«Tunesien» in China

14. Juni 2011 20:43; Akt: 14.06.2011 20:44 Print

Schwangere Verkäuferin löst Krawalle aus

In China brodelt es: Während Tagen kam es im Süden des Landes zu Krawallen zwischen Arbeitern und der Polizei. Auslöser war das Vorgehen gegen eine schwangere Strassenverkäuferin.

Bericht über die Unruhen in Zengcheng. (Video: NTD/YouTube)
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Die südchinesische Provinz Guangdong ist eine Export-Hochburg des Landes. In unzähligen Fabriken werden Produkte für den Weltmarkt hergestellt, meist von Wanderarbeitern, die unter prekären Bedingungen zu miesen Löhnen schuften müssen. Am Wochenende entlud sich der Frust der Unterdrückten in mehrtägigen Strassenkämpfen in der Stadt Zengcheng. Bilder des Hongkonger Fernsehens zeigten Wanderarbeiter, die Regierungsgebäude und Polizeiautos in Brand setzten. Polizisten wurden mit Steinen und Flaschen beworfen.

Die Polizei antwortete mit Tränengas, 25 Personen wurden nach offiziellen Angaben verhaftet. Am Dienstag sorgte ein massives Aufgebot der Sicherheitskräfte für Ruhe in der Stadt, die rund eine Fahrstunde entfernt liegt von der Provinzmetropole Guangzhou, dem früheren Kanton. Doch unter der Oberfläche brodelt es weiter. «Wir sind wütend», sagte ein nicht genannter Wanderarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. «Die Gesetze scheinen hier nicht zu gelten, die lokalen Behördenvertreter können tun, was sie wollen.»

Zu Boden gestossen

Auslöser der Krawalle war das Vorgehen der Polizei vom letzten Freitag gegen eine 20-jährige Strassenverkäuferin. Wang Lianmei, die wie viele Wanderarbeiter aus der Provinz Sichuan stammt, soll ihre Ware ohne Bewilligung verkauft haben. Während des Streits soll die schwangere Frau zu Boden gestossen worden sein. Bald schon verbreitete sich das Gerücht, Wangs Ehemann Tang Xuecai sei bei der Auseinandersetzung getötet und die Frau schwer verletzt worden. Worauf wütende Arbeiter auf die Strasse gingen.

Die Behörden bemühten sich an einer Pressekonferenz am Sonntag darum, die «haltlosen Gerüchte» zu widerlegen. Wang sei nicht gestossen worden, sondern gestürzt. «Die Frau und der Fötus sind unversehrt», betonte Ye Niuping, der Bürgermeister von Zengcheng. Es sei niemand getötet worden. Xu Zhibiao, der Parteichef der Stadt, besuchte die Verkäuferin laut der Parteizeitung «China Daily» im Spital und brachte ihr einen Früchtekorb mit.

Erinnerung an Tunesien

Der Fall erinnert an den tunesischen Strassenverkäufer Mohamed Bouazizi, der sich im letzten Dezember in der Stadt Sidi Bouzid angezündet hatte, weil er von den Behörden schikaniert worden war. Die Selbsttötung wurde zum Auslöser für den Aufstand gegen Präsident Ben Ali und die gesamte Protestwelle in der arabischen Welt. Die chinesische Führung bemüht sich seither, eine ähnliche Entwicklung in ihrem Land zu unterbinden. Begriffe wie «Jasmin-Revolution» werden im Internet zensiert.

Das Riesenreich China lässt sich nicht mit dem Kleinstaat Tunesien vergleichen. Dennoch häufen sich die Berichte über Proteste. Letzte Woche demonstrierten in Chaozhou Arbeiter einer Keramik-Fabrik, weil ihre Löhne nicht bezahlt wurden. In Lichuan in der Provinz Hubei griffen rund 2000 Personen den örtlichen Regierungssitz an, nachdem ein Lokalpolitiker, der sich gegen die Korruption gewehrt hatte, in Gewahrsam der Polizei ums Leben gekommen war. Und in der Inneren Mongolei kam es zu den grössten Kundgebungen seit 20 Jahren, weil ein Schafhirte angeblich von einem Han-Chinesen überfahren wurde.

Grassierende Inflation

Besonders viel Zündstoff steckt in der schwierigen sozialen Lage der Wanderarbeiter. Sie werden nicht nur häufig gegenüber der lokalen Bevölkerung diskriminiert, sondern leiden auch unter der grassierenden Inflation vor allem bei den Lebensmittelpreisen. Der Preis für ein Pfund Schweinefleisch sei innert Jahresfrist von 9 auf 13 Yuan gestiegen, sagte Yu Ankun, ein Arbeiter in einer Jeansfabrik in Zengcheng, gegenüber Reuters. Er brachte das Dilemma auf den Punkt: «Wir haben keine Wahl, wir müssen etwas verdienen. Wir können nicht nach Hause zurück.»

(pbl)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nonymus am 14.06.2011 23:50 Report Diesen Beitrag melden

    once we were warriors

    nur eine Frage der Zeit bis das Volk dort auch denn Mut aufbekommt. Die Regierung kriegt jetzt angst. weiter so Volk !! kampf der korruption !!

  • Olivia am 15.06.2011 07:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich!

    Höchste Zeit, dass auch in China die Menschen zu Ihrem Recht kommen. Ich hoffe, dass es bald auch so etwas wie Tierschutz dort gibt. Grässlich, wie in China mit Tieren umgegangen wird.

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  • Peter Luginbühl am 15.06.2011 00:00 Report Diesen Beitrag melden

    "Frühling" in China

    Tunesien in China? Heisst das jetzt, dass China auch ein islamischer Gottesstaat wird?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • JohnnyZoo am 15.06.2011 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    gut so!

    endlich zeigt das volk mut, sich gegen die korrupte und underdrückende regierung zu wehren! nur weiter so!!

  • Mao Mao am 15.06.2011 08:55 Report Diesen Beitrag melden

    wer war schon Mal in China?

    An alle schlauen Kommentatoren. China hat 1.3Milliarden Einwohner, dass nicht alle glücklich sein können ist wohl auch klar. Frage: wer geht eigentlich in die Ferien nach China und macht sich ein Bild vor Ort? Ähnliche Vorfälle haben wir auch in Frankreich erlebt.. und das ist unser Nachbar!!

  • Nepomuk Unfug am 15.06.2011 08:36 Report Diesen Beitrag melden

    Mit gleichen Ellen messen

    «Am Wochenende entlud sich der Frust der Unterdrückten in mehrtägigen Strassenkämpfen []» Aber wenn in der Schweiz bei Demos mal Fensterscheiben eingeschmissen werden, wird von gewaltgeilen Chaoten gesprochen, nicht von Unterdrückten, die ihren Frust raus lassen müssen und für ein besseres Leben kämpfen. Bitte messt mit gleichen Ellen!

    • Blindfisch am 15.06.2011 10:11 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist ein grosser Unterschied

      Die Wanderarbeiter bekommen einen " Lohn" weit unter dem existenzminimum und staatliche Untertützung gibt es wenig bis keine. Die kämpfen gegen eine moderne Form von Sklaverei (oder sogar ums überleben). Die haben NULL Mitspracherechte. In der Schweiz muss, dank der vielen Sozialsysteme, niemand Hunger leiden oder sonstwie ums Überleben kämpfen. Es gibt in der Schweiz allerdings eine erschreckend grosse Anzahl von Personen die das Recht auf Demonstrationen mit dem (nicht existierenden) Recht auf Terstörung verwechseln. Das ist der Unterschied.

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  • Andreas am 15.06.2011 08:09 Report Diesen Beitrag melden

    Bauernaufstand

    Da der Westen keinen Mut hat die Wirtschaftsmacht zu zügeln, müssen wieder mal die einfachen Leute das Heft in die Hand nehmen. So wie es in der Schweiz ebenfalls Tradition ist mit den Bauernaufständen. Die Elite in den Städten kennen kein Mass und laben sich an der Macht. So muss alle paar Jahre der Bauernstand in die Stadt ziehen und den Herren Politikern auf die Finger klopfen und auf den Boden der Realität bringen. Die Brüsseler Junta könnte das auch mal gebrauchen ;-)

  • Real China am 15.06.2011 07:53 Report Diesen Beitrag melden

    Chinesen wollen keine Revolution

    China ist weder Tunesien noch gibts in China eine Revolution. Die Menschen sind froh, endlich mal in Frieden ein besseres Leben zu haben. Die Proteste - die es schon seit Jahren gibt - richten sich denn auch gegen Ungerechtigkeiten regionaler Beamter, gegen Umweltverschmutzung und gegen Korruption. Denn: Noch nie ging es den Chinesinnen und Chinesen in den letzten 200 Jahren besser als heute. Millionen junger Menschen können wie damals in den USA nun in China ihre Träume verwirklichen und sich selbst ein gutes Leben ermöglichen.

    • Somethingisgonnahappen am 15.06.2011 08:31 Report Diesen Beitrag melden

      Oh Really?

      Den Chinesen geht's gut? Da sagt meine Chinesiche Frau was anderes...

    • regula stark am 15.06.2011 09:01 Report Diesen Beitrag melden

      gut ist relativ

      ...ich denke nicht, dass deine Meinung von allen Chinesen geteilt wird.

    • Real China am 15.06.2011 09:58 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht immer alles ins Negative drehen

      Ich bereise China seit 12 Jahren. Und ich habe chinesische Freunde, viele, die in Hungerdörfern in der Provinz aufgewachsen sind, und es in Städten zum Mittelstand geschafft haben. Natürlich gehts nicht allen Chinesinnen und Chinesen gut. Aber, hey, der Wohlstand für alle hat sich auch in der Schweiz nicht in 20 Jahren gebildet.

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