Grossstreik in Frankreich

05. Dezember 2019 04:32; Akt: 06.12.2019 10:06 Print

TGV-Verbindungen von und nach Paris fallen aus

Der Flug- und Zugverkehr wird durch den Generalstreik gegen die französische Rentenreform behindert. Davon betroffen sind auch Genf und Zürich.

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An Weihnachten ist in Frankreich weiter keine Streikpause in Sicht. Ein Appell von Präsident Emmanuel Macron an die Gewerkschaften verhallte ungehört. Am 19. Protesttag gegen die Rentenreform fielen nach Angaben der Bahngesellschaft SNCF 60 Prozent der TGV-Schnellzüge sowie der Regionalzüge im Land aus sowie 75 Prozent der Intercity-Züge. Der Streik legte auch am Freitag weite Teile des öffentlichen Lebens lahm: Demonstranten in Rennes. (5. Dezember 2019) In Frankreich sind am Donnerstag, 5. Dezember 2019, in mehreren Städten Tausende auf die Strassen gegangen. Auch Gelbwesten waren unter den Demonstranten. Die Polizei musste in Paris Tränengas einsetzen. Es handelt sich um den grössten Streik im öffentlichen Dienst seit Jahrzehnten. Das öffentliche Leben war grösstenteils lahmgelegt. Der Protest richtet sich gegen die geplante Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron. Nichts geht mehr: Eine leere Metrostation in Paris. (4. Dezember 2019) Der Streik dauert bereits mehrere Tage. Ein Enddatum ist nicht festgelegt. (Archivbild) Der Streik betrifft auch den Flugverkehr. Am Flughafen Genf sollen am Donnerstag insgesamt 25 ankommende und 26 abfliegende Flüge aufgrund des Streiks gestrichen werden. Die Fluggesellschaft Swiss annullierte zudem mindestens zwei Flüge zwischen Paris und Zürich. Auch der Zugverkehr zwischen der Schweiz und Frankreich dürfte praktisch zum Erliegen kommen. Nach Angaben der französischen Bahn soll insgesamt nur jeder zehnte Pendler- und Hochgeschwindigkeits-TGV fahren.

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In Frankreich ist Präsident Macron mit den grössten Protesten seiner Amtszeit konfrontiert: Über eine halbe Million Menschen gingen gegen sein Wahlkampf-Versprechen einer Rentenreform auf die Strasse. Ein Generalstreik legte das öffentliche Leben weitgehend lahm.

«Schützt unsere Renten» und «Soziale Unsicherheit tötet» hiess es am Donnerstag auf Protestbannern. Bis zum Nachmittag beteiligten sich mehr als 510'000 Menschen an Kundgebungen in rund 70 Städten, wie eine vorläufige Zählung der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage von Behördenangaben ergab. Die grösste Kundgebung in Paris war dabei noch nicht eingerechnet. Dort gingen nach Angaben der Gewerkschaft CGT 250'000 Menschen auf die Strasse. Angaben der Präfektur gab es vorerst nicht

Die Massenproteste sind die grössten in Frankreich seit Jahren und gelten als Erfolg für die Gewerkschaften. Ihrem Aufruf folgten mehr Menschen als demjenigen der Gelbwesten im November 2018. Damals gingen offiziell 282'000 Menschen auf die Strasse, Emmanuel Macrons Präsidentschaft stand auf der Kippe. Nach milliardenschweren Zusagen des Staatschefs beruhigte sich die Lage dann aber allmählich wieder.

Viele Pendler stiegen für kurze Wege zur Arbeit auf das Rad um, bildeten Fahrgemeinschaften oder arbeiteten von zu Hause aus. Zahlreiche Metrostationen waren zu den Stosszeiten am Morgen weitgehend verwaist.

Auch Flughafen- und Klinik-Bedienstete sowie Lehrer und Beschäftigte bei der Müllabfuhr waren von den Organisatoren des Streiks aufgefordert worden, sich dem Ausstand anzuschliessen. Im westfranzösischen Nantes setzte die Polizei bei Auseinandersetzungen mit Demonstranten Tränengas ein.

Protestzüge in mehreren Städten

Zuvor waren Wurfgeschosse auf die Sicherheitskräfte geschleudert worden. Die Polizei reagierte mit Festnahmen. Innenminister Christophe Castaner hatte gewarnt, Tausende Aktivisten der Anarchisten-Szene und aus dem Lager der regierungsfeindlichen Gelbwesten könnten den Tag für Krawalle nutzen.

Für den Nachmittag war ein grosser Protestzug in Paris zwischen dem Bahnhof Gare du Nord und dem Verkehrsknotenpunkt Place de la Nation geplant. Auch in Lyon und Marseille gingen Tausende Menschen auf die Strassen. Auf Transparenten hiess es: «Macron, verzieh dich» und «Hände weg von unserem Rentensystem».

Auswirkungen auf die Schweiz

Der grosse Streik hat auch Auswirkungen auf Reisende aus der Schweiz. Die SBB rieten von Reisen nach Frankreich von Donnerstag bis Sonntag ab. Es verkehrten nur einzelne Züge, namentlich die TGV-Schnellverbindungen zwischen der Schweiz und Frankreich wurden annulliert.

Auch im Flugverkehr gab es Probleme. Die französische Fluggesellschaft Air France beispielsweise strich 30 Prozent der Inlandflüge. 25 Flüge ab dem Flughafen Genf-Cointrin und 26, die dort landen sollten, wurden annulliert. Auch in Zürich wurden Flüge nach Paris gestrichen.

Kernkraftwerke laufen weiter

Der Staatsbahn SNCF zufolge sollte nur jeder zehnte Pendlerzug fahren. Dies galt auch für die Hochgeschwindigkeitszüge TGV. Eurostar und Thalys strichen Verbindungen zwischen Paris und London sowie Brüssel. Rund 20 Prozent aller Flüge sollten wegen Auswirkungen der Streiks abgesagt werden. In Südfrankreich wurde eine ölverarbeitende Anlage von Protestierenden blockiert. Zwei Kohlekraftwerke und ein Gaskraftwerk waren von dem Ausstand betroffen, nicht jedoch die den französischen Energiesektor dominierenden Kernkraftwerke, wie der Stromnetzbetreiber RTE mitteilte.

Die Gewerkschaften setzen darauf, dass der Streik die Regierung dazu bringt, ihre Rentenreform abzublasen. «Wir müssen die Wirtschaft lahmlegen», sagte Christian Grolier, ein Spitzenfunktionär der Gewerkschaft Force Ouvrière, der Nachrichtenagentur Reuters.

Privilegien aus der Zeit von Ludwig XIV.

Macron will Frankreichs veraltetes Rentensystem vereinfachen, das mehr als 40 verschiedene Pensionsformen umfasst. Dabei variieren Renteneintrittsalter und Pensionsleistungen. So können beispielsweise Bahnangestellte wesentlich früher in Rente gehen als andere Beschäftigte. Auch Seeleute werden privilegiert. Sie können mit 37,5 Beitragsjahren bereits mit 52,5 Jahren in Pension gehen und damit fast zehn Jahre früher als ein normaler Arbeiter.

Die Sonderregeln gehen auf die Zeit von König Ludwig XIV. zurück, also auf das 17. Jahrhundert. Laut OECD-Daten steckt Frankreich rund 14 Prozent der Wirtschaftsleistung in das Rentensystem, in Deutschland sind es nur zehn Prozent. Macron hält das System für unfair und zu teuer. Er fordert ein einheitliches, auf Rentenpunkte basierendes System, das für alle Franzosen gleichermassen gelten soll.

Über 70 Gewaltbereite verhaftet

Am Rande der Pariser Demonstration kam es vorübergehend zu Gewalt: Schwarz gekleidete Vermummte zündeten einen Bauwagen und Mülleimer an und warfen Fensterscheiben ein. Die Polizei setzte Tränengas ein. Der Fernsehsender BFM-TV sprach von mindestens 500 Gewaltbereiten. Vereinzelt waren darunter auch Menschen in gelben Warnwesten zu sehen. In Paris wurden mehr als 70 Gewaltbereite vorübergehend von der Polizei in Gewahrsam genommen.

Auch in anderen französischen Städten wie Nantes, Bordeaux und Lyon kam es vereinzelt zu Zusammenstössen von Vermummten mit den Sicherheitskräften. Das Innenministerium hatte vor Krawallen von Anhängern des «Schwarzen Blocks» und «radikalen Gelbwesten» gewarnt. In Paris waren 6000 Polizisten im Einsatz.

Premierminister Edouard Philippe sagte am Rande einer Krisensitzung der Regierung, er danke den Gewerkschaften für die grösstenteils friedlich verlaufenen Demonstrationen. Der Premier will die umstrittene Rentenreform Mitte der kommenden Woche erstmals im Detail vorstellen.

Macron bleibt hart – Bevölkerungsmehrheit für Streik

Macrons Büro erklärte, der Präsident halte «entschlossen» an seinem Plan fest. Macron hatte die Reform wegen der «Gelbwesten»-Proteste vorerst aufgeschoben. Im Kern will er die mehr als 40 verschiedenen Rentensysteme vereinheitlichen und das Defizit der Rentenkassen abbauen, das bis 2025 auf 17 Milliarden Euro steigen könnte. Die Gewerkschaften befürchten massive Kürzungen.

Nach Umfragen unterstützt eine Mehrheit der Franzosen den Generalstreik, der auch von der Opposition mitgetragen wird. Die Gewerkschaften hoffen auf eine Sprengkraft wie 1995: Damals sagte die Regierung unter Präsident Jacques Chirac eine Rentenreform nach wochenlangen Protesten ab.

Kein Enddatum festgelegt

Die Verkehrsgewerkschaften haben für den Streik kein Enddatum festgelegt. Doch nicht jeder Franzose steht hinter dem Ausstand: «Schon seit 30 Jahren versuchen Regierungen immer wieder, Reformen umzusetzen und scheitern dann an den Gewerkschaften, die das Land lahmlegen», klagt eine 56-jährige Café-Inhaberin in Paris. Ein bis zwei Tage könne man sich mit den Streikfolgen ja noch arrangieren: «Doch schon nächste Woche dürfte es den Leuten zu bunt werden.»


(kat/chk/reuters/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • irgendöper am 05.12.2019 06:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Streiken

    Der Volkssport Nummer 1 in Frankreich... xD

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  • Franz am 05.12.2019 06:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und wir?

    Nur die Schweizer lassen sich am Ende des Lebens um die Früchte Ihrer Arbeit bringen, ohne Pieps oder Papps zu sagen.....oder haben wir gar noch nicht gescheckt, was hierzulande abgeht?

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  • Alfred am 05.12.2019 06:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nie mehr

    Frankreich ist ein katastrophales Land. Mehr brauch man nicht zu sagen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Be O Bachter am 06.12.2019 01:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Europa - wie weiter?

    Mittel- und Nordeuropa wird über die Jahre stark ins Hintertreffen geraten. Das Motto lautet: wir wollen weniger Arbeit, höhere Löhne, mehr Kinder- und Familienunterstützung, höhere Renten usw. Da wird die Wirtschaft gegen die Arbeitssklavenländer wie China das heute schon im Geld schwimmt aber auch Indien und andere keine Chance haben. Vor allem auch weil wir verwöhnten Westeuropäer nicht bereit sind konsequent eigene Produkte zu kaufen sondern auf möglichst billige Asienprodukte setzen.

  • M.G. am 06.12.2019 00:43 Report Diesen Beitrag melden

    Charles De Gaulle

    sagte einmal über seine Heimat: "Ein Land das 370 Sorten Käse produziert ist unregierbar". Denn jeder will seine Extrawurst, seine persönlichen Privilegien. Solidarität wird nur dann eingefordert wenn sie einem persönlich einen Vorteil bringt. Die Franzosen haben zwar die Monarchie gestürzt, den Code Civil erfunden und die Demokratie eingeführt. Aber kaum ein anderes Land in Europa ausser vielleicht GB hat immer noch eine dermassen starre Klassengesellschaft. Wessen Eltern nicht Teil eines politschen oder wirtschaftlichen Netzwerks sind der hat keine Chance Karriere zu machen.

    • Serge am 06.12.2019 09:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @M.G.

      Und die ohne Karrierechancen wollen nicht arbeiten oder vielleicht zwei bis drei Stunden am Tag inkl Kaffeepause und Gewerkschaftssitzungen. Oh ihr armen Franzosen zum Glück unterstützen euch in der EU die Deutschen, sonst hättet ihr nicht mal mehr euren Käse und euren Wein.

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  • Walter Hechtler am 06.12.2019 00:05 Report Diesen Beitrag melden

    Hallo 2020

    Vive La France Vive La Republique aber nur mit Rente und 50% Arbeiten und 10 wochen Ferien und 35 StundenWoche und Garantie Lebenslanger Job etc etc

  • Pierre am 05.12.2019 22:10 Report Diesen Beitrag melden

    Und gezeigt wird ein Bild einer .....

    Pariser Metrostation. Der geneigte Leser fragt sich nun bestimmt: Was hat eine Metrostation mit TGVs zu tun? Soviel zu den Symbolbildern.

  • Frodo am 05.12.2019 21:41 Report Diesen Beitrag melden

    Beiträge

    Wäre spannender, mal einen Bericht zu lesen, dass die Franzosen NICHT streiken.

    • Napoleon am 06.12.2019 09:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frodo

      Aber wenn sie nicht streiken tun sie auch nichts anderes. Wäre schon in Frankreich Ferien zu machen ohne die Franzosen.

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