19. April 2005 17:27; Akt: 19.04.2005 17:31 Print

Ratzingers Freund betet für einen anderen Papst

Pater Martin Bialas, ein Schüler und enger Freund von Joseph Kardinal Ratzinger, betet dafür, dass ein anderer Geistlicher zum neuen Kirchenoberhaupt gewählt wird.

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«Ratzinger würde nicht gerne den Papst machen», sagte Bialas am Dienstag der Nachrichtenagentur AP. «Ich glaube zwar fest, dass er im ersten Wahlgang die meisten Stimmen bekommen hat. Aber ich hoffe für ihn, dass er nicht Papst wird.»

Der 64-jährige Ordenspriester, der ein Studentenwohnheim in Regensburg leitet, kennt Kardinal Ratzinger seit 1968. Er hat bei ihm studiert und promoviert. Bialas gehört auch dem «Schülerkreis Kardinal Ratzinger» an, der sich einmal im Jahr mit dem Kurienkardinal trifft, um über theologische Fragen und Glaubenslehren zu diskutieren.

Am Fernseher verfolgte Bialas die Eröffnung des Konklaves. «Ich war erschrocken, wie erschöpft und dünn er gestern bei der Messe aussah», sorgt sich Bialas um Ratzinger. «Er braucht viel Schlaf, den hat er jetzt nicht. Seine Stimme war nicht fest, sondern unsicher», schilderte der Pater seine Eindrücke. «Er wäre viel lieber Professor geblieben, als Präfekt der Glaubenskongregation zu werden», sagte Bialas über den ehemaligen Münchner Erzbischof. «Als Theologieprofessor ist er in seinem Metier.»

Der These, dass Ratzinger sich von einem einst progressiven Theologen zu einem konservativen Hardliner gewandelt habe, widersprach Bialas. Mit den Worten «Als Professor hat er in theologischen Oberseminaren neue Hypothesen aufgestellt und versucht, theologische Wahrheiten in das Denken unserer Zeit zu übertragen», erklärte Bialas den früheren Ruf Ratzingers als Fortschrittlicher. «Als Professor kann man solche neuen Ansätze bringen», meint der Ordenspriester. Aber als Glaubenswächter in Rom, als Präfekt der Glaubenskongregation müsse er die Reinheit der Glaubenslehre bewahren. Deshalb habe er nie etwas gesagt oder getan, was die Gläubigen verunsichern konnte. «Das Amt hat ihn geprägt.» Seinen Grundsätzen aber sei Ratzinger immer treu geblieben. Schon immer habe er gegen eine säkularisierte Welt gepredigt, die die Existenz Gottes ablehnt.

«Der Begriff 'Panzerkardinal' hat ihm weh getan», berichtete Ratzingers Freund. Auf Treffen mit seinen ehemaligen Studenten sei der Kardinal ganz der Theologe. Dann würden im kleinen Kreis auch neue theologische Fragestellungen diskutiert. «Ratzinger hat konsequent nach dem gelebt, was er gesagt hat», lobte ihn Bialas. «Aber er ist in manchen Dingen in der Argumentation nicht so einfach. Man muss bei ihm schon genau hinhören.»

Sollte Ratzinger doch noch zum Papst gewählt werden, glaubt der Pater aber an Kontinuität: «Die Option für die Armen wird fortgesetzt, und die sozialkritische Haltung der Kirche wird bleiben.» Aber der Kardinal wünsche sich lieber einen erfüllten Ruhestand: «Die Theologie ist sein Hobby. Dem möchte er sich wieder mehr widmen.» Er schreibe gerade an einem neuen Buch: «Das ist für ihn Erholung.»

Mit altem Drahtesel zur Uni gefahren

Ein weiterer Schüler Ratzingers wandte sich derweil gegen Vorurteile über seinen Lehrer. «Es gibt kaum einen Theologen, über den so viel Falsches geschrieben wurde wie über Kardinal Ratzinger», sagte der Kirchenhistoriker Vinzenz Pfnür im Gespräch mit AP. Der ökumenische Dialog sei beispielsweise immer zentrales Thema für den heute 78-jährigen Kardinal gewesen. Das Image des Hardliners hänge ihm zu Unrecht nach.

Der aus dem bayerischen Untersalzberg stammende Pfnür, dessen Herzensanliegen der ökumenische Dialog der Kirchen ist, hatte bei Ratzinger über das Augsburgische Bekenntnis promoviert und erinnert sich noch genau an die Zeit, als Ratzinger von 1959 bis 1963 als Ordinarius für Fundamentaltheologie in Bonn und anschliessend bis 1966 in Münster lehrte. «Damals war er natürlich der Star unter den Theologen», erzählt der Kirchenhistoriker.

Ratzinger habe immer mehrere hundert Studenten angezogen. Sogar der grösste Hörsaal in Münster habe nicht allen Platz geboten. «Ratzingers Vorlesungen waren exzellent, er sprach aus dem Stegreif fehlerfrei und verstand es immer, seine Hörer zu fesseln», begründete der 67-jährige Pfnür den grossen Ansturm auf die Vorträge und Seminare. Zu den bayerischen Studenten sei der in Marktl am Inn geborene Ratzinger besonders nett gewesen. «Er hat uns oftmals zum Essen eingeladen und viel Zeit für uns gehabt», sagte Pfnür. Ratzinger, dem seine Kritiker intellektuelle Kälte nachsagen, sei immer «auf einem alten Drahtesel zur Uni gefahren», erinnert sich sein ehemaliger Schüler. «Den hatten wir Studenten ihm bei einer Fahrradversteigerung in Münster gekauft.»

(ap)