Studie zu Migranten

01. Februar 2016 11:18; Akt: 01.02.2016 11:18 Print

Sind 44 Prozent der Muslime in Europa radikal?

Ein grosser Anteil muslimischer Migranten stimmt gemäss einer Studie fundamentalistischen Aussagen zu. Ein Schweizer Bericht kommt zu anderen Ergebnissen.

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Gläubige in einer Berliner Moschee: Laut der WZB-Studie gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und dem Grad der Religiosität. (Archivbild) (Bild: Keystone/Franka Bruns)

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Das Ergebnis einer Studie zur Einstellung muslimischer Migranten in Europa sorgt für Aufsehen: Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) wollen herausgefunden haben, dass diese weit häufiger zu fundamentalistischen Ansichten tendieren als ansässige Christen.

Im Rahmen der «Six Country Immigrant Integration Comparative Survey» befragten die Wissenschaftler knapp 6000 Muslime mit marokkanischem oder türkischem Migrationshintergrund, die in Frankreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Schweden oder Österreich leben. Das Resultat: 44 Prozent der Befragten zeigten eine fundamentalistische Haltung. Bei einer Vergleichsgruppe von 2500 in den Ländern beheimateten Christen waren es dagegen nur vier Prozent.

Damit sei widerlegt, dass nur wenige Muslime im Westen fundamentalistisch seien, betont der Studienleiter Ruud Koopmans gemäss der «NZZ am Sonntag».

Kritik: Muslime gegen Christen ausgespielt

Laut der Studie stimmten 60 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten. 75 Prozent bejahten den Standpunkt, dass es nur eine Interpretation des Korans gebe und dass alle Muslime sich an diese zu halten hätten. Drittens hielten 65 Prozent der Studienteilnehmer die Regeln des Korans für wichtiger als staatliche Gesetze. Wer allen drei Aussagen zustimmte, legte gemäss der Untersuchungsdefinition eine fundamentalistische Haltung an den Tag. Das traf auf 44 Prozent der Befragten zu.

Von den befragten Christen stimmten diesen Aussagen, die auf das Christentum und die Bibel bezogen waren, zwischen 13 und 21 Prozent zu. Alle drei Statements bejahten nur vier Prozent der christlichen Teilnehmer.

Kritik erntet die Studie von der Schweizer Islamwissenschaftlerin Rifa'at Lenzin. Sie wirft den Forschern Fahrlässigkeit vor. Die Präsidentin der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft «Iras Cotis» stört sich daran, dass muslimische Migranten gegen ansässige Christen ausgespielt würden. Zudem hält sie die der Studie zugrundegelegte Definition von Fundamentalismus für unsachgemäss. «Hätte man präzis gefragt, ob Muslime die Scharia einführen wollten, wäre die Zustimmung wohl weit tiefer ausgefallen», vermutet Lenzin gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Studienleiter Koopmans gibt zu, dass bei veränderten Aussagen auch andere Zahlen zustande gekommen wären. Es ändere sich aber nichts am Hauptbefund, dass fundamentalistische Haltungen unter muslimischen Migranten weit verbreitet seien. Zudem ist Koopmans nicht der Ansicht, dass Muslime in Europa wenig über ihre Religion wissen. Die Befragung habe gezeigt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und Grad der Religiosität gebe; so bei Muslimen, die regelmässig in die Moschee gehen, die Speiseregeln befolgen oder ein Kopftuch tragen würden.

Bundesrats-Bericht sieht keine Gefahr

Die Studie der Berliner Forscher wurde 2013 veröffentlicht. Im selben Jahr hat auch der Bundesrat einen ausführlichen Bericht zur «Situation der Muslime in der Schweiz» publiziert. Die über 100-seitige Untersuchung kommt zu diametral anderen Ergebnissen: Die Religionszugehörigkeit bilde für viele Muslime nicht das wichtigste Merkmal ihrer Identität, heisst es darin. «Von den zwölf bis fünfzehn Prozent der Muslime in der Schweiz, die den Islam überhaupt praktizieren, tun dies über vier Fünftel pragmatisch und ohne Widerspruch zu den hiesigen gesellschaftlichen Verhältnissen.» Islamisierungstendenzen seien lediglich in «sektiererischen Randgruppen» wie den Salafisten festzustellen.

Laut der Studie stellt die muslimische Gemeinschaft der Schweiz im Vergleich mit den meisten westeuropäischen Staaten einen Sonderfall dar, weil sie mehrheitlich aus dem Westbalkan und der Türkei stammt, und nur zu einem geringen Teil aus dem arabischen Raum. Insbesondere Muslime aus dem Westbalkan lebten den Islam häufig eher im Sinne eines Brauchtums, so die Studienautoren. Die Mehrheit von ihnen sei «säkular eingestellt», lebe als mehr oder weniger nicht-religiös oder erachte die Glaubenspraxis als Privatsache, heisst es im Bericht.

(mlr/jbu)