Farm in den Niederlanden

21. Oktober 2019 18:41; Akt: 21.10.2019 18:41 Print

Sekten-Vater schrieb an eigenem Evangelium

Während seine Kinder jahrelang in völliger Isolation lebten, verbrachte Gerrit-Jan Van D. viele Stunden im Internet, um sein eigenes Evangelium zu schreiben.

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So präsentiert sich Gerrit-Jan van D. auf Facebook. (21. Oktober 2019) Van D. lebte mit seinen sechs Kindern isoliert auf einem Hof in den Niederlanden. Regelmässig vor Ort war auch der Oberösterreicher Josef B. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg in Ruinerwold über einen kleinen Kanal zum Anwesen. Der 58-jährige gebürtige Wiener Josef B. arbeitete ausserdem in einer Werkstatt in Meppel. Er soll im Fall eine Rolle spielen. Jahre zuvor hatten B. und der Vater der Kinder, Gerrit-Jan van D., in der Ortschaft Hasselt nebeneinander gewohnt. Der einzige offizielle Mieter der abgelegenen Farm von Ruinerwold ist Josef B., bei den Nachbarn lediglich bekannt als «Josef, der Österreicher». Der Zugang wurde von der Polizei abgesperrt, nachdem bekannt geworden war, dass die Familie neun Jahre lang isoliert auf dem Bauernhof gelebt hatte. Polizisten bewachen das Grundstück. Auch sie stehen vor einem Rätsel. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet. Der Hof befindet sich im Ort Ruinerwold, der zur Gemeinde De Wolden gehört. In welchem Verhältnis Josef B. zur Familie stand, die auf dem Hof lebte, ist noch nicht ganz klar. Josef B. verweigerte die Kooperation mit der Polizei. Er wurde deshalb festgenommen. Am Donnerstag, 17. Oktober 2019, wurde er einem Haftrichter vorgeführt. Seither sitzt B. in U-Haft. Auch Gerrit-Jan van D. sitzt in U-Haft, weil die Behörden vermuten, dass er seine Kinder gegen ihren Willen im isolierten Haus festgehalten hat. Der 25-jährige Sohn Jan ist am Sonntag, 13. Oktober 2019, in einer Beiz im niederländischen Drenthe aufgetaucht. Der junge Mann ist das älteste der sechs Kinder, die mit ihrem Vater Gerrit Van D. neun Jahre lang auf dem Hof lebten. Auf Social Media postete er seit einiger Zeit immer wieder Fotos und Beiträge. In den Tagen bevor der Fall bekannt wurde waren es vor allem Bilder aus seinem Ort. Hier etwa die reformierte Kirche. Vater Gerrit Van D. soll früher in der Moon-Sekte gewesen sein. Die Familie sei davon überzeugt gewesen, dass Tageslicht schädlich sei. Der Bauernhof liegt abgelegen, umschlossen von Bäumen. Der Fall kam ans Licht, nachdem Jan die Flucht gelungen war. Der 25-Jährige lief in eine Bar in der Ortschaft Drenthe und erzählte dem Besitzer, dass er neun Jahre lang nicht draussen gewesen sei. «Er hatte langes Haar, einen schmutzigen Bart, trug alte Kleider und sah verwirrt aus. Er sagte, dass er weggelaufen sei und Hilfe brauche», erzählte der Wirt (Bild) lokalen Medien. Als die alarmierte Polizei die Farm stürmte, entdeckte sie eine Treppe zum Keller hinter einem Schrank im Wohnzimmer. Fenster und Türen sollen nach Angaben eines Zeugen komplett vernagelt gewesen sein. Nach Angaben der Behörden sind alle Kinder volljährig. Die Familie hatte keinen Kontakt zur Aussenwelt. Sie soll auf das «Ende der Zeit» gewartet haben. Noch ist nicht bekannt, wo sich die Mutter befindet. Die Ermittler vermuten, dass sie auf dem Gelände begraben ist.

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Im Fall um die niederländische Familie, die jahrelang isoliert auf einem Bauernhof in Ruinerwold gelebt haben soll, kommen immer mehr Details ans Licht. Am Montag musste der angebliche Vater der Kinder, Gerrit-Jan Van D., (67) vor Gericht.

Wie die niederländische Zeitung «AD» jetzt berichtet, soll Van D. Tausende Stunden im Internet verbracht haben und auf seiner selbstgemachten Wikipedia-Seite eine Art Evangelium geschrieben haben, in dem er aufzeigte, wie die Menschheit das Böse am besten bekämpfen könnte.

2016 eine Gehirnblutung

Er schrieb laut «AD» auf Facebook zudem unter dem Pseudonym John Eagles, das sich auf den Apostel Johannes und den Adler als Symbol der römischen Legion und der militärischen Macht zu beziehen scheint.

Aus seinen unzähligen Berichten auf «Eagle Rock Wiki» wird deutlich, dass Van D., der 2016 eine Gehirnblutung erlitten hatte, offenbar an ausserirdische Kräfte geglaubt hat und eine Kommune gründen wollte. Auch schreibt er über einen unsichtbaren Krieg zwischen guten und bösen Geistern, den er angeblich selbst beobachten konnte.

Doch nicht alle Einträge von John Eagles verfolgten ein höheres Ziel. Neben vielen Katzenfotos, praktischen Tai-Chi-Anleitungen und Salatrezepten postet Van D. auch Tipps, wie man einen Gemüsegarten anlegt und beispielsweise guten Kompost macht.

Kein Wort zu den Kindern

Seine sechs Kinder, die zu dieser Zeit völlig von der Aussenwelt abgeschnitten auf der abgelegenen Farm in Ruinerwold lebten, erwähnt er jedoch mit keinem einzigen Wort.

Trotz seiner Unmenge an Botschaften interessierten sich offenbar nur wenige Menschen für seine Überzeugungen. Sein Facebook-Profil weist keine Freundschaften aus.

Einige der Artikel wurden jedoch von einem Co-Autor namens Joseph Greenwood verfasst. Der Name deutet auf den zweiten Verdächtigen in dem Fall hin, den Oberösterreicher Josef B. (58).

B., der Mieter des Hofs, ist ebenfalls ins Visier der Ermittler genommen worden. Der 58-Jährige befindet sich weiterhin in Haft und wird wie Gerrit-Jan van D. der Freiheitsberaubung, Geldwäsche und Misshandlung verdächtigt. Die beiden Männer sollen einander bei der Moon-Sekte kennengelernt haben.

(jd)