Geschäft mit Lösegeld

30. Juli 2014 12:10; Akt: 30.07.2014 13:37 Print

Schweiz zahlte der Al Kaida über 11 Millionen

Entführungen sind eine Haupteinnahmequelle für Terroristen. Lösegeld zahlen vor allem europäische Regierungen – auch die Schweiz.

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Die beiden reisten im Sommer 2011 nach Indien. Auf ihrer Rückreise durch Pakistan wurden sie entführt. Laut offiziellen Angaben gelang ihnen im März 2012 die Flucht. Die Sprachlehrerin war im März 2012 in der jemenitischen Hafenstadt Hudaida entführt worden. Sie kam noch im gleichen Monat frei. Am 18. Juli 2008, drei Tage nach der Verhaftung von Hannibal Gaddafi durch Genfer Polizisten, wurden die beiden Schweizer in Tripolis festgesetzt. Im Juni 2010 kamen sie frei. Ein 50-jähriger Geschäftsmann aus dem Berner Jura wird im mexikanischen Cuernavaca entführt. Obschon die Familie ein Lösegeld von 10'000 Franken zahlt, taucht er nicht wieder auf. Ein 71-jähriger Schweizer Geschäftsmann, der im April im Süden der Philippinen entführt worden war, wird im Dezember von Soldaten aus der Geiselhaft befreit. Der IKRK-Delegierte wird in der sudanesischen Krisenregion Darfur nach siebenmonatiger Geiselhaft in der Gewalt von Bewaffneten im März freigelassen. Das Ehepaar reiste im Januar 2009 zusammen mit zwei anderen Touristen durchs Grenzgebiet zwischen Mali und Niger - trotz Warnungen des EDA. Die Reisegruppe wurde von der Al Kaida im islamischen Maghreb» entführt. Sie kam im April 2009 frei, er im Juli 2009. Der IKRK-Mitarbeiter wurde im Januar 2009 auf den Philippinen von islamistischen Abu-Sayyaf-Rebellen entführt. Ende April kam er frei. Ein auf Haiti entführter Schweizer Filmemacher kommt nach einer Woche nach Übergabe eines Lösegelds frei. Im Jemen wird ein Deutschschweizer Ehepaar auf einer Ferienreise von Bewaffneten entführt, die Stammesangehörige freipressen wollten. Tags darauf kommen die Geiseln - dank Vermittlung von Stammesführern - wieder frei. Ein Schweizer Ehepaar, das im Irak von Unbekannten verschleppt worden war, wird nach zwei Tagen wieder frei gelassen. Die Hintergründe bleiben unklar. Ein halbes Jahr waren 13 Geiseln - darunter drei Schweizer - in der Hand von islamistischen Terroristen.Im August kamen sie frei. Der im Südwesten Kolumbiens von FARC-Rebellen entführte Schweizer Entwicklungshelfer wird dank der Intervention von Paez-Indianern nach zwei Tagen wieder freigelassen. Ein 56-jähriger Schweizer und seine kongolesische Ehefrau werden von Mai-Mai-Rebellen in Ostkongo verschleppt. Sie kommen erst nach über einem Jahr wieder frei.

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Umgerechnet 113 Millionen Franken verdiente die Terrororganisation Al Kaida seit 2008 mit Entführungen. Allein letztes Jahr waren es fast 60 Millionen Franken. Spitzenreiter beim Bezahlen von Lösegeldern sind die Regierungen europäischer Länder. Laut Recherchen der «New York Times» ist Europa somit einer der grössten Geldgeber der Al Kaida. Oft tarnen Regierungen die Gelder als Entwicklungshilfe und schicken Stellvertreter los, den Entführern kofferweise Bargeld zu übergeben.

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Auf Anfrage der «Times» dementierten zwar die Aussenministerien von Deutschland, Frankreich und Österreich, Lösegelder bezahlt zu haben. Auch die Schweiz streitet ab, Entführungsopfer freigekauft zu haben. Doch laut «Times» bezahlte Bern im Jahr 2009 ein Lösegeld von umgerechnet über 11 Millionen Franken – damals befanden sich Gabriella und Werner Greiner in der Gewalt der Terrorgruppe Al Kaida im islamischen Maghreb.

Belege für die Schweizer Lösegeldzahlungen hat die Zeitung in internen Al-Kaida-Unterlagen in Mali gefunden. Aber auch Gespräche mit Diplomaten und ehemaligen Geiseln hätten derlei Zahlungen bestätigt.

Von 180'000 Franken auf neun Millionen

Bei Entführungen stecken Regierungen in der Zwickmühle: Sollen sie sich weigern zu bezahlen und riskieren, dass die Geiseln brutal und öffentlichkeitswirksam umgebracht werden? Oder sollen sie bezahlen und riskieren, dass weitere Personen entführt werden? Denn genau das geschieht: Der Erhalt von Lösegeld motiviert Terroristen zu weiteren Verschleppungen.

Beobachtern zufolge sind Entführungen heute die wichtigste Einnahmequelle der Al Kaida. Während die Terroristen im Jahr 2003 noch umgerechnet gut 180'000 Franken pro Entführung verdienten, sind es laut der «Times» heute bis zu 9 Millionen Franken.

Positiv an dieser Entwicklung ist, dass die Entführten das Ereignis meist überleben – im Gegensatz zu vor zehn Jahren, als noch regelmässig Menschen aus dem Westen gefangengenommen und vor laufender Kamera ermordet wurden.

Alles gut geplant

Die Al Kaida hat das Geschäft mit Entführungen gut organisiert. Ihre Unterorganisationen – die Al Kaida im islamischen Maghreb in Nordafrika, die Al Kaida auf der arabischen Halbinsel in Jemen und die Shabab in Somalia – koordinieren ihre Aktionen gemeinsam. Um die Risiken für ihre Kämpfer möglichst klein zu halten, haben die Terroristen die eigentlichen Entführungen an lokale kriminelle Banden weitergegeben. Diese erhalten rund zehn Prozent der Lösegelder, was die geforderte Summe ebenfalls erhöht.

Es läuft immer nach demselben Schema ab: Nach der Entführung lassen die Täter erst einmal nichts von sich hören, um bei den Angehörigen möglichst grosse Angst um das Leben ihrer Lieben auszulösen. Danach werden Videos veröffentlicht, in denen die Opfer ihre Regierungen um Verhandlungen bitten.

Heuchlerische Europäer?

Laut «Times» weigern sich nur noch wenige Länder, auf die Forderungen von Entführern einzugehen – an vorderster Front die USA und Grossbritannien. Die Folge: Während europäische Entführungsopfer meist überleben, müssen verschleppte Briten und Amerikaner oft mit dem Leben bezahlen.

«Die Europäer haben ziemlichen Erklärungsbedarf», sagt Vicki Huddleston vom US-Aussenministerium zur «Times». Die Politik europäischer Regierungen, Lösegeld zu bezahlen und dies gleichzeitig zu bestreiten, bezeichnet sie als «heuchlerisch». Und: «Mit dem Bezahlen von Lösegeldern wird nicht nur der Terrorismus gefördert, dieses Verhalten gefährdet auch unsere Bürger.»

(kmo)