Flüchtlingskrise

05. April 2016 17:57; Akt: 05.04.2016 17:57 Print

Rückführungen in Türkei bereits wieder ausgesetzt

Was am runden Tisch in Brüssel geplant wurde, besteht den Realitätstest nicht immer. Das zeigt sich auch am Unternehmen Rückführungen von Schutzsuchenden in die Türkei.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Was in der Theorie gut klingt, funktioniert in der Praxis noch lange nicht. Oder wie es ein griechischer Offizier der Küstenwache sagte: «Die Planung ist schön, aber wenn ich an die Realität denke, dann kriege ich Schweissausbrüche.»

Tatsächlich scheinen die Rückführungen von Flüchtlingen von Griechenland in die Türkei an der Realität vorerst zu scheitern – aufgrund überhasteter Planung von allen Seiten.

So sieht der EU-Türkei-Deal zwar vor, dass für jeden aus Griechenland abgeschobenen syrischen Flüchtling ein anderer von der Türkei nach Europa kommen soll – doch das ging gerade einmal einen Tag gut: 202 Migranten aus elf Ländern wurden gestern in die Türkei zurückgeschickt, offenbar verlief dies reibungslos.

400 EU-Beamte erwartet, 30 gekommen

Schon heute aber hat Griechenland die Ausschaffungen illegal eingereister Flüchtlinge in die Türkei unterbrochen, obwohl sie eigentlich bis und mit Mittwoch laufen sollten. Stattdessen verzeichnet Griechenland jetzt deutlich mehr Asylanträge. Denn die meisten Flüchtlinge wollen alles, nur nicht zurück in die Türkei. «Tötet uns lieber gleich hier, statt uns zurück in die Türkei zu schicken», so ihr Credo. Und nach dem EU-Pakt mit der Türkei müssen vor der Abschiebung Asylanträge geprüft werden. Nur Migranten, die keinen Asylantrag stellen oder deren Gesuch abgelehnt wird, werden zurückgeschickt.

Die Direktorin der griechischen Asylbehörde, Maria Stavrapoulou, sagte am Dienstag im griechischen Fernsehen, rund 3000 in Abschiebungszentren festgehaltene Flüchtlinge hätten Asyl beantragt. Die Bearbeitung dauere in der Regel gut drei Monate, solle aber in diesen Fällen «beträchtlich schneller» erfolgen.

Wie dieses «schneller» gehen soll, ist unklar: Von den versprochenen 400 EU-Beamten, die Asyldirektorin Stavrapoulou und ihre Behörde unterstützen sollten, sind gerade einmal 30 in Griechenland eingetroffen.

Unklar, wann Rückschaffungen wieder losgehen

Stavrapoulou beteuerte zwar, es seien zusätzliche griechische Mitarbeiter eingestellt worden, ihre Ausbildung aber werde mehrere Monate in Anspruch nehmen. «Wir haben schwierige Monate vor uns», sagte die Direktorin. «Wir haben es mit Menschen zu tun, die 70 verschiedene Sprachen sprechen, und viele sind ohne Papiere nach Griechenland gekommen, weil sie vor Krieg geflüchtet sind.»

Das Chaos, das viele hatten kommen sehen, scheint perfekt. Viele der für die Rückführungen vorgesehenen Flüchtlinge sind mittlerweile nicht mehr auffindbar. Die griechische Polizei dementiert «Spiegel Online» zufolge allerdings, dass die Flüchtlinge sich vor den Behörden versteckten, um einer Rückführung zu entgehen.

Es spricht für sich, dass derzeit nicht feststeht, wann die Transfers wieder aufgenommen werden. Behörden auf der Insel Chios sagten, es könnte am Mittwoch weitergehen.

202 zurück, über 500 neu angekommen

Die türkische Küstenwache teilte derweil mit, am ersten Tag der Umsetzung des EU-Pakts seien 55 Flüchtlinge bei dem Versuch abgefangen worden, illegal nach Griechenland zu gelangen.

Dazu kommt: Wo gestern 202 Schutzsuchende von Griechenland in die Türkei geschickt wurden, kamen innerhalb von 48 Stunden über 500 neue Asylsuchende vom türkischen Festland auf griechischen Inseln an.

(gux/sda)