Glencore in Sambia

12. Juni 2019 20:49; Akt: 13.06.2019 15:18 Print

Schwefelgaswerte sind 77-mal höher als erlaubt

Rund um eine von Glencore betriebene Kupfermine in Sambia betragen die Schwefeldioxid-Werte das 77-fache des Richtwertes der WHO, wie neue Messungen der «Rundschau» zeigen.

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Die Schwefeldioxid-Belastung der Kupferfabrik des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore in Sambia betragen das 77-fache des Richtwertes der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das zeigen Messungen, die die «Rundschau» in der Minenstadt Mufulira machte.

Für ihre Recherche haben SRF-Reporter Anfang Juni zehn Messgeräte des zertifizierten Schweizer Umwelt-Labors Passam AG – einem Spin-Off der ETH Zürich – installiert und fünf Tage lang der Umgebungsluft im Wohnquartier ausgesetzt. Die Resultate zeigten massive Überschreitungen der WHO-Werte bei den schädlichen Abgasen.

Von zehn Messungen lagen die Werte von sieben über die WHO-Richtlinie. Der höchste Wert betrug 1551 Mikrogramm pro Kubikmeter Umgebungsluft im 5-Tages-Durchschnitt. Weitere Messungen ergaben Konzentrationen von 896 und 576 Mikrogramm Schwefeldioxid pro Kubikmeter Luft. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO sollte die Umgebungsluft im Tagesmittel nicht über 20 Mikrogramm Schwefeldioxid pro Kubikmeter enthalten.

Cassis stellte Glencore Persilschein aus - zu Unrecht

Dabei hatte noch vor knapp sechs Monaten der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis Glencores Kupferwerk Mopani besucht und danach behauptet: «Im Grossen und Ganzen sind die Grenzwerte eingehalten». Die jüngsten Untersuchungen der «Rundschau» belegen, dass Cassis dem Glencore-Betrieb zu Unrecht einen Persilschein ausgestellt hat. Gegenüber der Sendung sagte ein Pressesprecher der Bundesrates: «Das EDA setzt sich dafür ein, dass bei Emissionen und Immissionen nationale und international vereinbarte Grenzwerte eingehalten werden.»

Harmlos sind das Schwefeldioxid bei weitem nicht: Das farblose, giftige Gas reizt die Schleimhäute, Menschen mit Atemwegserkrankungen sind besonders gefährdet. Die gemessenen Werte seien «extrem hoch», bestätigt der Basler Professor Nino Künzli, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene.

Bewohner klagen über Atembeschwerden

Die Messungen zeigen zudem, dass die Werte höher sind als jene, welche die «Rundschau» vor fünf Jahren in Mufulira erhoben hat. Damals hatte Glencore noch nicht seine neue Rauchgasreinigungsanlage eingebaut.

Der Konzern weigert sich, die eigenen Daten der Luftbelastung in Mufulira zu veröffentlichen. Auch zu den «Rundschau»- Resultaten will sich Glencore nicht äussern. Er teilte aber mit, die durchschnittliche SO2-Belastung sei in den letzten fünf Jahren massiv zurückgegangen. Zudem sei die Bekämpfung technischer Probleme bei der Anlage in vollem Gang. Und: Von Seiten der Bevölkerung gebe es keine Beschwerden, wenn die Anlage in normalem Betrieb laufe.

Die Aussagen zahlreicher Bewohner widersprechen die Version des Rohstoffhandelsunternehmens. So musste etwa Jasinta Zulu mit Atembeschwerden ins Spital: «Die Ärztin hat mich gefragt, ob ich Asthma hätte. Ich sagte nein, eigentlich nicht. Jetzt trage ich ein Tuch dabei, um mich vor dem Abgas zu schützen.»

Bei Kindern sind die Folgen noch stärker zu spüren. Ihre Schüler husteten viel, sagt die Lehrerin Angela Chanda zu SRF-Journalisten. «Es stört die Lektionen. Und auch uns Lehrer. So kann man nicht unterrichten.»

Warten auf das Urteil des Supreme Courts

Im 2016 war Glencore für den Tod der lokalen Politikerin Beatrice Mithi verantwortlich gemacht worden. Die 58-Jährige hatte einen Atemstillstand erlitten, als die Abgase der Mopani Copper Mines am Abend des 31. Dezembers 2013 in die Wohnquartiere der Stadt Mufulira geweht worden waren. Die Obduktion der Leiche ergab, dass Mithi durch das «Einatmen von toxischen Gasen» gestorben war.

Dem Witwer wurde beim Urteil eine Entschädigung von umgerechnet 40'000 Franken zugesprochen. Wie die «Rundschau» berichtet, sei Glencore gegen das Urteil in Berufung gegangen. Die Verhandlung vor dem Supreme Court, dem höchsten Gericht Sambias, fand vergangenen Mittwoch statt. Das Urteil steht noch aus. Es soll demnächst in der Hauptstadt Lusaka bekanntgegeben werden.

Mehr dazu heute Abend in der Rundschau auf SRF 1

(kle)