Flüchtlingsdrama

18. Juli 2018 15:37; Akt: 19.07.2018 13:36 Print

Sie klammerte sich 48 Stunden an ein Stück Holz

Weil sie sich weigern, nach Libyen zurückgebracht zu werden, lässt die Küstenwache zwei Frauen und ein Kind auf einem Wrack zurück. Nur eine Frau überlebt.

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Josepha (40) steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Zwei Tage lang klammerte sich die Frau aus Kamerun an ein Holzstück des zerstörten Bootes, mit dem sie von Libyen nach Europa übersetzen wollte. Zwei Tage harrte sie aus, neben einer leblosen Frau und einem toten Buben.

Die spanische NGO Proactiva Open Arms hat Josepha am Dienstag gerettet. Die Organisation erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen die libysche Küstenwache. Diese habe eine Frau und ein Kind im Alter von drei bis fünf Jahren an Bord eines Fischerbootes sterben lassen, weil sie nicht in ein libysches Schiff einsteigen wollten, twitterte der Chef der Hilfsorganisation, Oscar Camps.

«Die Libyer haben mich verprügelt»

«Die libysche Küstenwache hat davon berichtet, 18 Menschen in einem Boot humanitäre Hilfe geleistet zu haben. Sie hat aber nicht gesagt, dass sie zwei Frauen und ein Kind an Bord des Bootes gelassen und dieses versenkt haben, weil die beiden nicht in das libysche Schiff einsteigen wollten», teilte Camps mit.

«Die Libyer haben mich verprügelt», berichtete Josepha der Journalistin Annalisa Camilli, die mit an Bord des NGO-Bootes war. Sie habe am ganzen Körper Schmerzen, klagte die Gerettete laut RSI News. Josepha wird nach Spanien gebracht, auf dem Weg dorthin, so Camilli, flehte sie immer wieder mit leiser Stimme, sie nicht nach Libyen zurückzubringen.

Auf Twitter zeigte Camps das Foto des Wracks des Bootes mit den schwimmenden Leichen einer Frau und eines Kindes. Die spanische Hilfsorganisation beklagte fehlende Rettungseinsätze in internationalen Gewässern.

«Italiens Häfen werden sie nur auf einer Postkarte sehen»

Laut dem italienischen Innenminister Matteo Salvini befinden sich derzeit zwei Schiffe von Proactiva Open Arms in libyschen Gewässern. «Sie warten auf ihre Menschenladung. Sie sollen Zeit und Geld sparen: Die italienischen Häfen werden sie nur auf einer Postkarte sehen», twitterte der Vizepremier und Chef der rechtspopulistischen Lega.

Derweil wartete am Mittwoch im Mittelmeer bereits seit Tagen das Schiff einer tunesischen Gasgesellschaft mit 40 geretteten Migranten an Bord vor Tunesiens Küste auf Anweisungen zur Landung. Weder Tunesien noch Italien noch Malta seien bereit, den Migranten ihre Tore zu öffnen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa.

Mehrere Tote vor Zypern

Vor der Küste der Türkischen Republik Nordzypern ist nach einem Bericht des Senders CNN Türk am Mittwoch ein kleines Schiff mit Migranten an Bord gesunken. 101 Flüchtlinge seien gerettet worden, 16 Bootsinsassen hätten nur noch tot geborgen werden können. Boote der nordzyprischen Küstenwache sowie Handelsschiffe suchten nach über zwei Dutzend noch vermissten Insassen.

Die italienische Regierung aus der Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung hat privaten NGO-Schiffen im Juni die Einfahrt in Italiens Häfen verboten. Dieses Verbot will Salvini auch auf die Schiffe offizieller internationaler Missionen im Mittelmeer ausweiten, um den Druck auf die anderen EU-Staaten zu erhöhen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Sechs EU-Staaten – Deutschland, Spanien, Portugal, Malta, Frankreich und Irland – hatten sich nach einem Aufruf des italienischen Regierungschefs Giuseppe Conte bereit erklärt, einen Teil der rund 450 am Samstag von der EU-Grenzschutzbehörde geretteten und in Italien gelandeten Flüchtlingen und Migranten aufzunehmen.

(mlr/sda)