Morde in Marokko

11. Januar 2019 21:22; Akt: 12.01.2019 01:44 Print

Sind die zwei Schweizer Möchtegern-IS-Mitglieder?

von Ann Guenter - Nach Kevin Z. wurde auch der Genfer Nicholas P. in Marokko festgenommen. Die beiden sollen in die Morde an zwei Skandinavierinnen verwickelt sein.

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Mögliches Anschlagsziel: Gebäude des Bundesamts für Polizei in Bern. Der Genfer Kevin Z. wurde am 29. Dezember 2018 in Marrakesch festgenommen. Jetzt wurde auch in zweiter Genfer, Nicholas P., in Marokko festgenommen. Die beiden sollen ... ... in engem Kontakt mit einer Gruppe haben, die in den brutalen Doppelmord an zwei Touristinnen aus Skandinavien verwickelt ist. Im Bild: Die drei Hauptverdächtigen, die die Dänin (24) und die Norwegerin (28) geköpft haben sollen. Sie sollen Verbindungen zu den Mördern der beiden jungen Frauen gehabt haben. Inzwischen wurden 20 Personen wegen mutmasslichen Verbindungen zu dem Doppelmord festgenommen (im Bild: ein unidentifizierter Verdächtiger). Die mutmasslichen Haupttäter hatten nach Angaben der Staatsanwaltschaft der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Treue geschworen (im Bild: ein weiterer unidentifizierter Verdächtiger). Ein von ihnen aufgenommenes Video der Tat wurde bislang jedoch nicht von den IS-Propaganda-Kanälen aufgenommen. Der IS bekannte sich auch nie zu dem Doppelmord, den die Täter nach eigenen Angaben in seinem Namen ausführten (im Bild: ein weiterer unidentifizierter Verdächtiger). Louisa Vesterager Jespersen (24) und ... ... ihre Freundin Maren Ueland (28) wurden am 17. Dezember 2018 in Marokko getötet. Die beiden Studentinnen stammten aus Norwegen und Dänemark. Sie waren für Wanderferien nach Marokko gereist. Die Mutter von Louisa Vesterager Jespersens Studienfreundin Maren Ueland (Bild) versicherte, dass die beiden Frauen sehr auf Sicherheit gesetzt hätten. Die Leichen der beiden Touristinnen sind nahe des Berges Toubkal gefunden worden. (Bild: Google Maps) Die Leichen wurden zehn Kilometer vom nächsten Dorf entfernt gefunden. Die Tat löste in Marokko und auch in den Heimatstaaten der beiden jungen Frauen Entsetzen und Trauer aus.

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Sie sollen engen Kontakt zu den Marokkanern haben, die im Dezember im Namen des «Islamischen Staates» (IS) zwei Skandinavierinnen töteten. Kevin Z.* und Nicholas P. sind beide aus Genf. Beide waren auf dem Radar des Schweizer Nachrichtendienstes, aber auch andere Dienste hatten sie einem Schweizer Jihadisten-Kenner zufolge im Visier – mutmasslich der marokkanische, angesichts ihrer Doppelbürgerschaft möglicherweise auch der spanische und britische Geheimdienst.

Die marokkanische Polizei geht zwar nicht davon aus, dass die beiden Genfer mit dem Doppelmord an den Frauen direkt zu tun hatten. Ihr zufolge soll aber zumindest Kevin Z. die Marrokaner in der Bedienung des Messengerdienstes Telegram und im Hochladen von Videos angeleitet haben. Desweiteren wirft sie ihm vor, an Waffen trainiert und Anschlagspläne gegen marokkanische Sicherheitskräfte und Touristen geplant zu haben.

Allzu ausgeklügelt oder gar aus Syrien orchestriert dürften diese Pläne nicht gewesen sein. Tatsächlich weist einiges darauf hin, dass die zwei Genfer eher einer Gruppe von Möchtegern-IS-Mitgliedern angehörten.

«Die beiden Schweizer sind jedenfalls nie zu sehen»

So bezweifelt unser Jihadismus-Kenner, dass die beiden Genfer echte IS-Mitglieder waren: «Auf Videos, auf denen vier Marokkaner den Treueschwur auf den IS ablegen, sind die beiden Schweizer jedenfalls nie zu sehen.»

Möchtegern IS-Mitglieder – das scheint auch auf die vier tatverdächtigen Marokkaner zuzutreffen: Die Propagandisten des IS scheinen sie ignoriert zu haben, weswegen diese gleich drei Schwur-Videos anfertigten. Üblicherweise werden solche «pledge of alligance»-Videos vom IS heruntergeladen, mit dem berüchtigten Logo versehen und auf den offiziellen Kanälen wieder hochgeladen. Die Videos der Marokkaner fanden jedoch alleine unter IS-Sympathisanten etwas Verbreitung.

IS ignoriert das Enthauptungsvideo

Dasselbe gilt im Übrigen auch für das Enthauptungsvideo, das die Marokkaner ins Netz luden: Bis heute bekannte sich der IS nicht zu dem Doppelmord an den beiden Touristinnen oder lobte dafür seine «Soldaten». Die offiziellen IS-Propagandakanäle wie Amaq oder Dabiq schweigen über die Tat vom 16./17. Dezember. Eine Woche zuvor, am 11. Dezember, hatten sie noch den tödlichen Anschlag von Strassburg bejubelt.

«Man scheint sich bewusst gegen eine Veröffentlichung des Videos auf den eigenen Kanälen entschieden zu haben», meint unser Kenner. «Es mag hart und zynisch klingen. Aber die Aufnahmen waren grauenhaft und auch grauenhaft amateurhaft gemacht – das pure Gegenteil der inszenierten Hinrichtungen der Terroristen. Ich vermute, dass dieses Video keine gute Publicity für den IS gewesen wäre und deswegen bewusst ignoriert wurde.»

Wahnvorstellungen und IV-Rente

Nun wurde bekannt, dass die marokkanische Polizei den britisch-schweizerischen Doppelbürger Nicholas P. im Zusammenhang mit den Morden an den skandinavischen Frauen festnahm. Allzu viel ist über ihn noch nicht bekannt.

Mehr weiss man über seinen Kollegen, den schweizerisch-spanischen Doppelbürger Kevin Z., der am 29. Dezember 2018 in Marrakesch festgenommen worden war: Er litt nach Aussagen von seiner Mutter und Freunden unter psychischen Problemen wie Wahnvorstellungen und erhielt in der Schweiz eine IV-Rente.

Zum Tatzeitpunkt in Genf

Nach dem Tod seines Vaters konvertierte er zum Islam. Gemäss der «Tribune de Genéve» radikalisierte er sich im Laufe der Zeit in der umstrittenen, von Saudiarabien finanzierten Moschee Petit-Saconnex.

Den Schweizer Polizeibehörden ist Z. seit Jahren als Kleinkrimineller bekannt: Drogendelikte, Diebstahl, Einbruch, Sachbeschädigung und häusliche Gewalt. Auf seinem Facebook-Account gibt er sich als Ultra des Fussballklubs Servette zu erkennen. Etliche Fotos zeigen ihn, wie er mit Kollegen Joints raucht. Seit 2015 lebte er in Marokko, wo er heiratete.

Gemäss der spanischen Tageszeitung El Mundo hielt sich Z. zum Zeitpunkt des Doppelmordes nicht in Marokko, sondern in Genf auf. Erst zwei Tage nach der Tat, am 19. Dezember, seien ihr Sohn und seine Familie zurückgekehrt, zitiert die Zeitung die Mutter von Z.

* Name der Redaktion bekannt