20. April 2005 11:32; Akt: 20.04.2005 11:33 Print

Ratzingers «Regierungsprogramm» im Wortlaut

Kurz vor dem Einzug ins Konklave, aus dem er dann als neuer Papst Benedikt XVI. hervorging, hat Kardinal Joseph Ratzinger in der Messe «pro eligendo pontefice» eine ernste Predigt gehalten.

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Hier Wortlautauszüge des Textes, der sich im Nachhinein nach Aussage von «Radio Vatikan» wie das Regierungsprogramm des neuen Papstes liest:

«In dieser Stunde grosser Verantwortung wollen wir mit besonderer Aufmerksamkeit auf das hören, was der Herr uns mit seinen eigenen Worten sagt. Aus den drei Lesungen möchte ich nur ein paar Abschnitte herausgreifen, die uns in einem Moment wie diesem direkt angehen.

Die erste Lesung bietet ein prophetisches Bild der Figur des Messias (...). Im Zentrum des prophetischen Textes finden wir ein Wort, das - zumindest auf den ersten Blick - widersprüchlich erscheint. Der Messias sagt da, während er von sich spricht, er sei gesandt, um «ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes». Wir hören mit Freude die Ankündigung des Gnadenjahres: die göttliche Barmherzigkeit setzt dem Bösen eine Grenze - das hat uns der Heilige Vater gesagt.

Gehen wir zur zweiten Lesung, zum Epheserbrief. (... ) Bleiben wir nur bei zwei Punkten. Der erste ist der Weg in Richtung der «Reifung Christi»; (...) Im Glauben sollten wir keine Kinder bleiben, in einem Status der Unmündigkeit. Und worin besteht das «unmündige Kinder sein» im Glauben? Der heilige Paulus antwortet: «Ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen». Eine sehr aktuelle Beschreibung!

Wie vielen Widerstreit der Wellen haben wir in den letzten Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen. Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen umher geworfen worden - von einem Extrem ins andere: Vom Marxismus zum Liberalismus, bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus hin zu einem vagen religiösen Mystizismus, vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter.

Jeden Tag entstehen neue Sekten und es realisiert sich das, was der heilige Paulus über den Betrug der Menschen sagt, über die Verschlagenheit, die in die Irre führt. Einen klaren Glauben zu haben, gemäss dem Credo der Kirche, wird oft als Fundamentalismus hingestellt. Während der Relativismus, also das «hin und her getrieben Sein vom Widerstreit der Meinungen» als die einzige Einstellung erscheint, die auf der Höhe der heutigen Zeit ist. Es konstituiert sich eine Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Mass nur das Ich und seine Bedürfnisse lässt.

Wir aber haben ein anderes Mass: Den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Mass des wahren Humanismus. «Reif» ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und des letzten Schreis folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. (...) Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem müssen wir die Herde Christi führen. Und es ist dieser Glaube - nur der Glaube -, der Einheit stiftet und sich in der Liebe verwirklicht. (...)

Kommen wir nun zum Evangelium, aus dessen Reichtum ich nur zwei kleine Beobachtungen herausnehmen möchte. Der Herr richtet an uns diese wunderbaren Worte: «Ich nenne euch nicht mehr Knechte... vielmehr habe ich euch Freunde genannt». Der Herr definiert Freundschaft in zweifacher Weise. Es gibt keine Geheimnisse unter Freunden: Christus sagt uns alles, was er vom Vater hört; er schenkt uns sein volles Vertrauen und mit seinem Vertrauen auch seine Erkenntnis. (...) Er vertraut uns seinen Leib, die Kirche, an. Er vertraut unseren schwachen Geistern, unseren schwachen Händen, seine Wahrheit an (...).

Das zweite Element, mit dem Jesus die Freundschaft definiert, ist die Gemeinschaft der Willen. «Idem velle - idem nolle» war auch für die Römer die Definition von Freundschaft. «Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage». Die Freundschaft mit Christus fällt mit dem zusammen, was die dritte Bitte des Vater Unsers ausdrückt: «Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden».

(...) Wir müssen von einer heiligen Unruhe angerührt sein: der Unruhe, allen das Geschenk des Glaubens, der Freundschaft mit Christus, zu bringen. In Wahrheit ist uns die Liebe, die Freundschaft Gottes gegeben worden, damit sie auch die anderen erreiche. Wir haben den Glauben erhalten, um ihn anderen zu schenken - wir sind Priester, um anderen zu dienen. Und wir müssen eine Frucht bringen, die bleibt.

Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; die Bücher auch nicht. Nach einer gewissen Zeit, die mehr oder weniger lang ist, verschwinden all diese Dinge. Die einzige Sache, die in Ewigkeit bleibt, ist die menschliche Seele, der Mensch, der von Gott für die Ewigkeit geschaffen ist. Die Frucht, die bleibt, ist daher das, was wir in den menschlichen Seelen gesät haben - die Liebe, die Erkenntnis; die Handlung, die fähig ist, das Herz zu treffen; das Wort, das die Seele zur Freude am Herrn öffnet. Also machen wir uns auf und bitten wir den Herrn, dass er uns helfe, Frucht zu bringen, eine Frucht, die bleibt. Nur so wird die Erde umgewandelt aus einem Tal der Tränen in den Garten Gottes.

(...) Unser Dienst ist ein Geschenk Christi an die Menschen, um seinen Leib aufzubauen - eine neue Welt. Leben wir unser Leben so, als Geschenk Christi für die Menschen! Aber in dieser Stunde bitten wir den Herrn vor allem eindringlich, dass er uns nach dem grossen Geschenk Papst Johannes Pauls II. uns wieder einen Hirten nach seinem Herzen schenke, einen Hirten, der zur Erkenntnis Christi führt, zu seiner Liebe, zur wahren Freude. Amen.»

(sda)