Dauerkrise

17. August 2015 14:15; Akt: 17.08.2015 15:10 Print

Sogar die Mafia flieht vor Süditaliens Armut

«Alle fliehen, sogar die Mafia», klagt der 35-jährige Autor R. Saviano in einem offenen Brief an den Regierungschef Matteo Renzi. Italien müsse handeln.

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Autor Roberto Saviano bittet dringend um Hilfe für Italiens Süden: Armut und Perspektivlosigkeit reissen einen Graben in Italien. (Bild: Keystone/Matteo Bazzi)

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Rom geringes Wirtschaftswachstum, hohe Arbeitslosigkeit, kaum Infrastruktur und überall Korruption: Italiens Süden kämpft mit einer Reihe Probleme.

Und auch der Graben zwischen Nord und Süd wird immer grösser, wie eine Studie des Wirtschaftsinstitutes Svimez vor einigen Wochen zeigte.

Demnach ist das Wachstum im sogenannten Mezzogiorno – dem Süden Italiens – sogar noch geringer als in Griechenland. Seitdem geht ein Aufschrei durch das Land, Politiker und Bürger diskutieren, wie man den Regionen südlich von Rom wieder auf die Beine helfen kann.

«Der Süden stirbt», so lautete der dramatische Notruf des in Neapel geborenen Autors Roberto Saviano. «Alle fliehen, sogar die Mafia», klagte der 35-Jährige in einem offenen Brief an Regierungschef Matteo Renzi und forderte: «Sie haben die Pflicht einzugreifen.»

Renzi konterte, der Süden solle aufhören, sich selbst zu bemitleiden. «Schluss mit dem Gejammer: Krempeln wir die Ärmel hoch», forderte er.

Marshall-Plan gefordert

Dennoch hat die Politik offenbar verstanden, dass sie handeln muss. «Nachdem es 20 Jahre lang keine Strategie für den Mezzogiorno gab, muss man sagen, dass die Frage Süditaliens keine süditalienische Frage ist, sondern eine des gesamten Landes», sagte Verkehrsminister Graziano Delrio. Und auch die Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung, Federica Guidi, versprach einen «Marschall-Plan» und 80 Milliarden Euro für die Infrastruktur in den südlichen Regionen.

Denn die von Svimez veröffentlichten Zahlen schockierten viele Italiener: Demnach liegen die südlichen Regionen weit hinter dem Rest des Landes zurück. Nur um etwa 13 Prozent legte die Wirtschaft im Süden Italiens im Zeitraum von 2000 bis 2014 zu – das ist knapp halb so viel wie in Griechenland.

Auch die wirtschaftlichen Ungleichheiten innerhalb Italiens nehmen zu; sie liegen der Studie zufolge auf dem höchsten Level seit 2000. Während das Pro-Kopf-Einkommen im Süden auf unter 17'000 Euro im Jahr gefallen ist, sind es im Südtirol 37'000 Euro.

Kaum Perspektiven für Junge

Arbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem, unter den jungen Menschen sind etwa 60 Prozent ohne Job. «Wer gut ausgebildet ist, wandert aus», warnte Saviano.

«Viele junge Leute haben Probleme, Arbeit zu finden. Sie helfen als Handwerker oder Kellner aus, aber haben keine festen Jobs», berichtete der 33-jährige Luigi, der in Kalabrien lebt. «Man kann sich keine Zukunft aufbauen, viele überleben nur mit der Unterstützung ihrer Grosseltern.»

Die Forscher von Svimez warnen vor einem «demografischen Tsunami mit unvorhersehbaren Folgen». «Es gibt weniger Geburten, weil es zum Luxus geworden ist, ein Kind zu haben. Zwei zu haben, gilt schon als Wahnsinn», sagte Saviano. «Wer geboren wird, wächst mit der Idee auf, zu flüchten.»

Dabei sind viele junge Menschen gut ausgebildet. «Es gibt viele gute Universitäten im Süden», sagte der Wirtschaftsexperte Felice Spingola. «Viele junge Leute studieren, werden dann nicht gebraucht und verlassen die Region.»

Politiker nur an Machterhalt interessiert

Die Probleme sind an jeder Ecke zu sehen: Marode Strassen, verlassene Fabriken, heruntergekommene Häuser. Industrie gibt es kaum, die Menschen leben vor allem vom Tourismus und von der Landwirtschaft.

Doch das Potenzial wird oft nicht genutzt, auch die wenigen Firmen haben es schwer, zahlen wegen mangelnder Infrastruktur drauf. Hilfsgelder wurden in der Vergangenheit oft gar nicht abgerufen. «Wir müssen die Ressourcen besser nutzen», forderte Finanzminister Pier Carlo Padoan.

Doch dem Süden mangelt es nicht an Geld, die Probleme liegen nach Ansicht von Experten vielmehr in der Politik. «Die politische Klasse ist seit 40 Jahren dort. Viele haben ein primäres Interesse daran, ihre eigene Position zu sichern, anstatt die Weiterentwicklung der Region voranzutreiben», kritisierte Spingola.

Mario Caligiuri, der an der Universität Kalabrien zu den Problemen Süditaliens forscht, sagte: «Ein grosses Problem ist, dass es die Vertreter des Südens nicht schaffen, die Interessen der Regionen im Parlament zu vertreten. Das ist sehr einfach, aber auch sehr wahr.»

(BRN/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lernender am 17.08.2015 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    Problem

    Das Problem für die Jugendliche in Italien ist sehr gross, fast keiner findet eine Arbeitsstelle nicht mal Studierte! Da muss sich auf jeden Fall was ändern. Obwohl ich Italiener bin, bin ich froh in der Schweiz zu leben und eine saubere und gute Lehre zu machen.

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  • HelvetiasDream am 17.08.2015 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Italien nächster Kandidat

    Der nächste Kandidat für EU Rettungsgelder? Die nächsten 10 Jahre werden wohl herrlich für alle in Europa. Wie Menschen noch immer in die EU wollen ist nicht mit normalem Menschenverstand zu begreifen. Ich werde 100% gegen die Rahmenabkommen stimmen. Es muss andere Lösungen geben anstatt sich der EU zu unterordnen. Ich habe noch nie für die SVP gestimmt, bin es mir aber am überlegen. Nein zum schleichenden EU Beitritt.

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  • Georgios Populos am 17.08.2015 15:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Norden ist gefragt

    Da ich gerade in Griechenland in den Ferien war, und ein ganz wenig von den Umstaenden dort mitbekommen habe macht es mich umso nachdenklicher von Sueditalien zu lesen, sie erzielten nur die Haelfte der griechischen Wirtschsftskraft. Schlimmer gehts nimmer!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • mafu am 18.08.2015 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lernen von der CH

    Als hier aufgewachsener Italoschweizer, stammend aus Kalabrien kann man nur folgendes sagen: Italien hätte aufgrund geographischer Lage und der starken Nordindustrie problemlos das Potenzial - eine führende Wirtschaftsnation in Europa zu werden. Folgende Schritte wären als erstes nötig: - Verhaftung und Berufsverbot für die aktuelle politische "Elite". - Abschaffung der Gewerkschaften mit Streikverbot. - Lieberalisierung des Arbeitsmarktes (Vorbild Schweiz) - Todesstrafe für Mafiamachenschaften - Justizreform ohne Imunität für Politiker. Ein Italien nach schweizer Modell, dass wäre mein Traum !!

    • Globalisierungskritiker am 18.08.2015 15:32 Report Diesen Beitrag melden

      Der Süden ist des Nordens Tod!

      Du hast es erfasst. Leider hat die EU noch nicht begriffen, dass sie als 27. Kanton der Schweiz beitreten sollte. Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass dann verschiedene Nationaliltäten lernen müssten was es heisst, 42 bis 45 Stunden pro Woche zu arbeiten (Arbeitszeit = /= KEINE Präsenzzeit!). Norditalien ist wirtschaftlich vielfach stärker als die Schweiz; mit dem Süden im Schlepptau geht aber auch der Norden unter. Gleich verhält es sich übrigens mit Europa. Einfach eine Nummer grösser.

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  • S. Chwierig am 18.08.2015 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Alfasud

    Alfa versuchte Ende der siebziger in Neapel Autos zu produzieren.. in den 12 Jahren der Produktion gab es hunderte von Streiks.. so viele, dass die Autos z.T. unfertig auf dem Hof rosteten.. Ergebnis: Produktion eingestellt. Nach solchen Erlebnissen wundert es nicht, dass die Unternehmen den Süden mieden..

    • Marcel Hospel am 18.08.2015 15:34 Report Diesen Beitrag melden

      Es gibt da gewisse Parallelen

      Richtig. Die Firma Alfa Romeo musste vom Staat gerettet werden (wie die UBS in der Schweiz) und ist heute ein Teil der Fabbrica Italiana Automobili Torino (FIAT).

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  • Bob B am 18.08.2015 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    zwei Seiten

    Ich erinnere mich an das Erdbeben in Süditalien. Die erste Hilfslieferung wurde live im Fernsehen übertragen. Der erste Lastwagen traf ein, es sassen ein paar Männer auf einer Mauer und warteten. Als der Chauffeur um Hilfe beim Ausladen bat, sagten sie: "Nein, wir können nicht helfen, wir sind Erdbebenopfer". Wenn die Mentalität heute noch die gleiche ist, wird's nie aufwärts gehen, mit dem Süden..

  • Danke Politiker am 18.08.2015 08:03 Report Diesen Beitrag melden

    Ja wir Helvetier

    wissen es. Sie fliehen zu uns. Unsere Kinder werden leider viel zu tun haben. Wenn wir uns heute wehren, werden wir "versorgt"

  • Sonusfaber am 18.08.2015 07:27 Report Diesen Beitrag melden

    Das grösste Übel ...

    ... ist die Korruption, sprich Menschen, die von der Arbeit ihrer Mitmenschen leben wollen. Schliesslich will niemand mehr arbeiten, weil man eh den Gewinnen den Schmarotzen abliefern muss. Nun - wer sind die grössten Parasiten Italiens? Einerseits die Mafia, andererseits die katholische Kirche, die seit beinahe hundert Jahren (Mussolini sei Dank) keine Steuern mehr abliefern muss, dafür Jahr für Jahr von Staatsgeldern fürstlich lebt. Mafia und Kirche haben das schöne Italien in den Ruin getrieben.

    • Ano am 18.08.2015 08:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ich ergänze nur

      Und die Politiker mit Löhnen die jenseits aller Realität ist. Ansonsten haben Sie auf ganzer Linie recht.

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