Religion und Staat

13. Dezember 2009 10:25; Akt: 13.12.2009 11:09 Print

Schleierstreit in Ägypten

von Sarah el Deeb/AP - In Ägypten sorgt ein Verbot der Vollverschleierung für dicke Luft. Verhängt wurde es, nachdem Studenten sich damit getarnt in die Räume der Frauen eingeschlichen hatten. Doch ist das der wahre Grund fürs Verbot?

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Der Nikab - die Frau rechts im Bild trägt einen - ist an staatlichen Unis Ägyptens neuerdings verboten - das passt nicht allen. (Bild: Keystone/AP)

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Der Bann der ägyptischen Regierung hatte wohl einen tieferen Grund: Die zunehmende Auseinandersetzung zwischen dem vom Staat vertretenen gemässigten Islam und der immer strengeren Glaubensauslegung in der Bevölkerung, die sich im Tragen des Nikab genannten Ganzkörperschleiers zeigt.

Der Streit hat sich verschärft, seit der oberste Geistliche der angesehenen Al-Ashar-Universität, Mohammed Tantaui, den Nikab aus Unterrichtsräumen und Wohnheimen verbannte. Zur Begründung erklärte er, die Verhüllung habe «mit dem Islam nichts zu tun» und sei auch ganz unnötig, da an der Hochschule ohnehin Geschlechtertrennung herrsche. Es folgten weitere Verbote in Bereichen des öffentlichen Lebens. Das verärgert etliche Frauen, die sich erklärtermassen aus religiösen Gründen verhüllen und sich deshalb benachteiligt sehen.

So berichtet die frischgebackene Tierärztin Fatma al Assal von einer abgelehnten Stellenbewerbung. Doch die junge Frau will nicht nachgeben. «Al Ashar hat mir gar nichts zu sagen», betont sie. Wie ihre Mutter und ihre beiden Schwestern verhüllt sie sich komplett, einschliesslich der Hände. So gekleidet, «fühle ich mich respektiert. Keiner starrt mich an.» Sie beruft sich auf eine Kleiderordnung, die nach Auffassung vieler Muslime zu Zeiten Mohammeds galt: «Ich möchte es den Frauen des Propheten gleichtun.»

Trost im Glauben

Während in Europa über Kopftuch und Schleier unter den Gesichtspunkten Integration und Frauenrechte diskutiert wird, sieht die Sache in Ägypten ganz anders aus. Hier liegt eine konservative Öffentlichkeit überkreuz mit einer Regierung, die nicht nur als weltlich ausgerichtet, sondern auch als autoritär, korrupt und gleichgültig gilt. Die Debatte unterstreicht die Kluft zwischen der eher säkularen Elite mit wirtschaftlichem und politischem Einfluss und der überwiegend verarmten und entrechteten Bevölkerung, die zunehmend Trost im Glauben findet.

Überdeutlich wurde das im vorigen Monat, als ganz Kairo mit Plakaten von Beyoncé im Badeanzug bepflastert war, um für ein Konzert der amerikanischen Sängerin in einem exklusiven Badeort zu werben - eine Veranstaltung, die sich die übergrosse Mehrheit der Ägypter niemals leisten könnte. Ein konservativer Abgeordneter wetterte gegen die «unverschämte Sex-Party», ein anderer forderte, das «Nackt-Konzert» zu verbieten. Eine Petition gegen den Auftritt auf Facebook fand 10 000 Unterstützer. Das Konzert ging schliesslich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen ohne Zwischenfall über die Bühne.

Verschleierung als Rebellion

Vor zehn Jahren noch war der Nikab in Ägypten so gut wie unbekannt; auch heute noch trägt ihn nur eine Minderheit. Die meisten Frauen tragen Kopftuch und dazu häufig enge Jeans und Oberteile. Doch auch verhüllte Gestalten gehören jetzt zum Alltagsbild, im wallenden schwarzen Gewand, das nur die Augen freilässt, und häufig auch mit Handschuhen. Man sieht sie an Universitäten und Schulen, in Ämtern und Firmen, beim Spaziergang am Nil und als Sozia auf dem Moped hinter dem Ehegatten.

Grundlage dafür ist der Salafismus - eine Bewegung, die sich auf die frommen Altvorderen des Islams beruft. Seine Lehre ähnelt der im sittenstrengen Saudi-Arabien, so dass seine Ausbreitung vielfach auf heimkehrende Gastarbeiter und religiöse Fernsehsender mit saudischer Unterstützung zurückgeführt wird. Die salafistischen Gruppierungen sind unpolitisch und distanzieren sich von dem gewaltorientierten Ansatz des islamistischen Aufstands der 90er Jahre. Doch sie bieten finanzielle, medizinische und soziale Unterstützungsleistungen, die attraktiver sind als die des Staates.

Für manche, vor allem junge Frauen bedeutet die Verhüllung auch Rebellion gegen das System. Und sie halten damit nicht hinterm Berg. «Einem Mädchen, das den Nikab tragen will, sagte ich, dass sie bereit sein muss, dafür zu kämpfen», erklärt Al Assals Mutter Iman el Schewihi. Die 45-Jährige, die ihren Doktor in Islamischem Recht macht, hat vor 15 Jahren als erste in ihrer Familie den Schleier angelegt. Wie ihre Tochter habe auch sie dafür bezahlen müssen und an ihrer Universität keine Lehraufträge bekommen.

«Die können mich nicht brechen»

Verschleierung wird auch in anderen nicht religiös orientierten arabischen Ländern wie Jordanien, Syrien und Libanon zunehmend üblich. Doch Ägypten, das lange als besonders säkular galt, wird heute als besonders konservativ betrachtet. Im Sturm der Entrüstung über sein Schleierverbot erhielt der Geistliche Tantaui Rückendeckung staatlicher Medien, die den Nikab als Zeichen von Extremismus verurteilen. Andere Kleriker warfen ihm dagegen einen «Kreuzzug gegen den Islam» vor und forderten seinen Rücktritt.

Mit Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen klagt eine Gruppe Frauen gegen die Regierung, weil ihnen vergünstigte Unterkunft in den Wohnheimen verweigert wird. Die Medizinstudentin Iman berichtet, dass fünf ihrer Kommilitoninnen den Schleier abgelegt hätten, um ins Wohnheim einziehen zu können. Ihr Vater, ein Bauer, dränge sie, dasselbe zu tun. Doch sie hat beschlossen, verschleiert zu bleiben und eine Wohnung zu mieten, obwohl das drei mal so teuer ist wie das Studentinnenwohnheim. «Ich brauche die nicht mehr», sagt sie über den Staat. «Die können mich nicht brechen.»