Migrationsdebatte

12. März 2012 14:20; Akt: 12.03.2012 14:20 Print

Sarkos Schlacht ums «unerlaubte» Fleisch

von Daniel Huber - Der um seine Wiederwahl bangende französische Präsident Nicolas Sarkozy buhlt um Stimmen vom rechten Rand – mit Marine Le Pens Thema Halal-Fleisch.

storybild

Halal-Abteilung im Fleischmarkt von Rungis (Bild: AFP/Lionel Bonaventure)

Zum Thema
Fehler gesehen?

In Frankreich ist Wahlkampf. Am 22. April oder spätestens in der zweiten Runde am 6. Mai entscheidet sich, wer für die nächsten fünf Jahre im Elysée-Palast residieren wird. Amtsinhaber und Kandidat Nicolas Sarkozy kommt nicht aus seinem Popularitätstief heraus und sieht sich von rechts hart bedrängt durch die Kandidatin des Front National, Marine Le Pen.

Zum Verdruss von Sarkozy ist es Le Pen gelungen, mit einem Thema zu punkten, das viele Französinnen und Franzosen brennend interessieren wird, denn es geht ums Essen. Genauer: um das Fleisch, das auf den französischen Tellern landet.

Gemäss der Zeitung «Libération» sagte die Chefin des Front National am 19. Februar in Lille: «Es ist so, dass das gesamte Fleisch, das in der Region Paris – ohne Wissen der Konsumenten – vertrieben wird, ausnahmslos Halal-Fleisch ist.» «Halal» ist arabisch und bedeutet «erlaubt»; im Zusammenhang mit Fleisch will der Begriff sagen, dass das Tier gemäss den islamischen Vorschriften ohne vorgängige Betäubung geschlachtet wurde; ähnlich wie nur geschächtetes Fleisch gemäss den jüdischen Speisegesetzen koscher ist (siehe Infobox).

Gut 30 Prozent Halal-Fleisch

Präsident Sarkozy, dem Mme Le Pen vorwarf, er gehe vor den «islamischen Radikalen» in die Knie, parierte den Angriff der Front-National-Chefin zunächst mit der Behauptung, «nur 2,5 Prozent des Fleischkonsums im Raum Paris» seien halal. Allerdings lagen weder Sarkozy noch Le Pen richtig: Nicht das gesamte in der Hauptstadtregion vertriebene Fleisch ist halal, wie Le Pen sagte, sondern das dort produzierte. Dieses lokal hergestellte Halal-Fleisch deckt aber lediglich 2,5 Prozent des Fleischbedarfs in der Region – das ist die Zahl, die Sarkozy mit dem gesamten Konsum von Halal-Fleisch verwechselte. Der Rest, halal oder nicht, wird aus anderen Regionen importiert.

Effektiv werden, in ganz Frankreich, rund 12 Prozent aller Rinder und 49 Prozent aller Schafe und Ziegen halal bzw. koscher geschlachtet. Schweinefleisch hingegen ist grundsätzlich nicht halal, da weder Muslime noch Juden es verzehren dürfen. Mit Sicherheit produzieren die französischen Schlachthöfe – für die es sich nicht lohnt, zwei verschiedene Produktionslinien zu betreiben – mehr Halal-Fleisch, als von den geschätzten sechs Millionen Muslimen, die in Frankreich leben, benötigt wird. Eine Schätzung aus dem Jahr 2008 geht von einem Anteil von gut 30 Prozent aus.

Empörte Reaktionen

Ein Teil des halal oder koscher produzierten Fleisches geht in den Export; auch in die Schweiz, wo das Schächten verboten ist. Dennoch legen diese Zahlen nahe, dass auch nichtmuslimische oder nichtjüdische Franzosen – in der Regel, ohne es zu wissen – Fleisch konsumieren, das rituell geschlachtet wurde. Da dies nicht allen gefallen dürfte, besitzt die «Halal-Kontroverse» eine gewisse politische Brisanz, die sich im Wahlkampf ausschlachten lässt.

Genau dies tat Sarkozy nach einer weiteren Umfrage, die ihm schlechte Werte bescherte, dann auch: Zuerst feuerte sein Innenminister Claude Guéant eine Breitseite gegen das kommunale Wahlrecht für Ausländer, indem er darauf hinwies, dies würde den Migranten ermöglichen, überall in den Kantinen Halal-Fleisch vorzuschreiben. Am 5. März legte Sarkozy nach und sagte, dieses Thema sei «die wichtigste Sorge, die derzeit die Franzosen beschäftigt». Empörte Reaktionen des muslimischen Dachverbands CFCM und des Zentralrats der französischen Juden CRIF löste aber erst die Bemerkung von Sarkozys Premierminister François Fillon am gleichen Tag aus. Fillon fragte sich, ob gewisse «von den Ahnen übernommene Traditionen» noch ihren Platz in der modernen Gesellschaft hätten.

Umstrittene Schlachtmethoden

Fillons Auslassungen, so darf man annehmen, sollen Stimmen am rechten Rand holen, die sonst an den Front National gehen würden. Doch darüber hinaus weisen sie auf ein konfliktträchtiges Spannungsfeld hin: jenes zwischen Religion und Staat. Es erstaunt nicht, dass Fillon im streng laizistischen Frankreich mit dem Argument angegriffen wurde, er als Premierminister habe mit seinen Äusserungen die Trennung zwischen Kirche und Staat verletzt.

Während das Verhältnis zwischen den traditionellen christlichen Konfessionen und dem Staat im Westen weitgehend ausdiskutiert ist, stossen die Bedürfnisse und Forderungen der Muslime zunehmend auf Widerstand. Beispiele dafür sind die Diskussionen über ein Burkaverbot in mehreren europäischen Ländern oder auch die Minarett-Initiative in der Schweiz. Die religiösen Speisevorschriften der Muslime und der Juden erregen oft besonderen Anstoss, da die dabei vorgeschriebene Schlachtmethode mit Anliegen des Tierschutzes kollidiert. Allerdings müssen auch dezidiert säkular eingestellte Religionskritiker einräumen, dass der Tierschutz gerade beim Verbot der jüdischen «Schechita» (Schächten) oft nur das Vehikel für antisemitische Ressentiments war. Das gilt für das Schächtverbot in der Schweiz (1893) und mehr noch für das «Dritte Reich», wo die Nazis das Schächten sofort nach der Machtergreifung verboten.

«Populistisches Wahlkampfthema»

Gleichwohl stellt sich die Frage, wie die Zukunft von religiösen Minderheiten aussieht, wenn ihre Traditionen und Werte sich immer weniger mit den Gesetzen eines modernen, säkularen Staates vereinbaren lassen. Für Herbert Winter, den Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), ist diese Frage falsch gestellt: «Man muss sich vielmehr fragen, wie ein moderner Rechtsstaat, auch ein säkularer, dazu kommt, die freie Religionsausübung seiner Bürger einzuschränken.» Zur aktuellen Kontroverse in Frankreich meint er, es sei «bedenklich, dass dieses Thema derart populistisch zu einem Wahlkampfthema gemacht wird in der offensichtlichen Absicht, damit Wählerstimmen zu gewinnen.»

Dieser Ansicht ist auch Abdel Azziz Qaasim Illi, Pressesprecher des umstrittenen Islamischen Zentralrats der Schweiz. Die Angst davor, rechts von Le Pen überholt zu werden, sei das wahre Motiv des Regierungslagers, wenn es das Thema des Halal-Fleisches aufgreife. «Es ist Wahlkampf, und es ist typisch dafür, dass er wieder einmal auf dem Buckel der Muslime ausgetragen wird, wie letztes Mal beim Burka-Verbot», meint Illi. Wie in der Schweiz bei der Minarett-Initiative finde hier eine Vermischung des Migrations- mit dem Islam-Diskurs statt. Im Übrigen, so Illi, seien nicht so sehr die Säkularen das Problem, sondern «die Islamophoben», die eher von der rechten Seite des politischen Spektrums kämen. Illi plädiert für gegenseitige Toleranz und trifft sich damit mit Winter, der sich vor allem Respekt der Menschen gegenüber Andersdenkenden wünscht.

«Es geht immer um Abwägungen»

Auch Reta Caspar, die Geschäftsführerin der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, hält die Halal-Debatte in Frankreich für ein populistisches Wahlkampfmanöver. Dennoch ist ihr der Hinweis wichtig, dass die Religionsfreiheit nur eine Freiheit unter mehreren ist – und nicht etwa die höchste von allen. «Es geht immer um Abwägungen», betont sie. «Der Kern der Religionsfreiheit – nämlich an etwas zu glauben – ist auch dann gewahrt, wenn das Gesetz bestimmte Schlachtmethoden verbietet», fügt sie hinzu. Es sei aber durchaus möglich, das Schächtverbot, wie es im Schweizer Tierschutzgesetz besteht, mit wissenschaftlichen Argumenten in Frage zu stellen. «Es geht dann um einen Fachentscheid», sagt Caspar.

In Frankreich dürfte die Halal-Debatte derweil noch etwas anhalten. Wie auch immer – spätestens am 6. Mai werden wir wissen, ob es Nicolas Sarkozy gelungen ist, sein Amt zu retten.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Wer sich damit auseinander setzt, weiß, dass diese Methoden (wenn richtig ausgeführt) um einiges schnerzfreier sind, als das "betäubte" Schlachten. Das Schächten wurde ja zuerst auch deswegen eingeführt - weil schonender! – Hanspi G.

Alle reden hier davon, dass Halal Fleisch 'tierquälerei' sein soll und vergessen anscheinend, unter welch erbärmlichen Zuständen 'unser' Fleisch hochgezüchtet wird, die pervertierten Tiertransporte und die Zustände, in denen diese Tiere ihr kurzes Dasein fristen müssen, wenn sie es überleben. Ein Tier streichelt man nicht zu tode, ob nun halal oder haram! Was nun schlimmer sein soll ist aus meiner Sicht schlicht und einfach Haarspalterei. – Jamie Mittens

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani am 12.03.2012 16:44 Report Diesen Beitrag melden

    Recht der Tiere...

    Wir diskutieren immer über Menschenrechte und die darin enthaltene Religionsfreiheit. Aber ist das nicht langsam überholt? Sollte nicht das Leben von Tieren mindestens einen höheren Stellenwert als Religionsfreiheit haben? Ist es nicht endlich an der Zeit neben Menschenrechten auch grundlegende Rechte auf eine unversehrte Umwelt und Natur einzufordern und diese wie Menschenrechte mit oberster Priorität zu behandeln und durchzusetzen? Wer hat uns bloss das Recht gegeben so mit Leben von Tieren umzugehen???

    einklappen einklappen
  • Informatiker am 13.03.2012 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Tierquälerei

    Wo ist denn bitte PETA und all die anderen Tierschutzorganisationen wenn es um religiöse Schlachtung geht? In einer normalen Schlachtung wird immerhin probiert dem Tier das Leid möglichst zu vermindern, das hier ist ja blanker Horror! Unglaublich wie primitiv Menschen im Jahre 2012 noch sein können. Sowas gehört WELTWEIT verboten!

  • Raphu am 12.03.2012 14:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach

    Hören wir auf, Tiere zu schlachten, dann hat sich das auch erledigt ;)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Informatiker am 13.03.2012 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Tierquälerei

    Wo ist denn bitte PETA und all die anderen Tierschutzorganisationen wenn es um religiöse Schlachtung geht? In einer normalen Schlachtung wird immerhin probiert dem Tier das Leid möglichst zu vermindern, das hier ist ja blanker Horror! Unglaublich wie primitiv Menschen im Jahre 2012 noch sein können. Sowas gehört WELTWEIT verboten!

  • Hanspi G. am 12.03.2012 21:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schächten hat(te) seinen Grund

    Wer sich damit auseinander setzt, weiß, dass diese Methoden (wenn richtig ausgeführt) um einiges schnerzfreier sind, als das "betäubte" Schlachten. Das Schächten wurde ja zuerst auch deswegen eingeführt - weil schonender!

    • Svalbard am 13.03.2012 21:43 Report Diesen Beitrag melden

      Aja?

      Darum machen Sie sicher auch keine örtliche Betäubung wenn Sie beim Zahnarzt sind! Betäubte Stellen tun ja viel mehr weh!!!

    einklappen einklappen
  • A. B . am 12.03.2012 21:23 Report Diesen Beitrag melden

    Lebewesen

    Kein Lebewesen hat es verdient, so qualvoll ausgeblutet werden zu lassen - auch nicht im Namen einer "Religion". Wir sind im 20igsten und nicht mehr im 7ten Jahrhundert. Schämen sollten sich vorallem auch diejenigen die solche Tierquälereien beschönigen oder gutreden möchten. Da gibts keine Ausreden.

    • J. S. am 15.03.2012 12:41 Report Diesen Beitrag melden

      21 Jahrhundert

      Wir sind im 21igsten Jahrhundert! Demfall sind Sie ja auch noch ein Jahrhundert zurück ;-)

    einklappen einklappen
  • SwissSail am 12.03.2012 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Halal/Koscher versus Zölobat

    Die Fleischgebote des Koran und der Tora machten vor 2000 Jahren Sinn: Schweinefleisch verdirbt bei Hitze schneller und ebenfalls nicht sauber ausgeblutetes Fleisch. In "zivilisierten" Ländern ist das alles kein Problem mehr: Wie haben lückenlose Kühlketten. Der grosse Unterschied bei uns: Wir betäuben die Tiere vor dem ausbluten! Zum grossen Teil sterben auch bei uns die Tiere durchs ausbluten, aber eben: sie sind betäubt! Das Schächtgebot ist heute (!)für mich ebenso unverständlich wie gewisse Aeusserungen von katholischen Würdenträgern!

  • Tajno am 12.03.2012 20:09 Report Diesen Beitrag melden

    Schade..

    Tragisch ist eigentlich, dass vor einigen Hundert Jahren kein Mensch darauf kam, in einer Bibel, Koran, Tora oder was auch immer - festzuhalten, dass wir eines Tages in Harmonie mit der Umwelt und dem würdigen des Wunder Lebens verbringen sollten. Dann hätten wir heute einige Probleme weniger - und ich wäre kein Agnostiker.