Rush Limbaugh

09. März 2012 08:56; Akt: 09.03.2012 09:39 Print

Radio-Talker entfesselt «Krieg gegen Frauen»

von Martin Suter - Der rechte US-Radiomann Rush Limbaugh schoss das politische Eigentor der Saison: Er beleidigte eine Feministin als «Schlampe» und lässt die Demokraten jubeln.

Rush Limbaughs Tirade gegen Sandra Fluke. (Video: YouTube)
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Kein Thema treibt die politischen Gemüter in Washington diese Woche mehr um als Rush Limbaugh und die Frauen – nicht der Iran und schon gar nicht der «Super Tuesday» im Primärwahlkampf. Die Beleidigung einer Aktivistin und Jus-Studentin durch den einflussreichen Radio-Talker hat einen Entrüstungssturm entfesselt, der den Republikanern bei der weiblichen Wählerschaft schweren Schaden zufügen könnte.

Limbaugh, dessen tägliche Talk-Sendung im ganzen Land ausgestrahlt wird, hatte vergangene Woche die 30-jährige Sandra Fluke am Mikrophon als «Schlampe» und «Prostituierte» beschimpft. Die Studentin an der von Jesuiten geleiteten Georgetown-Universität in Washington hatte vor Kongresspolitikern gefordert, die katholische Institution müsse mit ihrer Krankenversicherung für kostenlose Verhütungsmittel aufkommen.

Obama ruft Studentin an

Die kruden Worte lösten einen Proteststurm aus, der bis heute nicht abgeklungen ist. Ende letzter Woche schaltete sich sogar Präsident Barack Obama ein, indem er die Studentin anrief und sich nach ihrem Befinden erkundigte. An seiner Pressekonferenz vom Dienstag begründete Obama den Telefonanruf ohne Bezug auf den Inhalt der Kontroverse. Es sei ihm ein Anliegen gewesen, sagte er, dass seine eigenen Töchter später einmal am politischen Leben teilnehmen könnten, ohne derartige Angriffe befürchten zu müssen.

Rush Limbaugh entschuldigte sich zwar am Samstag und noch einmal Anfang Woche für seine Entgleisung. Dennoch entschlossen sich nach Boykottaufrufen bisher über 30 Unternehmen dazu, in Limbaughs dreistündiger Sendung keine Werbespots mehr zu schalten. Mindestens zwei der beinahe 600 Radiostationen, über die Limbaugh schätzungsweise 15 Millionen Hörer erreicht, klinkten sich aus der landesweiten Syndizierung aus.

Umstrittene Verhütungsmittel

Anlass für die Schlammschlacht ist die Kontroverse um eine vom Gesundheitsministerium im Januar verfügte Vorschrift. Sie verpflichtet auch kirchliche Arbeitgeber dazu, den bei ihnen gegen Krankheit versicherten Angestellten kostenfrei Empfängnisverhütung, Sterilisation und die «Pille danach» zur Verfügung zu stellen. Katholische Spitäler, Bildungsanstalten und Sozialeinrichtungen erklärten sich aus Glaubensgründen für ausserstande, dieser Bestimmung nachzuleben. Amerikas Bischöfe gingen auf die Barrikaden und protestierten gegen den nach ihrer Auffassung unerhörten Angriff auf die in der US-Verfassung garantierte Religionsfreiheit.

Die Republikaner freuten sich zu früh darüber, ein Wahlkampfargument gegen Obama in den Händen zu halten. Den Demokraten gelang es zusammen mit feministischen Organisationen, die Debatte in den Medien auf den Aspekt der Empfängnisverhütung zu drehen. Konservative Politiker wurden befragt, wie sie es mit der Pille hielten, und obwohl niemand von ihnen ein Verbot von Verhütungsmitteln befürwortete, wurde ihre Kritik an Obamas Versicherungsvorschrift als Votum gegen Frauenrechte dargestellt. Progressive Politiker unterstellten den Republikanern, sie würden einen «Krieg gegen Frauen» führen.

Aktivistin, aber keine Berühmtheit

Die Diskussion hätte sich wohl beruhigt, wenn nicht Rush Limbaugh Benzin ins verglimmende Feuer gegossen hätte. Er richtete seine Beschimpfung zwar gegen eine Studentin, die seit Jahren als Aktivistin für Frauenrechte tätig war, aber sie ist keine Berühmtheit. Das schwächt das Argument, Beschimpfungen konservativer Galionsfiguren wie Sarah Palin durch liberale Medien würden nicht gleichermassen geahndet. Indem Limbaugh «seine beleidigende Sprache gegen eine junge Frau wendete, von der niemand zuvor gehört hatte, überschritt er in den Augen vieler eine Grenze», schreibt der Medienbeobachter Howard Kurtz von «Newsweek».

Der Proteststurm war um so grösser, als Limbaughs lockeres Lästermaul ein attraktives Angriffsziel abgibt. Zudem gilt der 61-Jährige als eine der machtvollsten Stimmen auf der rechten Seite des politischen Spektrums: Wird er mit gutem Grund kritisiert, versetzt das republikanische Politiker in die unangenehme Lage, sich von ihm distanzieren zu müssen. Der Präsidentschaftskandidat Mitt Romney zum Beispiel brachte nur über die Lippen, dass er «eine solche Sprache nicht verwendet» hätte.

Machtverlust für Limbaugh

Entgegen den Hoffnungen seiner Kritiker wird Limbaugh die gegen ihn geführte Kampagne wohl überleben. Sicher wird sie aber einiges in Bewegung gebracht haben. Erstens dürfte Rush Limbaugh an Macht verlieren. «Es wird auf der konservativen Seite viel zulässiger sein, von Rushs Linie abzuweichen», sagt Michael Medved voraus, ein anderer konservativer Radiotalker. Zweitens werden die Demokraten ihr Image als frauenfreundliche Partei festigen können. Gelingt es den Republikanern nicht, sich gegen den Ruf einer Männerpartei zu wehren, könnte das im Herbst zur Niederlage ihres Kandidaten gegen Obama beitragen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zita 55 am 11.03.2012 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    it's showtime

    it's showtime! es ist Vorwahlzeit, also werden teilweise Masken abgenommen und Dinge ausgesprochen, die sonst im Hintergrund bleiben; aber gelebt werden solche Haltungen immer und auch bei uns jeden Tag. Heuchelei und Frauenfeindlichkeit, Missachtung von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung durch Predigen eines nicht mehr zeitgemässen Familienideals betreiben auch Schweizer Parteien und Religionsgemeinschaften aller Couleur. Also, regt euch nicht über Amerika auf, fangt vor eurer Haustüre an.

  • Paul Meier am 09.03.2012 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    Die Art und Weise

    wie er es sagt ist sicher nicht ok, dass man aber dagegen sein kann, dass die Pille von der Krankenkasse bezahlt wird finde ich in Ordnung. Ich kenne keine KK in der CH welche die Pille aus der Grundversorgung bezahlt und das ist auch richtig so. Schwangerschaft ist keine Krankheit und so ist auch die Verhütung der Schwangerschaft nicht als Gesundheitsvorsorge zu werten sondern als Familienplanung die mit der KK nichts zu tun hat.

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  • Dr. Gabber am 09.03.2012 14:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absehbar

    Tja, die "guten" Republikaner mal wieder. Ich finde es jedes mal wieder Genial, wenn sich so einer ins abseits schießt. Aber ok, wir bekommen hier mehr die negativen Seiten als die positiven zu sehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Zita 55 am 11.03.2012 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    it's showtime

    it's showtime! es ist Vorwahlzeit, also werden teilweise Masken abgenommen und Dinge ausgesprochen, die sonst im Hintergrund bleiben; aber gelebt werden solche Haltungen immer und auch bei uns jeden Tag. Heuchelei und Frauenfeindlichkeit, Missachtung von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung durch Predigen eines nicht mehr zeitgemässen Familienideals betreiben auch Schweizer Parteien und Religionsgemeinschaften aller Couleur. Also, regt euch nicht über Amerika auf, fangt vor eurer Haustüre an.

  • Calahari am 10.03.2012 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung

    Die katholische Kirche empfinde ich als bigott. Viele Amis sind es auch (natürlich nicht nur Amis).

  • J.Berger am 09.03.2012 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Sturm

    "Entrüstungssturm"? Ach so? "zwei der beinahe 600 Radiostationen, über die Limbaugh schätzungsweise 15 Millionen Hörer erreicht, klinkten sich aus der landesweiten Syndizierung aus." Wieviel wäre das? 0.33%? Was für ein Sturm!

  • Hermanator am 09.03.2012 15:47 Report Diesen Beitrag melden

    Einige hier merken es nicht...

    Gerade vor kurzem hat Obama nachgeben müssen und als "Kompromiss" die Pille von den Pflichtleistungen der katholischen Krankenkassen nehmen müssen ( die Beiträge dürfen aber nicht entsprechend gesenkt werden ;), und nun hat man Fluke losgeschickt, damit die Linken doch noch ihren Willen kriegen. Politischer Aktivismus pur. Amerika war noch nie so gespalten. Danke Obama

  • Monika Livingstone am 09.03.2012 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Lachhaft

    Verglichen mit Bill Mahrer ist Limbaugh der Freuenflüsterer. Mahrer ist aber Demokrat und daher sind seine Beschimpfungen konservativer Frauen ok.

    • Elijah am 09.03.2012 15:59 Report Diesen Beitrag melden

      Limbaugh, der Romantiker

      Das schreibt sich Bill Maher, nicht Mahrer. Ich will Maher's Attacken jetzt nicht gutheissen, aber bei solchen Kommentaren muss ich meinen Senf dazugeben. Hier gilt es zu relativieren: 1. Maher hat Politikerinnen angegriffen (Palin, Bachman) und 2. hat er sie persönlich beleidigt. Was Limbaugh gemacht hat war 1. eine Jus-Studentin zu beleidigen, die als Zeugin geladen war, sie ist im Gegensatz zu Maher's Angriffszielen KEINE public person und 2. hat er sie nicht persönlich angegriffen, sondern durch seine Wortwahl alle Frauen die Ms. Fluke's Ansichten teilen als Prostituierte bezeichnet.

    • Reto Lamprecht am 11.03.2012 05:48 Report Diesen Beitrag melden

      Satire vs. Politik

      Bill Maher ist Komiker, Rush Limbaugh ist ein politischer Meinungsführer... das sollte man bei der Bewertung ihrer Aussagen berücksichtigen. Dann wird in meinen Augen sofort klar, welcher der beiden wirklich frauenfeindlich ist.

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