ICE-Drama in Frankfurt

02. August 2019 12:02; Akt: 02.08.2019 13:22 Print

Seehofer will Kontrollen an Grenze zur Schweiz

Nachdem Habte A. aus der Schweiz in Frankfurt einen Achtjährigen und seine Mutter vor einen Zug geschubst hat, will der deutsche Innenminister intelligente Kontrollen einführen.

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An der Grenze zur Schweiz sollen wieder Kontrollen stattfinden. Die Kontrollen sollen anlassbezogen und zeitlich befristet sein. Auch erweiterte Schleierfahndungen werden in Betracht gezogen. Das verkündete der deutsche Innenminister Horst Seehofer gegenüber dem «Spiegel». Hintergrund ist die tödliche Attacke im Frankfurter Hauptbhanhof: H. A. soll der Täter sein. Der 40-Jährige wohnt in der Schweiz und hat bei den VBZ gearbeitet. Am Dienstag informierte die Kantonspolizei Zürich zum Fall. Der Mann war in der Woche zuvor polizeilich aufgefallen, als er seine Frau, die drei Kinder und eine Nachbarin in seiner Wohnung eingesperrt hatte. Auch der deutsche Innenminister Horst Seehofer äusserte sich am Dienstag öffentlich zum Fall. Dabei kam heraus, dass der Täter in der Schweiz zur Verhaftung ausgeschrieben war. Die Tat vom Montag schockierte international: Am Hauptbahnhof in Frankfurt wurden ein Achtjähriger und seine Mutter vor einen einfahrenden ICE gestossen. Der Achtjährige kam dabei ums Leben. Seine Mutter wurde ins Spital gebracht. Die Polizei konnte einen 40-Jährigen festnehmen. Der aus Eritrea stammende Mann wird der Tat verdächtigt. Passanten konnten dem mutmasslichen Täter hinterherrennen. Augenzeugen, die die schreckliche Tat beobachtet hatten, brachen weinend zusammen. Die Polizei sucht nun Zeugen. Vier Gleise am Bahnhof wurden gesperrt. Die Spurensicherung läuft auf Hochtouren. Wie die Polizei mitteilte, wollte der Täter eine weitere Person vor den Zug stossen. Laut Angaben der Polizei konnte sich diese allerdings wehren. Die Mutter des verstorbenen Buben wurde ins Spital gebracht. Sie konnte sich mit einer Rolle in den Zwischenraum der Gleise retten. Ihren Sohn bekam sie jedoch nicht mehr zu fassen. Etliche Personen am Gleis und im Zug mussten die Tat mit ansehen. Für sie sind Seelsorger am Bahnhof unterwegs. 15 Personen mussten betreut werden. Innenminister Horst Seehofer hat seine Ferien abgebrochen, um sich mit Sicherheitsbehörden zu treffen. Die Mordkommission hat den Fall übernommen. Wie lange die Sperrung der Gleise andauert, ist noch unklar.

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Nach der Tötung eines Kindes am Frankfurter Hauptbahnhof mutmasslich durch den aus der Schweiz eingereisten Habte A. (40) will der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) wieder Kontrollen an der Grenze zwischen beiden Ländern einführen.

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«Ich werde alles in die Wege leiten, um intelligente Kontrollen an der Grenze vorzunehmen», sagte er dem «Spiegel» laut Vorabmeldung vom Freitag. Bis September werde er dazu ein Konzept vorlegen.

Schleierfahndung und befristete Kontrollen

Seehofer sagte dem «Spiegel», im vergangenen Jahr seien 43'000 unerlaubte Einreisen nach Deutschland registriert worden. «Diesem Umstand müssen wir begegnen, durch eine erweiterte Schleierfahndung und anlassbezogene, zeitlich befristete Kontrollen auch unmittelbar an der Grenze – auch an der Grenze zur Schweiz.»

Sowohl Deutschland als auch die Schweiz gehören zum Schengenraum. Innerhalb dieses Gebiets gibt es beim Grenzübertritt in der Regel keine Personenkontrollen.

Sicherheit kostet viel Geld

Seehofer bekräftigte im Gespräch mit dem «Spiegel» auch sein Vorhaben, die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen erhöhen. Dabei sollten etwa Schleusen oder Sperren an Bahnsteigen diskutiert werden. Im September werde es hierzu ein Treffen mit dem deutschen Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dem Bahnvorstand sowie Experten für Bahnsicherheit geben, kündigte Seehofer an.

Die Kosten für die Massnahmen könnten seinen Angaben zufolge in die Milliarden gehen: «Über die Jahre werden wir mit einem Millionenbetrag nicht auskommen», sagte er.

Kritik an Fahndungspraxis

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) forderte mit Verweis auf das Frankfurter Tötungsdelikt, die Fahndungspraxis der Schengenstaaten auf europäischer Ebene zu verbessern und europäische Polizeidatenbanken weiter zu vernetzen. «In das Schengener Informationssystem werden mit höchst unterschiedlicher Intensität Daten über gesuchte Verdächtige oder Täter eingegeben», beklagte der DPolG-Vorsitzende Rainer Wendt.

Deutschland mache davon «ausgesprochen umfangreich» Gebrauch, andere Länder aber nicht. «Es gäbe schon einen grossen Erkenntnisgewinn, wenn dies einheitlich auf hohem Niveau gemacht würde.»

(vro/sda)