Argentinien

01. März 2011 16:43; Akt: 01.03.2011 17:01 Print

Schweizer Firma vermittelt Sklavenarbeiter

von Karin Leuthold - In Argentinien sorgt seit Wochen ein Skandal um Sklavenarbeit in der Landwirtschaft für Aufruhr. Dabei tauchte der Name des Schweizer Arbeitsvermittlers Adecco immer wieder auf.

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Die Landarbeiter wohnten in mehrstöckigen Wellblechbaracken oder in Zelten ohne Strom und Wasser (links und Mitte). In sechs lokalen Niederlassungen des Schweizer Arbeitsvermittlers Adecco wurden nach einer Anzeige Razzien durchgeführt. (Bilder: Pagina 12, Telam und La Voz del Interior)

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Die argentinische Steuerbehörde AFIP hat vor einer Woche in sechs lokalen Niederlassungen des Schweizer Arbeitsvermittlers Adecco Razzien durchgeführt. Sie ging damit einer Anzeige nach, wonach Adecco Specialities S.A., eine Tochtergesellschaft, die zu Adecco Argentina S.A. gehört, dem multinationalen Agrarunternehmen DuPont 140 Arbeiter vermittelt haben soll, die später auf Feldern des Tochterunternehmens Pioneer Argentina SRL unter prekären Arbeitsbedingungen gehalten wurden.

Die Erntearbeiter wurden in fünf Lagern in der Provinz Córdoba gefunden. Sie wohnten in mehrstöckigen Wellblechbaracken oder in Zelten ohne Strom und Wasser. Die Männer waren teilweise mit ihren Familien aus anderen Provinzen als Temporärarbeiter dorthin gezogen. Auch Frauen und Kinder lebten unter diesen katastrophalen Umständen. Sie schliefen auf dem blanken Boden oder auf Holzbrettern. Sanitäre Einrichtungen waren kaum vorhanden.

Die Arbeiter gaben später der Staatsanwaltschaft der Stadt Córdoba an, sie seien von der Tochtergesellschaft der international tätigen Schweizer Leiharbeitsfirma Adecco angeheuert worden. Bei tatsächlicher oder angeblicher Beschädigung der Pflanzen drohten ihnen zudem erhebliche Abzüge von dem eh schon mageren Lohn von 97 Pesos (rund 22 Franken).

Der Kunde trägt die volle Verantwortung

Vor drei Tagen ein ähnliches Szenario in einem Landgut bei Salto, knapp 200 Kilometer von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt: Ermittler der AFIP stiessen auf ein Camp mit 68 Arbeitern - und auf jede Menge Unregelmässigkeiten. Einige der Männer gaben an, sie wüssten nicht genau, wo sie seien. Sie hätten sich über eine Arbeitsvermittlungsagentur anstellen lassen und seien in die Plantage transportiert worden. Den Ort dürften sie nicht verlassen, sagten sie zudem aus. Julio René, Gewerkschaftssekretär der Landarbeiter, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur Telam, dass die Angestellten nicht einmal den Mindestlohn von 130 Pesos am Tag erhalten hätten und auf ihren Lohnausweisen ein fiktiver – höherer – Betrag angegeben worden sei. Auch in diesem Fall taucht der Name Adecco S.A. - zusammen mit anderen international tätigen Arbeitsvermittlungsagenturen - auf.

Ricardo Echegaray, Pressesprecher von AFIP, sagte gegenüber den Medien: «Das festgestellte Bild ist erschütternd. Es handelt sich um einen Fall von Menschenhandel.» Die Adecco Gruppe will vom Schicksal der Mitarbeiter, die sie rekrutiert hatte, nichts gewusst haben: «Zu unseren Kunden können wir keine Kommentare abgeben. Wir rekrutieren Personal für unsere Kunden. Der Kunde trägt anschliessend die Verantwortung als Arbeitgeber», erklärte sie in einer Mitteilung gegenüber 20 Minuten Online. Adecco prüfe periodisch ihre Kundenbeziehungen, heisst es weiter.

DuPont wurde bestraft – und Adecco?

Aufgrund der Anschuldigungen seien dem Agrarunternehmen DuPont nun Zoll- und Steuererleichterungen entzogen worden, gab Echegaray weiter bekannt. Auch wenn das Unternehmen über 2800 internationale Geschäfte mit einem Gesamtwert von ungefähr 115 Millionen Dollar betreibe, habe sich die AFIP zum Entzug der Lizenz entschieden. Es handle sich «um kein vertrauenswürdiges Unternehmen mehr», fügte Echegaray hinzu.«Sie haben durch gravierende Gesetzesverstösse die Wirklichkeit des Landes um 150 Jahre zurückgedreht. Jetzt wurde ihnen dafür die rote Karte gezeigt.»

Die Adecco Argentina S.A. stehe nun im engen Kontakt mit den entsprechenden Kunden, meldet das Mutterhaus in Glattbrugg. Selbstverständlich stehe man der lokalen Behörde AFIP jederzeit für Informationen zu Verfügung.