Katar 2022

08. Dezember 2010 13:33; Akt: 08.12.2010 13:49 Print

Stell dir vor, es ist WM und keiner trinkt Bier

von Kian Ramezani - Europäischen Fans graut vor einer «trockenen» WM in Katar. Vor Ort befürchtet man eine Invasion betrunkener Hooligans. Werden Ost und West zusammenfinden?

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Englische Fans an der WM 2006 in Deutschland. Wird derart ausgelassenes Feiern auch 2022 in Katar möglich sein? (Bild: Keystone/Uwe Zucchi)

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Fast zwölf Jahre werden noch vergehen, bevor in Katar das Eröffnungsspiel des FIFA World Cup 2022 angepfiffen wird. Doch die Sorge, ob der kleine Wüstenstaat am Persischen Golf in der Lage sein wird, ein angemessenes Fussballfest auszurichten, ist schon heute gross. Üblicherweise kommen bei Sportanlässen ausserhalb Europas und der USA irgendwann Zweifel auf, ob die Infrastruktur den Ansprüchen genügend wird und rechtzeitig bereit ist.

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Vom finanzstarken Emirat wird allgemein erwartet, diese Herausforderung mustergültig zu meistern. Gegen die Gluthitze haben die Organisatoren Abhilfe in Form von klimatisierten Stadien und Fanzonen versprochen. Auch an den Gedanken, dass die FIFA zur Abwechslung einem Fussballzwerg den Zuschlag erteilt, dürften sich die Fans bis 2022 gewöhnt haben. Was bleibt, ist die Ungewissheit, ob und wo und in welchem Ausmass Alkohol ausgeschenkt wird.

Spezielle Alkoholzonen

Der Genuss von Nieder- und Hochprozentigem unterliegt in Katar strengen Regeln. Alkohol in der Öffentlichkeit zu konsumieren ist nicht nur streng verboten, sondern auch gesellschaftlich verpönt. Die Organisatoren haben angedeutet, spezielle Zonen einzurichten, um den Trinkgewohnheiten der westlichen Fans entgegenzukommen.

Üblicherweise bildet der Alkoholausschank bei Sportanlässen eine wichtige Einnahmequelle – nicht zuletzt auch für die FIFA. An der WM in Südafrika war Budweiser offizieller Sponsor und wird es auch 2014 in Brasilien sein. Angesichts seines Milliardenbudgets für Stadien, die nach der WM wieder abmontiert und verschenkt werden, scheint Katar zumindest finanziell aber nicht auf diese Einnahmen angewiesen zu sein. Auf der anderen Seite ist der Stolz über die erste «arabische» WM enorm gross und der Anspruch klar erkennbar, sich auch den Fans aus den europäischen Fussballhochburgen im besten Licht zu zeigen.

«16 Pints zu trinken, tut niemandem gut»

Vielleicht wird es die europäischen Fans trösten, dass das Thema Alkohol auch die Kataris intensiv beschäftigt. Laut der Tageszeitung «The National» aus Abu Dhabi empfiehlt ein islamisches Kulturzentrum in Katar seinen Bürgern, während der WM eine Reise nach Mekka zu unternehmen, um ausgelassen feiernden Fans auszuweichen. «Der Islam stellt klar, dass wir keinen Alkohol trinken sollten, und es ist zu unserem eigenen Vorteil. 16 Pints zu trinken, tut niemandem gut», wurde der Vorsteher Ijaz Ahmad zitiert.

Dougie Smith, der schottische Rektor einer englischsprachigen Schule in Doha, zeigte sich optimistischer: «Katar ist ein kleines Land mit einem grossen Herz», sagte er. Er erlebt die Kataris als aufgeschlossen, da sie seit langer Zeit mit vielen Gastarbeitern aus aller Welt zusammenleben. Doch auch er hofft, dass sich die Szenen betrunkener Hooligans in Grenzen halten werden.

Mittelweg gesucht

Der Zeitgeist gebietet ohnehin, über Alkohol und Sport grundsätzlich nachzudenken. Im August teilten die brasilianischen Behörden mit, an der WM 2014 in sämtlichen Stadien ein Alkoholverbot zu erlassen. 2022 wird also nicht zur ersten «trockenen» WM werden. Auch die Frage, ob für ein gelungenes Fussballfest zwingend grosse Mengen Alkohol nötig sind, drängt sich auf. Könnte es sein, dass der zuletzt an der WM in Südafrika gezeigte taktische und defensive Fussball nur zugedröhnt einigermassen erträglich ist? Vielleicht wären ansprechende Partien mit vielen Toren berauschender als überteuertes Budweiser aus dem Plastikbecher.

An einer Weltmeisterschaft, die diesen Namen verdient, sollten die Fans aus allen Ecken des Planeten in der Lage sein, sich für vier Wochen auf einen Modus Vivendi zu einigen. Ein absolutes Alkoholverbot in der Öffentlichkeit, wie es derzeit in Katar gilt, wäre zweifellos ein Stimmungskiller. Eine Bierschwemme in den Fanzonen, in die sich die Lokalbevölkerung nicht hineintraut, ebenso. Gefragt ist, einmal mehr, ein vernünftiger Mittelweg.