Angriff auf Gaza

20. Juli 2014 23:51; Akt: 21.07.2014 11:01 Print

Sie rannten um ihr Leben – barfuss und im Pyjama

Bombendonner, Rauch, Schutt: Nach dem Angriff auf Gaza-Stadt sind Tausende aus ihren Häusern geflüchtet. «Das ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe», sagt ein Arzt.

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Tausende Palästinenser haben in der Nacht zum 20. Juli nach stundenlangem israelischem Bombenfeuer auf den Vorort Sadschaija von Gaza-Stadt ihre Häuser verlassen, um irgendwo Schutz zu finden. Das Pulverfass Sadschaija liegt unweit der israelischen Grenze. Ganze Strassenzüge sahen dort am Sonntag aus, als hätte es ein zerstörerisches Erdbeben gegeben. Bewohner aus Sadschaija erzählen, dass der Beschuss am Samstagabend angefangen hat und immer schlimmer wurde. Die Rettungskräfte konnten wegen des Bombenhagels unmöglich vordringen. Deshalb mussten die Familien ihre müden Kinder tragen und zu Fuss los, um Gaza-Stadt zu erreichen. Tausende Menschen liessen Sadschaija am Sonntagmorgen in Panik hinter sich, eilten vorbei an zerbombten Häusern und verbrannten Leichen auf den Strassen. Mindestens 50 Menschen wurden bei den israelischen Angriffen auf den Vorort allein am Sonntag getötet, 17 Kinder waren darunter. Bombendonner, Rauchschwaden, Schutt - und mittendrin eine alte Frau im Rollstuhl. Die linke Hand verkrampft um einen Stock, daran bläht sich im Wind ein weisser Fetzen als Zeichen der Kapitulation. Auch diese beiden Männer zeigen die weisse Flagge, während sie von ihrem Zuhause fliehen. Unzählige Verletzte schleppten sich ins Schifa-Spital im Zentrum von Gaza-Stadt. Ein verwundetes Mädchen wird ins Spital getragen. Die meisten Verletzten waren von Granatsplittern getroffen worden. Auch eine Frau mit Russ im Gesicht wird, begleitet von zwei Männer, eingeliefert. Rettungswagenfahrer wurden von verzweifelten Bewohnern angebettelt und angeschrien, aber in viele Gebiete kämen sie eben schlichtweg nicht hinein. Menschen, die am Sonntagmittag noch immer in Sadschaija festsassen, beschrieben eine Hölle auf Erden.

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Als die Angst zu gross wurde, sind sie einfach losgerannt, barfuss und noch im Schlafanzug, Hauptsache weg. Tausende Palästinenser haben in der Nacht zum Sonntag nach stundenlangem israelischen Bombenfeuer auf den Vorort von Gaza-Stadt ihre Häuser verlassen, um irgendwo Schutz zu finden.

Das Pulverfass Sadschaija liegt unweit der israelischen Grenze, ganze Strassenzüge sahen dort am Sonntag aus, als hätte es ein zerstörerisches Erdbeben gegeben.

«Der Beschuss hat gestern Abend angefangen, so gegen 21.00 Uhr, und es wurde immer schlimmer und schlimmer», erzählt Ahmed aus Sadschaija. «Überall um uns herum gab es Angriffe, wir hatten kein Licht und kein Wasser, wir wussten nicht, was wir tun sollen.»

Die Familie habe dann die Notdienste gerufen, von diesen aber zu hören bekommen, dass die Rettungskräfte wegen des Bombenhagels unmöglich vordringen könnten. Also schnappte sich Ahmed seine Frau, die Schwägerinnen samt deren müder Kinder und lief los, nach Gaza-Stadt.

Exodus im Morgengrauen

Wie sie liessen tausende Menschen Sadschaija am Sonntagmorgen in Panik hinter sich, eilten vorbei an zerbombten Häusern und verbrannten Leichen auf den Strassen. Mindestens 50 Menschen wurden bei den israelischen Angriffen auf den Vorort allein am Sonntag getötet, 17 Kinder waren darunter.

Bombendonner, Rauchschwaden, Schutt – und mittendrin eine alte Frau im Rollstuhl. Die linke Hand verkrampft um einen Stock, daran blähte sich im Wind ein weisser Fetzen als Zeichen der Kapitulation. Ein junger Mann schob die Greisin am Sonntag durch das Viertel Sadschaija in Gaza-Stadt.

Unzählige Verletzte schleppten sich ins Schifa-Spital im Zentrum von Gaza-Stadt, mit Russ im Gesicht und blutgetränkten Kleidern am Körper. Die meisten waren von Granatsplittern getroffen worden.

«Das ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe»

Der Arzt Said Hassan kümmerte sich am Sonntag um die Ankommenden, teils wurden sie in Autos und Lastwagen zur Klinik gefahren. «Die Rettungswagen kommen einfach nicht überall hin, wer jetzt hier ankommt, wurden schon vor Stunden verletzt», klagte er. «Das ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe», sagte der 38-Jährige, der seit acht Jahren für das palästinensische Gesundheitsministerium arbeitet.

In der Nähe reinigte der Rettungswagenfahrer Alaa nach einem Einsatz sein Fahrzeug mit Desinfektionsmittel. «Wir hatten eine verletzte Schwangere an Bord, und auf dem Weg haben wir noch einen Mann mit seiner Tochter mitgenommen.»

Durchkommen fast unmöglich

Zwischendurch wurde Alaa von verzweifelten Bewohnern angebettelt und angeschrien. «In unserem Haus sind Tote, warum kommen Sie nicht?» Das versuchten sie ja, entgegnete er, aber in viele Gebiete kämen sie eben schlichtweg nicht hinein. Auf ihrem Weg in den Ort wurden die Sanitäter selbst mehrfach beschossen.

Erst am Sonntagmittag gelang es dann einem Konvoi aus 15 Rettungswagen, nach Sadschaija vorzudringen. Die Menschen, die da noch immer in der Stadt festsassen, beschrieben eine Hölle auf Erden: «Das ist einer der schlimmsten Tage meines Lebens», klagte die 23-jährige Marah al-Wadia am Telefon.

«Seit gestern Nacht sitzen wir alle zusammen in einem Raum und warten, dass die Angriffe aufhören, damit wir fliehen können.» Am Samstag sei das Haus der Nachbarn getroffen worden, aber keiner konnte den Schreienden zu Hilfe kommen. «Wir wissen noch immer nicht, was mit ihnen passiert ist.»

(sda/ap)