Venezuela ohne Strom

12. März 2019 19:57; Akt: 12.03.2019 19:57 Print

Babys mussten tagelang manuell beatmet werden

Der Stromausfall in Venezuela stürzt das Land vollends ins Chaos: Neugeborene sterben auf der Intensivstation. Hungernde Menschen plündern Supermärkte.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Wenn die Nacht hereinbricht, wird es in den Strassen der venezolanischen Hauptstadt Caracas stockdunkel. Seit Beginn des Stromausfalls am vergangenen Donnerstag funktionieren Strassenlaternen, aber auch Kreditkarten, Mobiltelefone oder Kühlschränke nicht mehr. Bargeld hat kaum noch jemand, schon gar nicht US-Dollar, die häufig das einzig akzeptierte Zahlungsmittel sind.

Im Quartier Terrazas del Club Hípico hämmern Mütter an die Scheiben eines Supermarkts. «Ich habe einen zweijährigen Sohn. Gestern Abend gab es nichts zu essen», sagt Majorie zur BBC. Ein Laden in der Nähe ihres Hauses sei geplündert worden, erzählt sie, und ein Nachbar habe ihr etwas gekochten Reis gegeben. «Ich habe ihn mit Wasser verdünnt, etwas Zucker hinzugefügt und ihn meinem Sohn verfüttert. Aber heute, wenn er mich um Essen bittet, was soll ich ihm geben? Ich kann den Hunger ertragen. Als Erwachsene brauchen wir nur ein Glas Wasser. Aber was soll ein Kind tun?», fragt sie, wütend wie verzweifelt.

Schlägertruppen terrorisieren politische Gegner

Immer wieder brechen Menschen in Supermärkte ein. Die Motorrad-Gangs von Präsident Nicolás Maduro, bekannt für ihre skrupellose Gewalt, sorgen mit vorgehaltener Waffe für «Ruhe». Die «Colectivos» genannten Gruppen haben den Befehl erhalten, aktiv gegen Regierungsgegner vorzugehen. Auch in diesen wirren Tagen bleiben sie Maduro treu und terrorisieren jeden, der sich verdächtig macht, nicht auf Regierungslinie zu liegen. Fehlende Nummernschilder und Motorradhelme gewähren ihnen Anonymität, sodass sie selbst vor Erschiessungen nicht zurückschrecken.

Eine Journalistin filmte am 10. März, wie die Colectivos sich unbehelligt auf einer Strassenkreuzung aufstellten. Mindestens ein Mann war bewaffnet. «Ich vermute, die lokale Polizei musste gerade ihre Handys aufladen», schrieb sie ironisch zur Abwesenheit der Ordnungshüter.


Kinder mussten manuell beatmet werden

Wo die Colectivos mit ihren Motorrädern auftauchen, herrscht Angst. So auch im Kinderspital, in dem Patricia* als Laborantin arbeitet. Sie versteht nicht, warum Colectivos und nicht Regierungsbeamte den Stromgenerator geliefert haben, den die Intensivstation dringend benötigte. Doch vor allem ist sie froh, dass die Geräte wieder laufen.

«Niemand hatte eine Ahnung, warum die Notstromaggregate nicht angesprungen sind, was passiert ist oder warum auf der Intensivstation alles dunkel ist», erzählt sie über den Beginn des Stromausfalls. Auf der Notfallstation mussten Kinder durch manuelle Beatmung am Leben erhalten werden. «Als wir durch das Spital gingen, sahen wir eine Mutter weinen und fanden heraus, dass ihr Baby gestorben war», erklärt Patricia. Trotz aller Bemühungen des medizinischen Personals verstarb auch ein zweiter Säugling auf der Neugeborenenstation.


«Wir haben trockene Kehlen»

Der Stromausfall wirkt sich massiv auf die Versorgungslage der ohnehin schon lange unter Lebensmittelknappheit leidenden Bevölkerung aus. Kühlgeräte und Wasserversorgung funktionieren teilweise nicht mehr. In Caracas gingen verzweifelte Menschen zum Kanal des verschmutzten Flusses Guaire, um Wasser zu holen. «Wir haben trockene Kehlen», riefen sie den Soldaten zu, die sie zu vertreiben versuchten. Manche können nur noch in Dollar für Wasser bezahlen.

Mit jedem weiteren Tag, den der Stromausfall andauert, wird die Lage in Venezuela verzweifelter – und gefährlicher. Übergangspräsident Juan Guaidó rief für Dienstag zu neuen Massendemonstrationen wegen des landesweiten Stromausfalls auf und versucht, angesichts der Katastrophe den Alarmzustand zu verhängen.

Da die Streitkräfte nach wie vor Maduro unterstützen, dürfte der Alarmzustand allerdings nicht umgesetzt werden. Staatschef Maduro seinerseits fordert die Bürger zum «aktiven Widerstand» auf. Die Anordnung, dass nicht gearbeitet wird und die Schulen geschlossen bleiben, hat die Regierung in Anbetracht der Krise bis Dienstag verlängert.

Korruption oder Sabotage als Ursache für Blackout?

Die genaue Ursache für den Stromausfall ist unklar. Die Maduro-Regierung macht die USA und die Opposition für die massive Panne verantwortlich, die durch einen Cyberangriff auf das grösste Wasserkraftwerk des ölreichen Landes ausgelöst worden sei. Guaidó nannte die Erklärung der Regierung ein «Hollywood-Szenario». Er sprach von «Korruption und Unfähigkeit» der staatlichen Energiebehörde.

* Name der Redaktion bekannt

(zos/afp)