenbock bietet sich vielmehr ein anderer an: Noch-Präsident Dmitri Medwedew. Er war Spitzenkandidat von Einiges Russland für die Duma-Wahl. Analysten gehen laut «Washington Post» davon aus, dass ihm die Schuld an den Verlusten in die Schuhe geschoben wird. «Wenn Putin nach dieser Wahl ein Bauernopfer braucht, dann hat er einen Kandidaten dafür», heisst es auf Spiegel Online.

Medwedews Demontage

Damit wäre die Demontage eines Mannes perfekt, der im Westen lange als liberaler Hoffnungsträger gehandelt wurde. Dennoch ist Wladimir Putins Winner-Image beschädigt, seine Gegner dürften sich ermutigt fühlen, ihn künftig härter zu kritisieren. «In der russischen Zivilgesellschaft ist etwas in Bewegung geraten», schreibt der Berliner «Tagesspiegel». Für Michail Kasjanow, der von 2000 bis 2004 unter Präsident Putin Regierungschef war und zur Opposition «übergelaufen» ist, bedeutet der 5. Dezember 2011 den «Anfang vom Ende dieses Regimes».

(pbl)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Merkowitsch am 04.12.2011 19:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Putin ist okay

    Wir können froh sein, dass es putin gibt. Der ist immer noch besser als alle anderen, die sich als kandidatem tummeln.

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  • Cello am 05.12.2011 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vettern Wietschaft überall

    Über was halten wir uns hier denn auf? Das ist in der politischen Welt doch in "JEDEM" Land der Erde das selbe. In einem mehr, im andern weniger. Oder glaubt hier irgendjemand, selbst hier in der "sauberen" Schweiz gäbe es keine Vettern Wirtschaft?

  • ossi am 04.12.2011 21:47 Report Diesen Beitrag melden

    republik bodensee

    putin wäre der einzige der eine freie, wirtschaftlich starke ostschweiz unterstützen würde. wir bedauern kremlfeindliche einstellung sehr!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter am 09.12.2011 00:08 Report Diesen Beitrag melden

    Hier der 1. Witz von Moskaus Strassen:

    Genosse Präsident Putin, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Putin: "Dann die gute zuerst". Antwort: "Sie sind einstimmig als Präsident wiedergewählt". Putin:"Was ist dann die schlechte?" Antwort: "Niemand hat Ihnen seine Stimme gegeben".

  • Gismo am 05.12.2011 15:15 Report Diesen Beitrag melden

    Gewinner oder Verlierer?

    Ich las heute morgen diese Zeitung und ich könnte schwören, dass der Titel von diesem Artikel "Putin gewinnt die Wahlen hiess" und jetzt plötzlich???? Blicke nicht durch!

  • John Cordey am 05.12.2011 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wem wurden denn die Stimmen "geklaut"?

    Wenn die "natürliche" Unterstützung bei 30% liegt, wem wurden dann die 20% geklaut? Etwa den Kommunisten, welche fast 20% der stimmen bekamen? Dann wären unsere Medien auch nicht zufrieden, und würden wohl den Kommunisten Wahlfälschung vorwerfen, obwohl sie gar nicht an der Macht sind...

    • Peter am 08.12.2011 23:31 Report Diesen Beitrag melden

      vermehrt, nicht "geklaut"

      Nein, die Stimmen fanden wundersame Vermehrung. Tote und (nicht wahlberechtigte) Gefängnisinsassen haben eine Stimme, Mehrfachstimmabgaben (es liegen Zeugenaussagen vor, die mit Bussen von Wahllokal zu Wahllokal gefahren wurden). Soldaten mussten antreten und unter Aufsicht den "Wahlzettel" ausfüllen. - Nur, leider sind da die Amis auch nicht besser. Ganze Wahllokale "verschwinden" da, siehe Bush, Florida

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  • Stagger Lee am 05.12.2011 09:11 Report Diesen Beitrag melden

    Putin voran!

    Gut! Putin kehrt zurück. Es ist dringend nötig, dass in Russland Kräfte das Sagen haben die nicht bereit sind, den EU- und UNO-Einheitsbrei zu schlucken. Die sich dem Super-GAU, den die EU-Polit-Gespenster, unterstützt von den Mainstream-Medien, anrichten, widersetzen!

    • Mic H. am 05.12.2011 14:50 Report Diesen Beitrag melden

      Schwachsinn

      Mit deinem Kommentar zeigst du, dass sich die ewig Gestrigen überall wie ein Geschwür eingenistet haben und sich allem, was dies nur schon kritisch hinterfragt, in den Weg stellen. Wie blind muss einer sein, um darüber hinweg zu sehen, dass das einzige was in Russland funktioniert die Korruption ist. Putin setzt auf Rohstoffexport statt auf Nutzung dessen, um neue Techniken voran zu treiben. Es ist echt erbärmlich, dass sich im 21 Jahrhundert auch hier im Westen menschliche Individuen von Pution blenden lassen! Warum wanderst du nicht aus nach Russland, dort erfährst du putinsche Gerechtigkeit

    • Stevie(No)Wonder am 05.12.2011 15:12 Report Diesen Beitrag melden

      Unfassbare Dummschwätzerei

      Ich würde Ihnen vorschlagen, mal für eine gewisse Zeit unter Putin zu leben. Ich meine nicht im Luxushotel mit Sicht auf den Kreml, nein, als gewöhnlicher russischer Arbeiter. Vielleicht würde Ihre Sicht des Macho-Herrschers etwas weniger rosa aussehen. Scheinbar sind Ihre Hirnwindungen vom rechtem Gedankengut schon etwas angegriffen und Sie haben noch nicht bgreifen können, dass Männer mit kleinem Oberlippenbart und verquerem Gedankengut im 21. Jahrhundert nichts mehr zu suchen haben. Betrachten Sie sich als Dinosaurier und die sind - wie Sie vielleicht wissen - ausgestorben...

    • Uriel Berlinger am 05.12.2011 15:17 Report Diesen Beitrag melden

      Feindbilder

      @Stagger Lee: Es ist langsam echt langweilig, dauernd diese ewigen EU Feindbilder zu hören und zu lesen. Früher war Russland das Feindbild der Schweiz und kaum war die Sowjetunion zusammen gefallen, wurde über Nacht die EU das Feindbild der Schweiz. Ich habe eher das Gefühl, Sie wollen hierzulande den Einheitsbrei der SVP als Weltregierung einsetzen. Nur ist Ihre SVP zunehmend am Verlieren. Schade für Sie, erfreulich für mich.

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  • Cello am 05.12.2011 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vettern Wietschaft überall

    Über was halten wir uns hier denn auf? Das ist in der politischen Welt doch in "JEDEM" Land der Erde das selbe. In einem mehr, im andern weniger. Oder glaubt hier irgendjemand, selbst hier in der "sauberen" Schweiz gäbe es keine Vettern Wirtschaft?