Sekten-Hof in Holland

18. Oktober 2019 19:07; Akt: 18.10.2019 19:24 Print

So hielt Josef B. sein Doppelleben geheim

Kein Bier in der Kneipe, kein Kontakt zu den Nachbarn: Josef B. führte ein abgegrenztes Leben an einem Ort, an dem sich die Menschen ohnehin in Ruhe lassen.

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So präsentiert sich Gerrit-Jan van D. auf Facebook. (21. Oktober 2019) Van D. lebte mit seinen sechs Kindern isoliert auf einem Hof in den Niederlanden. Regelmässig vor Ort war auch der Oberösterreicher Josef B. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg in Ruinerwold über einen kleinen Kanal zum Anwesen. Der 58-jährige gebürtige Wiener Josef B. arbeitete ausserdem in einer Werkstatt in Meppel. Er soll im Fall eine Rolle spielen. Jahre zuvor hatten B. und der Vater der Kinder, Gerrit-Jan van D., in der Ortschaft Hasselt nebeneinander gewohnt. Der einzige offizielle Mieter der abgelegenen Farm von Ruinerwold ist Josef B., bei den Nachbarn lediglich bekannt als «Josef, der Österreicher». Der Zugang wurde von der Polizei abgesperrt, nachdem bekannt geworden war, dass die Familie neun Jahre lang isoliert auf dem Bauernhof gelebt hatte. Polizisten bewachen das Grundstück. Auch sie stehen vor einem Rätsel. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet. Der Hof befindet sich im Ort Ruinerwold, der zur Gemeinde De Wolden gehört. In welchem Verhältnis Josef B. zur Familie stand, die auf dem Hof lebte, ist noch nicht ganz klar. Josef B. verweigerte die Kooperation mit der Polizei. Er wurde deshalb festgenommen. Am Donnerstag, 17. Oktober 2019, wurde er einem Haftrichter vorgeführt. Seither sitzt B. in U-Haft. Auch Gerrit-Jan van D. sitzt in U-Haft, weil die Behörden vermuten, dass er seine Kinder gegen ihren Willen im isolierten Haus festgehalten hat. Der 25-jährige Sohn Jan ist am Sonntag, 13. Oktober 2019, in einer Beiz im niederländischen Drenthe aufgetaucht. Der junge Mann ist das älteste der sechs Kinder, die mit ihrem Vater Gerrit Van D. neun Jahre lang auf dem Hof lebten. Auf Social Media postete er seit einiger Zeit immer wieder Fotos und Beiträge. In den Tagen bevor der Fall bekannt wurde waren es vor allem Bilder aus seinem Ort. Hier etwa die reformierte Kirche. Vater Gerrit Van D. soll früher in der Moon-Sekte gewesen sein. Die Familie sei davon überzeugt gewesen, dass Tageslicht schädlich sei. Der Bauernhof liegt abgelegen, umschlossen von Bäumen. Der Fall kam ans Licht, nachdem Jan die Flucht gelungen war. Der 25-Jährige lief in eine Bar in der Ortschaft Drenthe und erzählte dem Besitzer, dass er neun Jahre lang nicht draussen gewesen sei. «Er hatte langes Haar, einen schmutzigen Bart, trug alte Kleider und sah verwirrt aus. Er sagte, dass er weggelaufen sei und Hilfe brauche», erzählte der Wirt (Bild) lokalen Medien. Als die alarmierte Polizei die Farm stürmte, entdeckte sie eine Treppe zum Keller hinter einem Schrank im Wohnzimmer. Fenster und Türen sollen nach Angaben eines Zeugen komplett vernagelt gewesen sein. Nach Angaben der Behörden sind alle Kinder volljährig. Die Familie hatte keinen Kontakt zur Aussenwelt. Sie soll auf das «Ende der Zeit» gewartet haben. Noch ist nicht bekannt, wo sich die Mutter befindet. Die Ermittler vermuten, dass sie auf dem Gelände begraben ist.

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Im rätselhaften Fall der isolierten Familie auf einem Bauernhof im Nordosten der Niederlande richten sich die Ermittlungen gegen zwei Männer: Josef B. (58), der österreichische Mieter des Hofes, und Gerrit-Jan van D. (67), der Vater der sechs festgehaltenen Kinder.

Das idyllische Leben in der Provinz Drenthe

Das Drama um die Familie ereignete sich weit weg vom bunten, lauten Leben in Amsterdam. Die Menschen wohnen in Häusern mit Klinkerfassaden, niemand hat Vorhänge. Man lässt sich hier gegenseitig in Ruhe. Freundlich, aber distanziert. Alles ist modern: In den Einfahrten stehen blitzsaubere Volvo und Audi, in den Höfen neue, grosse Traktoren.

Die Welt von Josef, dem Österreicher, liegt nur wenige Kilometer ausserhalb der Hauptstrasse von Ruinerwold, und doch Welten entfernt. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg über einen kleinen Kanal. Privatgrund. Kurz über einen Feldweg auf eine Wiese vor dem Bauernhof mit der Hausnummer 14. Die Nachbarn sind ausser Hörweite, ein kleines Wäldchen schützt vor neugierigen Blicken. Auf dem Gehöft hausten Josef B. und sechs weitere Personen: fünf Kinder und ihr kränklicher Vater Gerrit-Jan van D.

Wie Sektenguru Josef B. sich unbemerkt machte

Über Jahre lebte man von dem, was der Gemüsegarten, eine Ziege und das Geflügel hergaben. Einkäufe erledigt Josef B. mit seinem alten Volvo, mit dem er auch zu seiner kleinen Holzwarenwerkstatt im nahen Meppel fährt. Der Mann selbst passt so gar nicht ins moderne Holland des 21. Jahrhunderts. Sein Niederländisch ist auch nach vielen Jahren im Land alles andere als perfekt.

Er geht den Leuten aus dem Weg. Kein Bier in der Kneipe, kein Pläuschchen mit der Supermarktkassiererin. Josef B. suchte und fand die Isolation. Niemand fragte, was Josef B. auf dem grossen Grundstück eigentlich machte. Vielleicht auch, weil Miete und Autoversicherung stets pünktlich bezahlt wurden.

Wie sie sich finanzierten

Ein grosser Teil der Einkünfte der Familie kam wohl von Spenden, denn die mehr oder weniger freiwillige Zurückgezogenheit der Familie hatte ihren Ursprung offenbar in der Religion. Josef B. und Gerrit-Jan van D. waren Mitglieder der südkoreanischen Moon-Sekte beziehungsweise deren Abspaltungen, in den Niederlanden als Vereinigungskirche bekannt. So dürften sie auch in Kontakt miteinander gekommen sein. Laut der niederländischen Tageszeitung «AD» war Gerrit-Jan van D. mehr als 20 Jahre verschwunden, nachdem er der Moon-Sekte beigetreten war. Bekannte aus Ruinerwold meinten, Gerrit-Jan sei nach seiner Abreise nach Südkorea nicht mehr am Leben.

Wie «De Telegraaf» berichtet, hat die Polizei im Bauernhof von Josef B. einen unbekannten Geldbetrag gefunden. «Es handelt sich dabei nicht nur um ein paar Zehner, deshalb untersuchen wir, woher das Geld kommt», sagt die Polizeisprecherin. Der Verdacht der Geldwäsche für die Moon-Sekte steht im Raum.

Die Erziehung der Kinder

Sekten und strenggläubige Gemeinschaften sind in der Region Drenthe nicht selten. Auf Kindererziehung wird dabei grosser Wert gelegt. Nachbarn in Hasselt, wo Josef B. und Gerrit-Jan van D. einst Tür an Tür wohnten, erzählen von aussergewöhnlicher Höflichkeit der Kinder. So etwa Carina P.: «Der Vater sah zwar aus wie eine Jesusfigur, mit Bart und abgemagert, doch es gab nie Ärger. Sie hatten einen Hund, den sie nicht einmal an fremde Gartenzäune pinkeln liessen. Meistens ist ein etwa zehnjähriger Bub mit dem Hund gegangen, der sehr zuvorkommend war. Die Kinder waren ruhig, Geschrei gab es nie.»

Die Familie lebte zuletzt in Ruinerwold. Die Kinder waren älter geworden, der Kontakt zur Aussenwelt weniger. Die Sprache der jüngsten soll eine Art Fantasie-Holländisch gewesen sein. Ein Singsang aus Gebeten und Alltagsbegriffen.

Bis auf den Ausreisser, der die Entdeckung des Bauernhof-Dramas am Sonntag nach ein paar Bieren in einem Dorfgasthaus in Ruinerwold ins Rollen brachte, scheinen die übrigen Familienmitglieder gar nicht in Kontakt mit der Umwelt gestanden zu haben. In ihrem neuen Zuhause, einem sicheren Ort, an den sie die Polizei gebracht hat, gehen sie weiter ihren religiösen Gebräuchen nach. Wohl auch, weil sie es nicht anders kennen.

Isoliert, aber auf Social Media

Der 25-jährige Sohn, der mit seinem Ausflug in die Dorfbar den Fall ins Rollen gebracht hat, behauptet, er sei seit neun Jahren nicht mehr aus dem Haus gegangen. Doch kurz danach fanden Ermittler seine Social-Media-Accounts. Sie widersprechen seiner Story. Fotos zeigen ihn beim Yoga, im Kaffeehaus und bei einer Klimademo. Unter anderem schreibt Jan, dass er seit Juni Webmanager bei einer Kreativagentur in Meppel sei.

Das Versagen der Behörden

Gerrit-Jan van D. (67) soll mit einer Österreicherin verheiratet gewesen sein. Das Paar soll insgesamt neun Kinder gehabt haben. Sechs wohnten mit dem Vater auf dem Bauernhof in Ruinerwold, die anderen drei seien bereits vor zwanzig Jahren weggezogen sein. Die Mutter der Kinder soll 2004 an Krebs gestorben sein. Niemand weiss, wo die Leiche der Frau begraben ist. Laut «Krone» gibt es nicht einmal einen Totenschein.

(kle)