Griechenland

07. Dezember 2008 19:45; Akt: 07.12.2008 22:52 Print

Strassenschlachten in Athen und Saloniki

Der Tod eines Jugendlichen durch Polizeischüsse hat in Griechenland die schwersten Unruhen seit fast zwei Jahrzehnten ausgelöst. In Athen und Saloniki lieferten sich vermummte Demonstranten und Bereitschaftspolizisten am Samstag und Sonntag schwere Strassenschlachten.

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Nach Polizeiangaben wurden mindestens 24 Beamte verletzt, es gab erheblichen Sachschaden. Innenminister Prokopis Pavlopoulos und sein Stellvertreter boten ihren Rücktritt an, Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis lehnte aber ab.

Hunderte Jugendliche zogen in der Nacht zum Sonntag durch das Geschäftsviertel unweit des Parlamentsgebäudes und setzten Läden und Fahrzeuge in Brand. Auch in der nordgriechischen Metropole Saloniki sowie in Herakleion auf Kreta kam es zu Ausschreitungen. Im Laufe des Sonntags gingen die gewaltsamen Unruhen weiter, sie dauerten auch am Abend an. Jugendliche errichteten an der Polytechnischen Hochschule Barrikaden und zündeten umgestürzte Autos an, Tränengasschwaden lagen in den Strassen. Die griechische Polizei darf seit dem Ende der Militärdiktatur 1974 Universitäten nicht mehr betreten.

Der erschossene 15-Jährige (richtig) gehörte nach Augenzeugenberichten zu einer kleinen Gruppe von vermutlich anarchistischen Jugendlichen, die am Samstagabend gegen 21.00 Uhr einen Streifenwagen in Athen attackierten. Ein Polizist gab daraufhin drei Schüsse ab und traf den Jugendlichen tödlich in die Brust.

Bei den folgenden Ausschreitungen über Nacht wurden im Athener Geschäftsviertel Exarchia mindestens 31 Läden, neun Bankfilialen und 25 Autos niedergebrannt oder anderweitig beschädigt - darunter auch sechs Polizeifahrzeuge, wie die Behörden mitteilten. In der Hauptgeschäftsstrasse Ermou ging ein dreistöckiges Kaufhaus in Flammen auf, auf der Fahrbahn wurden brennende Barrikaden errichtet. Betroffen waren unter anderem die internationalen Bekleidungsketten Benetton und H&M. Doch auch kleine Läden wurden angegriffen, nicht aber die vielen Imbissstuben in der Gegend nahe des zentralen Syntagma-Platzes. Heranrückenden Polizisten wurden mit Steinen beworfen.

Polizei setzt Tränengas ein

Am Sonntagmittag versammelten sich in derselben Gegend mehr als 1.000 Menschen, um in einem Protestmarsch zum Hauptsitz der Athener Polizei zu ziehen. Es kam zu neuen Ausschreitungen, bei denen abermals Brandsätze geworfen wurden. Vermummte Jugendliche der autonomen Szene zertrümmerten Schaufenster und Autoscheiben und setzten auch wieder Barrikaden aus Müllcontainern in Brand. Mehrere Banken und Geschäfte standen in Flammen. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Bei einer ähnlichen Demonstration mit rund 1.200 Teilnehmern in Saloniki kam es ebenfalls zu neuen Ausschreitungen. Nachdem in der Nacht bereits Geschäfte und Banken demoliert worden waren, gab es am Sonntagmorgen Übergriffe auf das Rathaus, eine Polizeiwache und eine weitere Bank.

Innenminister äussert Verständnis

Mehrere Stunden nach den tödlichen Schüssen in Athen gab die Polizei eine Erklärung heraus, wonach ein Streifenwagen von 30 Steine werfenden Jugendlichen angegriffen wurde. Daraufhin hätten die beiden Beamten in dem Auto zur Selbstverteidigung von der Waffe Gebrauch gemacht. Während ein Polizist eine Blendgranate gezündet habe, habe der andere drei Schüsse abgegeben, von denen einer den Minderjährigen getroffen habe.

Pavlopoulos sagte, er verstehe die Wut über den Tod des Jungen «und das Recht, dies zu demonstrieren». Unvorstellbar sei aber «die rohe Gewalt, die sozialen Frieden untergräbt und sich gegen das Eigentum unschuldiger Menschen richtet.»

Die beiden betroffenen Polizisten und ihr örtlicher Bezirkschef wurden vom Dienst suspendiert. Gegen den Schützen wurde der Vorwurf des Totschlags erhoben, sein Kollege der Mittäterschaft beschuldigt.

Es waren die schwersten Unruhen in Athen seit Januar 1991. Damals setzten Anarchisten zwei Kaufhäuser in Brand, in denen vier Menschen ums Leben kamen. Demonstrationen verlaufen in Griechenland oft gewalttätig, es gibt eine anarchistische Bewegung, die bis heute im Widerstand gegen das Obristen-Regime von 1967 bis 1974 verwurzelt ist. Zuletzt kam 1985 ein Jugendlicher durch Polizeischüsse ums Leben. Danach kam es zu wochenlangen Unruhen.

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(sda)